Netto-Bekanntschaften – die Psychologie der Piste

Skilehrer Alexander Sever erzählt direkt auf den Punkt von den Mechanismen des Jobs bis hinab zu den bitteren Konsequenzen samt Diagnose Single.

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Österreich. Im Internationalen Spiegel das Land der Klassik. Und das Land der Idylle um den Schnee. Spätestens mit dem Schinken „The Sound of Music“ wurde das Image der glücklich jodelenden Familie dazu vernetzt und es funktioniert noch immer glänzend für den Fremdenverkehr.

Ein ewig mitschwingender Faktor ist das Klischee des Skilehrers. Der nun mal – krisensicher – benötigt wird, denn wo wird schon auswärts in der Schule der richtige Schwung schon gelehrt? Seit dem Aufkommen des Apre-Ski-Zirkus hat sich das Rad nochmals weitergedreht. Neben den alten Weisen der ewig scharfen Sunny Boys der Piste kam eine Rundum-Behandlung ins Spiel. Ein prominent offensiver Faktor in der Fremdenverkehrs-Werbung, den jemand darstellen muss, den Alltag ausblenden hilft. Alexander Sever war mitten drinnen und lebte die Goldene Zeit des Einkehrschwungs in vollen Zügen nach dem simpel linearen Prinzip von der Piste in die Kiste. Primäres wie bevorzugtes Opfertier ohne zwingender Schonzeit ist das in allen Facetten auftauchende Skihaserl.

Moderner Casanova

Das Besondere wie Eigenartige an dem Buch "Schneeverhältnisse – Bekenntnisse eines Skilehrers" ist die durchaus direkte Schilderung der Begebenheiten. Entgegen dem meist gepflegten Schweigen des Brettl-Gentlemans nach der Genießer-Doktrin wird hier direkt von der Front berichtet. Nicht, dass man in schlüpfrig erotischen Details versinkt. Viel mehr geht es anhand von einzelnen Abenteuern um die Logik und Strategie des adäquat abstuften Aufrisses. Vom unschuldigen Anfang als frisch gefangener Skilehrer-Rekrut führen die 188 Seiten über die Hochzeit der Begehrlichkeiten ehrlich bis zur Übernahme des Hormon-Mechanismus, der Leere und dem Selbstzweifel aufgrund mangelnder Forderung in einem satten Burn-Out mündend. Skischulen und klassische Orte trachten aus Angst um das Image eher nicht nach solch klaren Worten. Der Sohn des Vizepräsidenten der Wirtschaftskammer Kärnten legt dabei darauf Wert, dass die gesamte Palette der Facetten in einem ausgewogenen Verhältnis zum Tragen kommt. Stimmt. Beinahe. Dass der amtlich richtige Flirt samt potentiellem Abschluss dabei breiten Raum bekommt, entspricht den Parametern des normalen Arbeitstages. Klassischen Strahlemann ohne Schrammen mit gesunden Zähnen für die Werbung hat Sever dabei nicht gebaut. Der Zynismus der Realität trifft auch Sever selbst immer wieder herb. Ebenso analytisch wie mit zwinkerndem Auge werden grundsätzliche Tipps für die richtige Anmache gegeben. Die Vorauswahl, das Abchecken, das richtige Entree, die wohl getimte Attacke innerhalb der obligaten Woche, Separierung von der Herde und die finale Eindeutigkeit. Merke: Nicht gleich frontal auf den Einser-Hasen zusteuern, strategisch richtig die psychologisch sinnvolle Körpersprache wie den richtigen Witz auswählen, das Momentum für sich konsequent nutzen. Ebenso klar das eigene Alpha-Revier markieren und damit störende Faktoren ausschalten. Apropos Markieren: besser die Shots forcieren und nicht zuviel Flüssigkeit zu sich nehmen. Siehe Momentum verpassen. Und dann wäre natürlich auch eine gewisse Weitsicht. Diese lässt einen die örtlichen Servierkörper auslassen, denn man möchte vor Ort nicht das letzte Mal ungestört dem Spiel frönen.

It’s a Dirty Job but Somebody’s Gotta Do It

Es steht geschrieben und ist bestätigt, dass es sich hier um wahre Gegebenheiten von Sever und seinen Kollegen handelt. Quasi als persönlich lächelnder Rückblick, weniger als demaskierender Aufdecker als Diss für eine gesamte Berufsgruppe. Wenn der geprüfte Schilehrer in real vor einem steht, kommen auch keine Zweifel auf, dass der nicht wüsste, wie der Jackpot mit einem laschen Zweier-Paar in der Hand doch noch sicher ins Bett gespielt wird. Von Mutter Natur durchaus nicht benachteiligt und mit einem gewinnenden Gemüt ausgestattet, ist ihm das passiert, was nicht so primär am Plan des Studiums stand. Als Student der Sportwissenschaften und Informatik öffnete sich mehr zufällig über das USI (Universitätssportinstitut Wien) die Pforte zum lockeren Leben auf den Pisten. Schnell greift der Spaß um sich, fesselt die Seele, schiebt andere Prioritäten beiseite und gewinnt schlussendlich extrovertiert als gespaltene Seele für zwölf Jahre Oberhand. Gleich einer Droge, der man willig bei wenig Selbstreflexions-Vermögen in den Untergang folgt. Aufgefressen und leer bekommt man die Diagnose Single. Doch wenn das Leben schon mal so freundlich fragt, fällt die Verweigerung doppelt schwer. Steht vielleicht nicht einmal zur Diskussion. Heute ist Autor Sever nach einem herben Ski-Unfall (aus Eigenverschulden) übrigens Dozent für Sportgeräte-Design an der Universität und noch immer liebend gerne auf allen Pisten. Ski Heil!

Alexander Sever

"Schneeverhältnisse"

Edition a

EUR 19,95

Textauszüge aus „Schneeverhältnisse“

Nachdem wir einige Minuten geplaudert hatten, war es nur logisch, dass wir unsere Drinks, als sie endlich da waren, gemeinsam konsumierten. Ich spulte das ganze Programm ab, das ich schon hunderte Male auf der Skihütte geübt hatte. Hand kurz auf die Schulter legen. Hand wieder wegnehmen. Das Gespräch ins Zweideutige abdriften lassen. Ihre Antwort ins Gegenteil verdrehen und so weiter und so fort. Ich weiß nicht, wie viele Wodka Lemons sie und wie viele Tequilas ich gekippt hatte. Als wir auf die Uhr sahen, war es halb zwei.

»Ich muss heim«, sagte sie und überprüfte den Inhalt ihrer Handtasche. Ich ging aufs Ganze. Mehr als Nein sagen, konnte sie ja nicht. »Dass du verheiratet bist, ist mir schon klar. Ich wollte dir trotzdem sagen, dass ich dich total gerne wiedersehen würde. Irgendwo, wo es nicht so stressig ist und wo wir in Ruhe miteinander reden können. Wir könnten das zum Beispiel mit einem gemeinsamen Abendessen verbinden. Ich schreibe dir einfach meine Handynummer auf, und wenn du Lust hast, meldest du dich, okay?« Ich kritzelte meine Nummer auf einen Flyer, der auf der Bar herumlag, küsste sie links und rechts auf die Wange, sagte »Komm gut heim« und verschwand dann aufs Klo.

Apropos Klo. Wenn du mit einer Lady, die du begehrst, an der Bar stehst, darfst du niemals Bier trinken. Du trinkst am besten Shots, Klassiker wie Gin-­‐Tonic oder Tequila. Um Bier zu trinken, hast du in Gesellschaft einer Frau an der Bar einfach nicht die Zeit. Der Zeitfaktor spielt eine wesentliche Rolle. Vor allem auf der Skihütte, auf der es darum geht, sich in möglichst kurzer Zeit möglichst heftig zu berauschen. Wenn du da zwanzig Minuten an einem Bier nippst, ist die Frau, die du eben noch beeindrucken wolltest, längst über alle Berge. Wenn du dann auch noch ständig Pinkelpausen einlegen musst, ist das nicht nur lästig für dich, sondern vor allem auch für die Frau. Ganz abgesehen davon, dass du damit das Feld einem potenziellen Rivalen überlässt. Daher beim Aufriss nur harte Getränke. Pinkeln kannst du immer noch, nachdem die Lady sich verabschiedet hat. Im allerschlimmsten Fall nimmst du sie einfach mit aufs Klo. So weit waren Julia und ich allerdings noch nicht. Nach wenigen Tagen trudelte aber eine SMS von ihr ein.

Was auch immer du vorhast … ich bin in einer glücklichen Beziehung, aber ich würde dich sehr gern wiedersehen. Morgen Abend hätte ich Zeit. Julia

Ich schlug vor, dass wir uns um 19.00 Uhr in einer gehobenen Pizzeria in der Nähe meines Studentenheims trafen. Manuel hatte ich mit einer Theaterkarte für ein kompliziertes Stück bis Mitternacht beschäftigt. Uhrzeit und Ort sind bei einem Date ganz wesentlich. Wenn wirklich etwas passieren sollte, ging ich am Abend mit der betreffenden Frau Essen und danach am besten noch etwas trinken. Damit sollte auch ein Lokalwechsel verbunden sein, ideal war eine Cocktailbar. Ganz klar war auch: Wenn ich es nach dem dritten Date nicht geschafft hatte, die Lady ins Bett zu kriegen, vergaß ich die ganze Sache. Es war nur schade um die Zeit.

Wenn ich mit einer neuen Gruppe auf der Piste stand, hatte ich beim Aufwärmen nie die Skibrille auf der Nase, sondern ich hatte sie immer nach oben geschoben. So konnte ich gleich erkennen, welches Mädel gern flirtete und welches schüchtern war. Je übertriebener ich dieses erste Abtasten der Gruppe betrieb, umso authentischer waren die Reaktionen der Teilnehmer. Wenn etwa eine Gruppe aus sechs Frauen und zwei Männern bestand, sagte ich als Erstes etwas Blödes zu den Männern. Erstens, um zu sehen, wie sie reagierten, vor allem aber, um die Mädels auf meine Seite zu ziehen und so gleich einmal das Revier abzustecken. Dafür reichte ein simpler Satz an zwei Kursteilnehmer gerichtet.

»Ihr zwei passt ja ganz wunderbar zusammen, ihr werdet in dieser Woche sicher noch ein super Pärchen.« Das war zwar meistens völlig aus der Luft gegriffen, aber damit hatte ich immer die Lacher auf meiner Seite, vor allem die der Mädels. Nur darauf kommt es schließlich an. An der Reaktion der Jungs konnte ich auch gleich erkennen, ob sie als Konkurrenz ernst zu nehmen waren oder nicht. Ich streute auch am ersten Tag auf der Piste, wenn alle noch ein bisschen verkatert von der Begrüßungsparty waren, immer die sogenannte »R‐Frage« ein. Ich strahlte meine Gruppe an und stellte die Frage ganz direkt. »Damit wir uns ein bisschen besser kennenlernen: Wer ist verliebt, wer verlobt, wer verheiratet, wer lebt in einer glücklichen Beziehung, wer will hier jemanden kennenlernen und wer hat in dieser Woche gerade die Regel?«

Die Mädels, die vergeben waren, posaunten es natürlich sofort heraus. Wer Single war, behielt das lieber für sich. Alle die, die krampfhaft auf den Boden starrten, hatten gerade ihre Tage. Diese Frage forderte die Mutigen heraus. Sie erkundigten sich dann meistens, warum ich so etwas wissen wolle und was mich denn das überhaupt angehe. Darauf grinste ich nur und meinte, dass Frauen, die ihre Tage haben, immer ein bisschen launisch seien. »Für die werde ich wohl einmal einen Extratag machen müssen.« An den Reaktionen der Mädels erkannte ich gleich, wer wie tickte. Schon beim Kennenlernen am Beginn der Woche muss der Skilehrer klarstellen, dass er zwar derjenige ist, der von jetzt an eine Woche lang das Sagen hat, aber auch derjenige, der Spaß versteht. Natürlich brachte ich mit solchen Bemerkungen die Leute zum Nachdenken. Die Jungs dachten: Wow, der traut sich was! Damit hatte ich die potenzielle Konkurrenz meist schon eliminiert. Lustigerweise dachte bei dieser Frage nie jemand an das Naheliegendste. Klar, wenn ich eine solche Frage aus heiterem Himmel stellte, brauchten alle ein paar Sekunden zum Nachdenken, um sich eine Antwort zu überlegen. Ganz ehrlich, für jemanden, der eine von seinen Schülerinnen ins Bett kriegen will, ist es aber essenziell, gleich am Beginn der Woche über zwei Dinge Bescheid zu wissen: Welche Mädels sind vergeben und welche haben ihre Tage? Sex mit Frauen, die gerade menstruieren, ist so eine Sache. Manche stehen darauf, vielen ist es egal und einige finden es widerlich. Für mich wäre eine Frau, die gerade ihre Tage hatte, einfach eine unnötige Verkomplizierung von prinzipiell sehr einfachen Dingen gewesen. Ich wollte schließlich Spaß haben, da machte ich mir das Leben nicht unnötig schwer.

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