»Wie zwei Magnete, die am falschen Pol aufeinander knallen« – Alissa Jung im Interview zu »Paternal Leave – Drei Tage Meer«

Mit ihrem Spielfilmdebüt »Paternal Leave – Drei Tage Meer« erkundet Alissa Jung die komplexe Beziehung zwischen Vater und Tochter. Sie entführt uns dabei in ein vernebeltes Italien, das kaum wiederzuerkennen ist.

© Match Factory Productions

Als die fünfzehnjährige Leo plötzlich von der Existenz ihres leiblichen Vaters erfährt, beschließt sie kurzerhand, ihn an der norditalienischen Küste aufzuspüren. Im Alleingang begibt sie sich in eine Welt der Fremde, die voll von ungeklärten Fragen ist. Im winterlichen Chaos einer verrammelten Strandbar findet sie Paolo, der nicht weniger von der Situation überfordert scheint. Und auch wenn drei Tage später die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft weiter ungeklärt ist, so scheint zumindest der Hoffnung ein Weg geebnet. Alissa Jung widmet sich in »Paternal Leave« der Frage, was Vaterschaft eigentlich bedeutet. Ein Film über Versäumnisse, lautes Schweigen und die Chance auf Neuanfänge.

Du bist erfolgreiche Schauspielerin und hast als Regisseurin bereits einige Kurzfilme inszeniert. Nach einem beruflichen Wechsel in die Medizin ging es für dich schlussendlich doch wieder zurück zum Film und damit zur ersten Regiearbeit. Wie lange gab es bei dir den Wunsch Regisseurin zu sein?

Alissa Jung: Wenn man meinen Vater fragt, war ich angeblich schon immer Regisseurin. Wenn wir spielten, als ich ein Kind war, musste er immer genau das sagen, was ich vorgab. Ich fand tatsächlich beim Aufräumen auch mal Unterlagen, die ich mit achtzehn für eine Bewerbung für Theaterregie erstellt hatte. Den Gedanken gab es also anscheinend schon. Ich hatte ihn glaube ich nur ein bisschen verdrängt, weil ich mit Schauspiel einfach auch sehr glücklich war. Anfang zwanzig dachte ich immer mehr darüber nach, dass ich gerne Regie machen möchte, und realisierte dann Kurzfilme.

Meine Kündigung in der Klinik war eindeutig eine Entscheidung für die Regie, auch wenn ich da noch überhaupt nicht wusste, wie ich das schaffen soll. Ich fing dann an zu schreiben und bekam tollerweise ein Stipendium bei der Drehbuchwerkstatt München. Im Rahmen dieser Ausbildung entstand die erste Fassung des Buchs von »Paternal Leave«. Also wagte ich mich dann heran und Gott sei Dank wagten es andere Menschen mit mir gemeinsam.

»Paternal Leave« beschäftigt sich auf eindrückliche Weise mit einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung. Warum genau diese Geschichte für deinen ersten Langfilm?

Die Beziehung Eltern-Kind ist so besonders, so eine einzigartige und dominante Beziehung in unserem Leben, dass ich sie mir genauer ansehen wollte. Der Film erzählt nicht meine persönliche Geschichte, aber natürlich kenne auch ich, sowohl aus Kindes- als auch aus Elternperspektive, dieses Gefühl, dass manche Sätze wahnsinnig verletzen können – gerade, wenn sie von den eigenen Eltern oder dem eigenen Kind kommen. In der Recherche dazu bin ich auf Menschen gestoßen, die nur mit einem Elternteil groß geworden sind. Das hat mich irgendwie nicht losgelassen. Dieser Gedanke, dass Eltern ihr eigenes Kind nicht kennenlernen wollen.

Ich machte mich dann mit der fünfzehnjährigen Leo auf die Suche nach Antworten und entdeckte dabei so viele neue Sachen. Mir war auch klar, dass ich gerne ein Mädchen casten wollte, das genauso alt wie die Figur ist. Ich finde, dass die Energie in diesem Alter einfach eine ganz, ganz eigene ist, die man nur sehr schlecht künstlich herstellen kann. Es geht also um eine Vater-Tochter-Beziehung aber auch insgesamt um Eltern-Kind-Beziehungen. Und auch um die Rolle des Mannes und des Vaters in unserer Gesellschaft. Das ist ein ganz großes Thema.

Alissa Jung (Bild: Mirjam Knickriem)

Der Handlungsort der Geschichte scheint die zentralen Themen des Films – Verlassenwerden, Kälte und Fremde – bereits in sich zu tragen. War von Anfang an klar, dass die Geschichte in Italien spielen soll?

Ja, tatsächlich fast von Anfang an. Ich hatte die erste Idee der Geschichte und war dann zufällig Ende Oktober in Marina Romea, dem Ort, in dem wir schlussendlich auch gedreht haben. Alles war zu. Es war kalt und neblig. Und da waren diese Dünen sowie die verrammelten Strandbars. Plötzlich sah ich den Vater dort, wie er sich verbarrikadiert; das Meer, das auf die Düne prallt und reinkommen möchte. Wie ein Spiegel vom Inneren der beiden Figuren. Der Ort hat mir so viel erzählt: Diese Aufgewühltheit des Meeres und der Nebel, der über allem hängt und die Kälte. Ab und zu kommt dann aber doch auch die Sonne raus und es wird wunderschön. Genau deshalb ist der Ort für mich auf jeden Fall ein zentraler Charakter des Films.

Für Leo gibt es innerhalb der Handlung zwei Figuren, die ihr gewissermaßen Halt geben. Ihre Mutter Anna und Edoardo, den Leo in Italien kennenlernt. Wie kam es zu diesen beiden Figuren? Warum war es für dich wichtig, dass man Anna gerade nicht sieht?

Dass die Mutter irgendwie vorkommen muss, war mir schon zu Beginn bewusst. Ich wollte sie aber nicht vor die Kamera holen. Sie zu zeigen hätte eine Parallelgeschichte aufgemacht, was ich auf keinen Fall wollte. Ich wollte vor Ort bleiben, bei Leo und ihrem Vater. Gerade im Feedbackprozess zum Drehbuch kämpfte ich sehr dafür, dass die Mutter nicht zu sehen ist. Sie ist aber trotzdem eine große Stütze. Anna und Leo haben eine tolle Beziehung. Klar, es ist nicht alles einfach. Letztlich haben die beiden aber ein ganz großes Vertrauen zueinander.

Eduardo kam tatsächlich erst sehr spät dazu. In der ersten Fassung war er – wenn ich mich richtig erinnere – noch gar nicht im Drehbuch. Er ist dazugekommen, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass Leo ein Ventil braucht, etwas, wo sie einfach jung sein darf. Sonst ist sie immer eine Kämpferin in Anspannung und muss erwachsen sein. Mit Eduardo hat sie die Chance, einfach mal fünfzehn Jahre alt zu sein. Er kämpfte sich mit jeder Fassung mehr in diese Geschichte. Hätte ich noch mehr geschrieben, wäre es vielleicht irgendwann eine Eduardo-Geschichte geworden, weil ich mich so in diese Figur verliebt habe.

»Paternal Leave« arbeitet viel mit dem Verhältnis von Nähe und Distanz, um Aussagen über die Beziehung zwischen Leo und Paolo zu treffen. Wie hat sich dieses Verhältnis im Prozess der Dreharbeiten entwickelt?

Es ist ein Spiel von Annähern und wieder weggehen. Wie zwei Magnete, die immer wieder am falschen Pol aufeinander knallen. Zum einen durch die Sprache: Ganz früh im Entstehungsprozess dachte ich bereits, dass es toll wäre, wenn die beiden aus zwei unterschiedlichen Ländern kommen und noch nicht mal eine Muttersprache teilen. Und dann ist da dieser Ort, der eben auch nicht sehr gemütlich und rough ist. Es gibt auch Momente, in denen sie sich nahe sind, aber wir haben versucht, die Distanz bildlich umzusetzen. So sind viele Einstellungen entstanden, in denen etwas zwischen den beiden steht – etwa eine Autotür, ein Tresen oder ein Tisch. Vieles sieht aus, als ob wir es so gefunden hätten, aber eigentlich ist alles detailliert ausgearbeitet.

Gab es spezielle Vorkehrungen vor der ersten Begegnungsszene, um die physische Distanz der Figuren auch im Rahmen der Dreharbeiten herzustellen?

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich ganz krass reingehe. Nämlich, indem die beiden sich vor dem Dreh gar nicht kennenlernen und wir chronologisch drehen. Ich entschied mich dann aber dagegen. Wir haben vorab dreieinhalb Wochen sehr intensiv miteinander gearbeitet und uns jeden Tag gesehen, um ein starkes Vertrauensverhältnis aufzubauen. Im Schauspiel begibt man sich manchmal in einen Sumpf der Gefühle. Wenn man nicht weiß, wie man da wieder rauskommt, dann ist es extrem schwer, sich darauf überhaupt einzulassen. Deshalb war es mir wichtig ein Ambiente zu schaffen, in dem alle wissen, dass wir sie da wieder rausziehen. Und das haben wir als Team auch sehr schön geschafft.

»Paternal Leave« (Bild: Match Factory Productions)

Flamingos sind innerhalb der Geschichte ein zentrales Motiv. Leo bezeichnet diese als »Superväter«. Wodurch kam die Idee, diese Vögel als symbolhaftes Element einzubauen?

Tatsächlich habe ich die Flamingos auch erst vor Ort in Italien entdeckt, sie leben dort ganzjährig. Das fand ich erst einmal als Bild total schön, weil die Tiere dieser kargen industriellen Landschaft eine Form von Poesie verleihen, die mir sehr entspricht. Ich mag diesen Kontrast einfach sehr. Nämlich auch, dass es nicht so knallrosa Flamingos sind, sondern eher pastellige. Und dann recherchierte ich und stellte fest, dass sie tatsächlich Supereltern sind, die alles fitfy-fifty machen. Da gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. In dem Moment war klar, es passt visuell und inhaltlich. Deshalb kam das rein.

Am Ende des Films stellt sich die Frage, wie diese Vater-Tochter Beziehung weitergehen soll. Gibt es für Leo und Paolo eine Zukunft?

Das ist das Schöne an Filmen. Ich biete mit meiner Geschichte ja nur etwas an und das Spannende ist, was alle dann für sich selbst herausziehen. Ich wollte es gerne offenlassen. Sie haben beide die Telefonnummern voneinander, sie haben sich kennengelernt, sie wissen, wer sie sind. Für mich war vor allem wichtig, dass Leo erkennt, dass es nicht ihre Schuld ist – etwas das viele Kinder absurderweise manchmal denken. Und auch, dass sie für sich selbst lernt, wo sie steht. Auf der anderen Seite ist da aber natürlich auch Paolo, der vor sich selbst wegläuft und immer noch nicht stabil im Leben steht. Für ihn ist es ja eigentlich ein Riesengeschenk, dass Leo in sein Leben knallt, ihm den Spiegel vorhält und alles durchrüttelt. Eine Chance, mit sich selbst ehrlich zu sein und vielleicht endlich ein glücklicheres Leben zu haben, denn der arme Kerl ist ja nicht glücklich. Letztendlich haben beide Figuren eine Chance auf ein besseres Leben. Und das war mir erst einmal wichtiger als zu sagen, was für eine Chance ihre Beziehung hat – das ist tatsächlich eher zweitrangig.

»Paternal Leave« wird immer wieder als Jugendfilm eingeordnet. Was macht den Film für dich aber neben Jugendlichen auch für ein breiteres Publikum interessant?

In meinen Augen ist es absolut kein reiner Jugendfilm. Ja, es gibt zwei große jugendliche Identifikationsfiguren, aber ich würde sagen, dass er am allerbesten in der Zielgruppe der jungen Erwachsenen und Eltern ankommt. Menschen, die sich vielleicht gerade selbst mit dem Elternsein beschäftigen oder darüber reflektieren, wie das mit ihren eigenen Eltern war. Tatsächlich funktioniert »Paternal Leave« aber auch für ältere Generationen und merkwürdigerweise gerade für Männer über sechzig. Ich habe selten so viele, emotional berührte Männer dieses Alters im Kino gesehen. Auch Juli (Grabenreich, Anm.), unsere Hauptdarstellerin, sagt immer: »Das ist ein Film für alle.« Für Jugendliche genauso wie für werdende Eltern wie für Großeltern. Schlussendlich behandelt »Paternal Leave« ein Thema, das uns alle angeht und alle unterschiedlich berührt. Es ist tatsächlich ein Film, den alle von dreizehn bis hundert Jahren anschauen können.

Am 5. Dezember 2025 startet »Paternal Leave – Drei Tage Meer« in den österreichischen Kinos. Im Anschluss an die Premiere im Stadtkino im Künstlerhaus findet ein Gespräch mit Regisseurin Alissa Jung sowie den Darsteller*innen Juli Grabenhenrich und Luca Marinelli statt.

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