„Man macht die Tür auf und dann öffnet sich eine andere Welt“ – Zara Pfeifers über die Utopie Alterlaa

Seit über fünf Jahren beschäftigt sich die Fotografin Zara Pfeifer mit dem Wohnpark Alterlaa. Im Fokus ihrer Arbeit stehen dabei vor allem die Clubräume, die von den BewohnerInnen individuell genutzt werden können. Wir haben mit ihr über ihre Identifikation mit Alterlaa, ihre Arbeit und die Clubs gesprochen.

© Zara Pfeifer

Seit einer Führung in Alterlaa vor fünf Jahren beschäftigt sich die Fotografin Zara Pfeifer intensiv mit dem Wohnprojekt am Wiener Stadtrand. Dabei beobachtet sie nicht nur – sie wurde gewissermaßen Teil des Wohnprojekts, das nicht nur von den Medien, sondern auch von seinen BewohnerInnen heiß geliebt wird. Ihr Projekt „Du, meine konkrete Utopie“ gibt Einblicke in die von den BewohnerInnen selbst gestalteten Clubräume und zeigt, wie Gemeinschaft in einem Bau, der 10.000 Menschen beherbergt, funktionieren kann.

Wie ist es dazu gekommen, dass du dich so intensiv mit Alterlaa beschäftigt hast? 

Ich wollte die BewohnerInnen von Alterlaa kennenlernen und habe von diesen Clubräumen erfahren. Es gibt über 30 Clubs und ich bin dann einfach zu einem Treffen des Fotoclubs mit meiner ganzen Ausrüstung hingegangen und habe dort erzählt, dass ich eine Fotoserie machen möchte. Das war zuerst ein etwas komischer Moment, weil ich war ein neues Gesicht und jünger als die meisten und ich glaube am Anfang fanden mich die etwas seltsam (lacht). Ich bin dann aber immer mittwochs hingegangen und habe auch immer Abzüge von meinen Fotos mitgebracht. Sie haben gemerkt, was mich interessiert und mich in andere Clubs eingeladen und so ist das immer weiter gewachsen. Ich finde nach den mittlerweile fünf Jahren in Alterlaa diese Community extrem beeindruckend – wie das entstehen konnte und wie das so aktiv geblieben ist. Es gibt viel Austausch und Nachbarschaftshilfe, es gibt auch eine Facebook-Gruppe, wo die Bewohner sich gegenseitig Tipps und Ratschläge geben. Es gibt eine hohe Identifikation mit dem Ort.

Wie kann man sich den Fotoclub vorstellen?

Zu mir hat der Clubobmann einmal gesagt: „Analog kommst ned weit, heute ist alles digital, also deine Ausrüstung kannst du vergessen.“ Da rief dann ein anderer: „Ich hab eine Nikon 1, Nikon 2, Nikon 3, kannst du alles haben.“ (lacht) Die haben mich zuerst ausgelacht mit meiner analogen Ausrüstung. Es ist so, dass es alle zwei Wochen eine Vorführung von einem selbstgedrehten Video der Bewohner gibt, das sind dann so Urlaubsvideos oder selbstgemachte Dokus. Da ist die Bude dann auch voll, da werden Stühle aufgestellt und mit Namen versehen und dann schauen sich alle gemeinsam 30- bis 40-minütige selbstgeschnittene Filme an und danach gibt es ein geselliges Miteinander.

Wie haben die Menschen auf dich reagiert?  

Ich habe wirklich nie schlechte Erfahrungen gemacht in den fünf Jahren. Es war schon so, dass manche über das Interesse verwundert waren, gleichzeitig kommen aber auch öfter Medienleute nach Alterlaa, weil es ein bekannter Wohnbau ist. Aber in den Clubräumen ist es schon relativ intim und es passiert alles auf engem Raum und man kann nicht einfach kommen und fotografieren und dann sofort wieder gehen. Man muss sich schon allen vorstellen und ein großer Teil der Arbeit war auch reden und einfach anwesend sein. Dadurch dass ich regelmäßig dort war, kannten die Bewohnerinnen sowohl mich als auch die Fotos. Am Anfang habe ich auch relativ schnell ein eigenes Magazin mit meinen Fotos gedruckt und ihnen gezeigt und dann war das viel einfacher.

Welcher Club hat dich am meisten fasziniert?

Vielleicht der neueste, das Freddie Quinn Museum. Das ist ein riesiges Archiv über den Künstler Freddie Quinn. Ein Bewohner-Paar hat das ins Leben gerufen, die sind die größten Fans und haben über Jahrzehnte hinweg Material gesammelt. Das ist schon krass. Die beiden haben jeden Artikel, alle CDs, alle Special Editions und beispielsweise auch Kleidung von Auftritten gesammelt. Was mich so fasziniert: Die hatten alles zuvor in ihrer Wohnung, in den Schränken, unter den Betten und das fand ich so spannend: Es gibt dort dann eben diese Extra-Räumlichkeiten für die BewohnerInnen, die nicht definiert sind und für die man sich bewerben kann, weil man eine Idee hat. In diesem Fall hat dieses Pärchen diesen Raum bekommen und man kann sich mit ihnen einen Termin ausmachen und ins Museum gehen. Sie können stundenlang von Freddie Quinn erzählen.

Was war fotografisch am interessantesten?

Der Schlechtwetterspielplatz. Dort werde ich auch meine Buchpräsentation machen, das sind so abstrakte grüne Spiellandschaften. Daneben gibt es einen zweiten Raum daneben, da liegt eine Matratze quer im Raum und darauf steht eine gelbe Rutsche. Es sieht aus wie eine Kunstinstallation. Man sieht auch, an einem Eck ist ein Stück von einem Teppich abgeschnitten, damit er gedreht in den Raum reinpasst. Besser kann man es nicht inszenieren, aber das ist eben unbewusst. Die Räume sind fensterlos und das macht es noch abstrakter. Ich konnte mir anfangs gar nicht vorstellen, wie da Kinder spielen.

Eine Bewohnerin hat mir dann mit einer Leichtigkeit erzählt, wie praktisch diese Räume sind, wenn es regnet. Ihr Kinder können sich dort einfach austoben. Sie hat auch erzählt, dass sie Kindergeburtstage dort gefeiert hat und danach einfach mit dem Staubsauger durchgefahren ist und wie einfach das ist. Dann konnte ich mir das vorstellen.

Es kam öfter vor, dass mit die BewohnerInnen erzählt haben, wie sie die Räume nutzen und erst dann hatte ich eine klarere Vorstellung. Aber ich würde sagen, der Schlechtwetterspielplatz ist wirklich der flashigste Raum, auch weil es so knallige Farben sind und deshalb wollte ich auch die Buchpräsentation dort machen. Ich habe sowas noch nie gesehen. Es gibt insgesamt auch sieben Schlechtwetterspielplätze. Man muss die Schuhe ausziehen und dann kommt man in eine andere Welt.

Schlechtwetterspielplatz © Zara Pfeifer

Auf einem deiner Fotos sieht man das Schwimmbad, das doch sehr wenig frequentiert ist. War das eine Ausnahme, oder hat man dort wirklich Ruhe? 

Das war Mittags um 15 Uhr im Hochsommer. Ich habe ja mal zur Probe dort gewohnt im Sommer und da war es meistens ziemlich leer. Mehr als 30 Leute habe ich selten gesehen. Das Schwimmbad ist auf dem Dach und darunter ist noch eine Liegefläche mit grünem Filz, auch auf dem Dach, auf der dann meistens mehr Leute liegen. Oben direkt neben dem Schwimmbad darf man nicht liegen.

Ich habe auf die Wohnung von zwei Bewohnern im Sommer aufgepasst und ich hatte eigentlich die ganze Zeit einen Bademantel an. Wenn es mir in der Wohnung zu heiß wurde, hab ich mir Badeschlapfen und Bademantel angezogen, bin in den Aufzug und dort trifft man dann auch andere Bewohner mit Bademantel. Das ist so ein bisschen wie im Hotel.

© Zara Pfeifer

Wie viele Regeln braucht es, damit so etwas funktioniert? Es gibt ja schon einige Verbote, die auch recht groß zu sehen sind…  

Es gibt schon eine ziemliche Regelordnung. Zum Beispiel auch, wie viele BesucherInnen man mitbringen darf. Man kann nicht mehr als zwei BesucherInnen pro Haushalt mitnehmen. Die Regeln werden aber alle recht strikt eingehalten.

Es gibt aber auch eine junge Szene in Alterlaa, die versucht, etwas Frisches reinzubringen. Ein paar Leute haben beispielsweise eine Cocktailparty bei den Schwimmbädern organisiert. Da kam dann einer mit einer Box mit den Spirituosen und hat in der Ecke dann Cocktails gemixt und an jeden verteilt, damit niemand grumpy ist. Die versuchen, das etwas aufzulockern.

© Zara Pfeifer

Die Fotos, eben auch dieses, wirken so, als ob die BewohnerInnen recht wenig Scheu hätten… 

Diese Aerobic-Gruppe kannte ich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre. Die hatte ich schon öfter fotografiert. Ich hab mir das ein bisschen erarbeitet, ihnen immer wieder Fotos gezeigt und sie haben gemerkt, wie begeistert ich bin.

Die Bewohner selbst identifizieren sich aber auch sehr stark mit dem Ort, richtig? 

Die sind alle superstolz auf Alterlaa. Ich habe keine Person getroffen, der ihr Wohnort egal ist. Auch die Jugendlichen sagen, sie laden am liebsten ihre Freunde nach Alterlaa ein und die Begründung – egal in welchem Alter – ist eigentlich immer: Hier habe ich alles. Hier gibt es alles.

Hast du das Gefühl, dass diese Clubszene aussterben könnte, wenn junge Leute nachkommen? 

Ja, das finde ich super spannend und ich werde das sicher verfolgen. Viele der BewohnerInnen werden in den nächsten 10 bis 20 Jahren sterben und es ist natürlich interessant, was dann mit diesen Räumen passiert. Die Clubs wurden großteils in den 70er Jahren gegründet und teilweise wirklich unverändert.

Pensionistenclub © Zara Pfeifer

Im Modellbauclub waren ein paar junge Leute, aber der Pensionistenclub schließt beispielsweise und es würde mich wirklich interessiert was dort passiert. Wenn sich dort die kreative junge Szene einnistet, dann würden da wahrscheinlich Ateliers und Galerien entstehen, aber im Moment sieht es so aus, dass junge Familien nachkommen. Ich habe mal jemanden gefragt, der da involviert ist und er meinte, die Räume werden immer mehr zu Abstellplätzen. Aber wenn ich in so einem Wohnbau wohnen würde, würde ich mich freuen, so einen Raum nutzen zu können und das Schöne ist, dass nicht diktiert ist, wozu man den Raum nutzt. Das entsteht alles aus Eigeninitiative der BewohnerInnen.

© Zara Pfeifer

 

Die Räume sind alle fensterlos. Wieso wurden daraus Clubräume? 

Der Architekt hat die Terrassenform gewählt, um jedem einen Balkon zu ermöglichen. Dadurch ergibt sich diese Terrassenform und dadurch hat man im Inneren so ein dunkles Dreieck, das sich nicht für Wohnungen eignet. Dort gibt es Abstellräume, Clubräume und Schwimmbäder. Das ist kein Zufallsprodukt. Dem Architekt war die Nähe zum Wasser, die Nähe zum Grünen und die Gemeinschaft am Wichtigsten. Ich habe oft Freunde mitgenommen, die gesagt haben, sie fühlen sich wie im Keller. Ich habe das nie unangenehm empfunden. Aber ich finde es interessant, dass die Räume offensichtlich nicht attraktiv sein müssen, um genutzt zu werden.

Wieso hast du dich so lange mit dem Projekt beschäftigt? 

Eigentlich war das meine Diplomarbeit, die habe ich aber schon lange fertig. Mich haben diese Clubräume dann einfach so fasziniert und ich wollte alle davon sehen. Man macht die Tür auf und dann öffnet sich eine andere Welt. Teilweise sind diese Clubs seit den 70ern unverändert, teilweise sind aber auch junge Leute dort, gerade in den Sportclubs. Jetzt habe ich alle Räume gesehen, jetzt interessieren mich aber schon wieder neue Themen, zum Beispiel Jugend in Alterlaa.

© Zara Pfeifer, Sportschützenclub
© Zara Pfeifer, Aerobic-Club

Heute ab 17 Uhr präsentiert Zara Pfeifer ihr Buch im Wohnpark Alterlaa. Neben der Buchpräsentation gibt es Fotoinstallationen, BewohnerInnen-Interviews, eine Führung mit der Fotografin, ein Screening, sowie Wurstsemmel-Pyramiden und Cocktails vom Koch-Club. Hier alle Infos zur Veranstaltung, mehr Arbeiten von Zara Pfeifer findet man hier.

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