Kino Fetischisten

Frauen kommen gratis hinein, statt Nachos mit Käsesauce gibt es in Pornokinos Taschentücher und Gleitgel. Wir haben die letzten Pornokinos Wiens fotografiert.

Wenn man an ihnen vorbei spaziert, fragt man sich, wie sie überhaupt so lange überlebt haben. Wer geht heutzutage denn noch in ein Pornokino? Kein Wunder also, dass sich die Sexkinos der Hauptstadt an zwei Händen abzählen lassen. Denn die Generation, die auf pornografische Filmaufführungen in Kinos angewiesen war, stirbt langsam, aber zielsicher aus. Wir haben versucht, alle übrig gebliebenen Sexkinos Wiens zu lokalisieren und auf schnörkellosen Fotos festzuhalten, bevor sie womöglich bald in die Kategorie Ruin Porn fallen.

Außen pfui, innen hui

Die Vorführung von Pornografie ist in Österreich seit den 1980er Jahren erlaubt. Zu den ersten Pornokinos zählen das Fortuna Kino auf der Favoritenstraße und das Währinger Gürtel Kino in der Schulgasse. Die verruchten Fassaden und charmanten Stadtschriften dieser Häuser sind allerdings eine Ausnahme. Die meisten Sexkinos versuchen mit Extraangeboten Besucher zu ködern – glory holes, dark rooms, Kabinenparty, you name it.

Diese neueren Häuser haben auch gar nicht mehr so Retroschick: Das Gay Cinema Wiscot im 16. Bezirk sieht etwa mehr wie ein Windows-95-Reseller aus als ein Lichtspielhaus, in dem man Werke wie „Game of Bones“ sehen kann, und das Kino Labyrinth in Favoriten hat die Ausstrahlung eines Sanitär- und Gasinstallateurs (siehe Fotos).

Generation XXX

Pornos können heutzutage jederzeit und überall gesehen werden. 90 Prozent des Pornokonsums findet nicht in Kinos, sondern online statt. Wenn Youporn & Co den Sexualunterricht ersetzen, dann lässt das eine Generation heranwachsen, die Fisting, Cumshot und Gangbang für mögliche Erste-Dates-Szenerien hält. Grund dafür ist eben auch die Omnipräsenz der Pseudo-Erotik – man braucht sich weder still und heimlich in die Über-18-Abteilung der Videotheken zu schummeln, noch auf das Nachtprogramm von RTL2 oder VOX spekulieren und hoffen, dass Papa nicht just in dem Moment ein Glas Wasser holen will, wenn Verona Feldbusch in Peep mit C-Promis Lieblingsstellungen durchackert. Porno geht heute ohne soziale Ächtung oder familiäres Schamgefühl – aber eben auch ohne Sexkinos.

Ins Love Kino, Cinema Erotic oder Weltspiegel Kino geht aber wohl ohnehin eher die Generation 65 plus oder diejenigen, die nicht nach einem einfachen Click, sondern nach einem ganz speziellen Kick suchen. Der Film spielt eine Nebenrolle, vielmehr geht es darum, bereitwillige Partner für das schnelle, anonyme Vergnügen zu finden. Sexkino ist heute irgendwie auch Swinger-Club.

Das hässliche Stadtbild

Man könnte das Verschwinden des Pornokinos natürlich auch kulturkritisch betrachten. Denn das Rotlicht scheint in den schicken Bobo-Bezirken nichts mehr verloren zu haben. Pop-Up-Stores, Street-Art-Galerien und Fusion-Küchen vertreiben Porno-Läden und Sexarbeiterinnen an den Stadtrand. Die Verbotszonen für den Straßenstrich werden konsequent ausgeweitet und den Großhändler für Lack und Leder findet man auch eher im Gewerbepark Stadlau.

In den hippen Grätzeln von heute hat das Schirche, das Verdorbene und Dreckige nichts mehr verloren. Das hässliche Stadtbild wird dann maximal zur Attraktion für Touristen. Der Sex wird nicht nur in die Peripherie geschickt, sondern auch ins Private.

Das Sterben des Pornokinos ist nicht zuletzt auch ein weiteres Beispiel für Dienstleister, die mit der fortschreitenden Technologisierung und der Monopolstellung von internationalen Konzernen von der Bildfläche verschwinden. Und dazu gehören neben Bankfilialen, allen möglichen Einzelhändlern, Videotheken, Telefonzellen nun auch die Pornokinos.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Praxis-Seminars am i>Institut für Journalismus & Medienmanagement der FHWien der WKW entstanden.

Wer sich also im Kino Filme mit netten Titeln wie „Assablanca“, „Aliens vs. Penetrator“ oder „A Beautiful Behind“ auf der Leinwand und nicht am Schreibtisch ansehen will, sollte sich lieber beeilen. Dein Lieblingskino ist nicht dabei? Dann ab in die Kommentare damit.

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