»New York war für mich wie ein riesengroßer Spielwarenladen« – Die Fotografin Eva Zar im Interview

Am 29. März eröffnet in der Improper Walls Galerie die Solo-Ausstellung »Femme« von Fotografin Eva Zar. Im Interview plaudert die Wahl-New-Yorkerin über ihre eigene Definition von Schönheit, Frustration im Social-Media-Teufelskreis und Honeymoon-Momente bei Shootings.

Sateen @ Eva Zar

Du kommst ja quasi gerade erst aus New York, wo du seit zwei Jahren arbeitest und lebst. Hast du dich schon wieder in Wien akklimatisiert?

Ja, ich bin es ja eigentlich schon gewohnt… Ich weiß schon ganz genau, was ich wann tun muss, damit ich keinen Jetlag habe.

Wirst du dieses Jahr häufiger in Wien sein?

Nein, ich glaube, das war jetzt das letzte Mal für dieses Jahr… Ich habe zumindest einen Flug zu Weihnachten gebucht, weil meine Mutter hier wohnt und wenn ich zu Weihnachten nicht da bin, bin ich einen Kopf kürzer, ganz klar. (lacht) Ich merk’s auch jetzt mit der Ausstellung wieder, dass ich ein bisschen den Bezug zu Wien verloren habe. Man denkt zwar immer, es verändert sich nichts, aber ich glaube schon, dass sich viel verändert. Ich kenne das ja selber, wenn man aus Wien ist und sagt: „Hier verändert sich nichts, du kannst immer noch nach 20 Jahren herziehen und es ist immer noch gleich!“ So ist es aber nicht.

Aber gibt’s auch etwas, das du an Wien vermisst, wenn du in New York bist?

New York ist eine sehr krasse Stadt. Du arbeitest die ganze Zeit, ich habe dort kein Wochenende. Die Leute sagen zwar: „Ach, nimm dir doch einen Tag frei!“ Aber du hast immer das Gefühl, dass sich etwas nicht ausgeht. Wenn du etwas Kreatives machst ist es am besten, du hättest es schon vorgestern erledigt. Ich glaube, das fehlt mir an Wien…Trotzdem ist New York vor allem für kreative, junge Menschen die beste Stadt! Du kannst es mit Wien nicht vergleichen — Wien ist einfach keine Metropole. Ich habe hier oft das Gefühl, dass es einfach wenig Raum gibt, um sich zu erweitern oder zu sagen: „Hey, riskieren wir’s mal!“ Wenn du diesen Spielraum als kreative Person nicht hast, kannst du dich nicht ausbreiten und besser werden.

Merlot for Time Out New York © Eva Zar

Wie war es dann für dich, aus Wien ganz wegzugehen und allein in New York Fuß zu fassen? War das Überforderung pur?

Wenn du in Wien aufwächst, bist du in einem sehr geborgenen Nest, die Leute kümmern sich um dich und ich hatte hier echt viele Freunde. Und wenn du dann nach New York ziehst, kennst du niemanden, alles ist neu, laut und groß. Du weißt gar nicht, wo du anfangen sollst, es gibt so viel! New York ist für mich so wie wenn man als Kind in den Toys“R“Us gegangen ist: Es gibt so viele geile Sachen und du weißt nicht, was du zuerst haben möchtest!

In welcher Kreativ-Community bist du in New York aufgehoben?

Es gibt so unterschiedliche Communities… Einerseits gibt es die Uni. Parsons ist definitiv eine Community, die sehr elitär ist — sehr eigen und geschlossen. In den USA ist es wirklich so, dass wenn du auf einer bestimmten Uni bist, du dadurch einen Stempel trägst. Du trägst quasi den Parsons-Pulli! Aber außerhalb der Uni bin ich wirklich sehr gerne in Brooklyn. Die Dragqueen-Szene in Brooklyn ist sehr lustig und macht einfach gute Laune. Alles sehr raw und humorvoll. Zwischen Manhattan und Brooklyn ist da auch so ein großer Unterschied. Manhattan ist da sehr poliert, perfekte Haare, rasierte Beine. In Brooklyn fliegt die Perücke bei der Performance runter oder die Queen isst Hotdogs, es hat immer einen Scherz oder was Kritisches. So wie das Rhinoplasty, nur in einem Bezirk!

© Eva Zar

Du hast auf deiner Facebook-Page letzten November einen Post veröffentlicht, in dem du deine Clickbait-Frustration thematisierst: Das Model auf dem Foto ist Love Bailey, eine queere Künstlerin, Performerin und Designerin. Für viele Magazine, denen du die Fotostrecke angeboten hast, waren die Aufnahmen „too much“. Andererseits schmücken sich Magazine wie die Vogue mit Models wie Gigi Hadid und labeln diese fälschlicherweise mit Hashtags wie #genderfluidgoals. Queerness scheint mittlerweile zwar als Schlagwort angekommen zu sein, wird es allerdings inhaltlich, sieht es wieder anders aus. Ändert sich deiner Meinung nach trotz dieser sehr oberflächlichen „Marketplace-Solidarity“ etwas in Bezug auf Themen wie Queerness, Feminismus, Equality?

Ich glaube jede Art von Konversation ist eine gute Art von Konversation. Egal, ob es jetzt oberflächlich ist oder nicht. Selbst wenn du ein T-Shirt trägst, auf dem „feminist“ draufsteht aber du nicht wirklich eine Ahnung hast, was es bedeutet, öffnet es vielleicht eine Konversation. Es gibt natürlich Leute, die Marketing betreiben, aber am Ende des Tages muss man eben ein schlauer Fuchs sein und sagen: „Okay, wenn ihr das als Marketing übernehmt, dann nehmen wir uns da was raus!“ Das ist so ein Gegenspiel von zwei Positionen. Natürlich könnte ich jetzt haten, haten, haten. Aber man kann Feuer nicht mit Feuer löschen. Und je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto mehr check’ ich das auch. Früher hätte ich mich sofort aufgeregt, aber jetzt denke ich mir, es macht mehr Sinn das System von innen zu verändern, als als Außenseiterin.

Love Bailey @ Eva Zar

Hast du dir durch deine Erfahrungen der letzten Jahre in der Fotografie-Branche mittlerweile auch eine dickere Haut antrainiert, was Absagen beispielsweise angeht?

Nein, ich glaube, es berührt mich immer sehr. Man müsste meinen, je länger man darin arbeitet oder je länger man in diesem Business ist, desto leichter wird es. Aber für mich wird’s nicht leichter. Ich weiß nicht, wie es da anderen Leuten geht, aber es berührt einen trotzdem oder es tut trotzdem weh, wenn du siehst, das so etwas abgelehnt wird. So wie bei dem Projekt mit Love Bailey. Sie hat eigentlich eine sehr schöne Geschichte. Die Fotos, die ich in dieser Woche von ihr gemacht habe, waren wirklich eine der besten Fotos, die ich bis jetzt gemacht habe. Nicht weil sie schöne Farben haben oder ästhetisch sind – sie sind schön – aber einfach, weil sie eine Geschichte haben. Weil sie mehr sind als nur so ein Foto-Editorial. Sie erzählen etwas, das ich wirklich liebe und für das ich wirklich jeden Tag aufstehe und atme. Und dann eine Absage von Magazinen zu bekommen, weil sie sich fragen… „Kriegt das genug Klicks? Kriegt das genug Likes? Kriegen wir dadurch mehr Follower?“ Diese Denkweise und Fake Zahlen – in der gesamten kreativen Welt – sind ein Teufelskreis unter dem wir alle leiden… Aber wofür denn?

Wirst du in New York in deiner Community von anderen Leuten unterstützt, die zwar nicht das Vogue-Cover auswählen, aber dafür woanders wirken?

Ja, ja… Es gibt sehr viele Magazine und auch Editoren in New York, mit denen ich jetzt gerade zusammen arbeite. Refinery29, Chakrubs, Lunette, der neue Editor vom Time Out ist richtig gut oder der neue Editor von Paper. Dadurch, dass die alle selber queer und/oder Frauen sind, haben sie auch ein Gespür, was sie promoten wollen. Das ist gerade ganz schön zu sehen, dass viele Leute in Positionen kommen, in die sie vor 20 Jahren nicht gekommen wären. Ich glaube schon, dass sich dadurch viel verändert und das sehr schnell. Das ist natürlich auch wieder das gute an Social Media, dass du in so kurzer Zeit so einen Aufstand machen kannst und auch Reaktionen kommen, sich Magazine wie Vogue dann auch öffentlich sehr schnell entschuldigen.

© Eva Zar

Okay, dann lass uns mal über deine Soloshow „Femme“ in der Improper Walls Galerie reden. Das Thema der Ausstellung ist Schönheit abseits heteronormativer, westlicher Beauty-Standards. Was bedeutet denn für dich Schönheit, wie definierst du sie?

Ja, das ist eine echt schwierige Frage. Für mich ist Schönheit viel mehr ein Gefühl als etwas, das man wirklich sieht. Es ist ein Gefühl wie du dich in einem Foto, neben einer Person, mit diesen Schuhen fühlst… Wenn ich nackt neben meinem Freund im Bett liege, das ist wunderschön für mich. Oder wenn ich Love Bailey fotografiere und dann das Foto sehe, das ich von ihr gemacht habe, das ist schön. Da fängt mein Herz an zu pumpen und es ist ein klassischer Fall von Fotografie – du musst auf die Leute, die du fotografierst, stehen! Ich könnte jetzt nicht etwas fotografieren, das nicht mein Herz begehrt. Es geht um eine Connection zwischen dir und der Person, die du fotografierst. Es gibt immer etwas, das du an dieser Person anziehen findest.

© Eva Zar

Ist es dir schon einmal passiert, dass sich diese Connection während einem Fotoshooting nicht aufgebaut hat?

Ja natürlich, bei Auftragsarbeiten zum Beispiel. Wenn du drei Stunden hast um jemanden zu fotografieren, die in sieben Outfits muss, hast du keine Zeit. Ich versuche immer an jedem Set eine kurze Konversation zu führen, noch vor dem eigentlichen Shooting, während die Leute Hair und Make-Up bekommen. Das dauert immer ewig und in dieser Zeit versuche ich, mit meinem Model zu reden, auch wenn es nur zwei Sätze sind. Und wenn du es dann geschafft hast, eine Verbindung aufzubauen, ist es umso cooler – wenn du einfach nur noch klickst und du dann echt coole Sachen rausholen kannst. Ich kann dir echt nicht sagen, wie oft ich schon geweint habe, weil ich mich so gefreut habe über die Ergebnisse! (lacht) Das ist dann so eine Honeymoon-Phase. Mit Schmetterlingen im Bauch.

Und ohne zu arg zu spoilern, aber was dürfen wir denn von deiner Show erwarten?

Es wird richtig große 70×100-Bilder geben! Ganz viel trans, ganz viel queer. Sehr bunt und hoffentlich lustig.

Eva Zar und ihre Fotografie kann man am besten am 29.März bei der »Femme«-Vernissage in der Improper Walls Galerie feiern, die Soloshow ist bis 20.April geöffnet. 

© Eva Zar

 

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...