Die Diagonale ist nicht nur Treff für die altgediente Filmbranche, sondern auch Bühne für Menschen, die gerade dabei sind, in dieser Fuß zu fassen. The Gap präsentiert acht junge Filmschaffende, die am Festival mit Arbeiten vertreten sind.

Zorah Berghammer
»A. will raus (Über Neutralität)«

»In Wirklichkeit kann ich mir nicht vorstellen, wem Filmemachen nicht Spaß machen würde«, meint Zorah Berghammer. Geboren in Hamburg, studierte sie an der Filmakademie in Wien und arbeitet hier nun als Regieassistentin sowie Casterin. Für ihre eigenen filmischen Projekte lasse sie sich von allem inspirieren, was ihr zunächst irritierend, unangenehm oder schwer zu beantworten erscheint. Diesen Gefühlen nähere sie sich dann auf der Leinwand an: »Es tröstet mich, diese Verunsicherungen zu teilen.« Sorgen wie militärische Aufrüstung, wachsender Rechtsruck oder Zukunftsängste angesichts der Weltlage spiegeln sich auch in ihrem neusten Film wider. »A. will raus« zeigt den Zwiespalt, mit dem jüngere Generationen konfrontiert sind: einerseits mit der Notwendigkeit, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, andererseits mit der fehlenden Handlungsmacht sowie dem Gefühl von Alternativlosigkeit. Vielen geht es dabei ähnlich wie A. Der Protagonist sei Stellvertreter für alle, die aus diesen überfordernden Strukturen ausbrechen wollen. Von der Komplexität dieser Gefühle erzählt Berghammer aus einer ganz persönlichen Perspektive. Kein Wunder, übernahm sie doch Drehbuch, Regie, Kamera sowie Casting selbst. »Ich möchte einfach Filmemacherin sein«, fasst sie ihr Selbstverständnis zusammen. (LA)
19. März, 16:30 Uhr Annenhof Kino 5 — 20. März, 11 Uhr Kiz Royal Kino 1; im Programm »Kurzspielfilm 1«
Natalia del Mar Kašik
»Perseidas«

»Meine Filme entstehen aus Impulsen«, erzählt Natalia del Mar Kašik. »Wenn Ideen lange genug in meinem Kopf hängenbleiben, dann müssen sie umgesetzt werden.« Die gebürtige Grazerin studierte Filmwissenschaften, besuchte dann die Schule Friedl Kubelka und fand so zum Analogfilm. Damit zu arbeiten, sei ein entschleunigender, aber auch intimer Prozess. Bei »Perseidas« gestalteten die Darsteller*innen den Bildraum mit, indem sie mit Taschenlampen für die nötige Beleuchtung sorgten. Gerade diese technischen Limitationen hätten den Film laut del Mar Kašik geformt. Die Filmschaffende macht bei ihren Projekten vieles selbst, zum Beispiel Kameraführung und Drehbuch. Ihre Produktionen sehe sie als Dialoge. Ihr sei es dabei wichtig, sich stets bewusst zu machen, was ihre Filme abbilden. Der Male Gaze ist darin ein wiederkehrendes Thema, aber auch die Auseinandersetzung mit postfeministischer Medienkultur. Ihr Zugang sei überdies vom Magischen Realismus geprägt, was man etwa auch am Soundtrack von »Perseidas« merkt, der von einer Freundin produziert wurde. Del Mar Kašiks nächstes Projekt ist stärker narrativ angelegt, aber gleichermaßen von experimentellen 16-Millimeter-Filmen inspiriert. Für die Zukunft strebt sie auch längere Arbeiten an. (SA)
21. März, 10:30 Uhr Annenhof Kino 5 — 22. März, 16:30 Uhr Annenhof Kino 5; im Programm »Innovativer Kurzfilm 4«
Varia Garib und Kirill Komar
»Mosquito«

Bereits seit 2023 drehen Varia Garib und Kirill Komar gemeinsam Kurzfilme. Beide migrierten als Kinder – aus Usbekistan beziehungsweise der Ukraine. Diese Erfahrung schlägt sich in ihren Filmen nieder. Während er zunächst Werbe- und Musikvideos in Wien drehte, besuchte sie die Filmschule in Moskau und gab ihr Wissen dann an ihn weiter. Beim Kurzfilm »Mosquito«, für den die beiden Regie, Drehbuch, Produktion und Schnitt übernahmen, arbeiteten sie nicht zum ersten Mal mit Laiendarsteller*innen zusammen, die den Text vorab nicht kannten, um ein intuitiveres Spiel zu ermöglichen. Der Film verweigert sich einfachen Deutungen und einer konventionellern Dramaturgie. Statt ein Narrativ auszuerzählen, zeichnet »Mosquito« das intime Porträt einer Freundschaft zwischen zwei heranwachsenden Jungen und lässt dabei Raum für lange Einstellungen und abstrakte Szenen, die eher über Emotion und Atmosphäre funktionieren. »Der Wortlaut unserer Texte steht nicht im Mittelpunkt«, meint Garib. Es gehe weniger um Analyse als um einen subjektiven Zugang zu Themen wie Trauer, Verlust, Erwachsenwerden, Vergänglichkeit. »Das Filmemachen ist wie ein Puzzle«, so die Regisseurin. »Dieses zusammenzusetzen, ist manchmal stressig, aber gleichzeitig auch sehr erfüllend.« Derzeit arbeitet das Duo am Drehbuch für seinen ersten Langfilm. (CCJ)
19. März, 16:30 Uhr Annenhof Kino 5 — 20. März, 11 Uhr Kiz Royal Kino 1; im Programm »Kurzspielfilm 1«
Emma Hütt und Tina Muffler
»Bleifrei 95«

Interesse daran, etwas für die Leinwand zu produzieren, hätten Emma Hütt und Tina Muffler schon immer gehabt. Auch zur Zeit ihres Studiums der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen sowie der Mitgründung eines Theaterperformancekollektivs. Aus der in diesem erlernten, freien und energievollen Arbeitsweise entwickelte sich ein gemeinsamer Kurzfilm. Es ist eine Hommage an die prägende Zeit sowie die »Einöde« in ihrer Studienstadt geworden. In »Bleifrei 95« experimentieren die beiden humorvoll und dennoch tiefgründig mit dem Thema Freund*innenschaft, mit ihrer Bedeutung, ihrem Stellenwert und ihren vermeintlichen No-Gos. Der Film zeigt, dass sie mehr ist als eine Vorstufe zur romantischen Beziehung und wie viel Kraft sowie Diversität in ihr stecken kann. Die Figuren bewegen sich dabei zwischen der legendären, 1971 eröffneten Frankfurter Lesbenbar La Gata und der Kahlheit deutscher Tankstellenästhetik. »Uns interessierte besonders der Kontrast zwischen den vielen internationalen als auch queeren Menschen im Studiengang sowie der Tristesse ihrer Umgebung.« In Anbetracht der cineastischen Wirkung der Bilder, verblüfft es vielleicht, dass »Bleifrei 95« lediglich mit einem I-Phone gedreht wurde. Gemeinsam mit dem Cast aus Personen unterschiedlichster queerer Generationen schafft der Film einen eigenen visuellen Stil und macht sichtbar, dass »queere Parallelwelten überall zu finden sind«. (LA)
21. März, 22:30 Uhr Schubertkino 1 — 22. März, 10:30 Uhr Annenhof Kino 5; im Programm »Kurzspielfilm 3«
Sebastian Kubelka
»64 km von daheim«

Sebastian Kubelka, aufgewachsen in Döbling, studiert im Master Kamera und Bildgestaltung an der Filmakademie Wien. In seinem Regiedebüt als Dokumentarfilmer begleitet er seine 95-jährige Großmutter an jenen Ort, den sie 1945 Hals über Kopf verlassen musste. Bei »64 km von daheim« tritt Kubelka als Regisseur, Kameramann und Enkel zugleich in Erscheinung. Im Zuge des Schneideprozesses kürzte er über vierundzwanzig Stunden Filmmaterial auf unter eine halbe Stunde. »Dieses Projekt hat mich gefunden, nicht umgekehrt. Es hat mich nie losgelassen und ein Ventil gebraucht. Das musste einfach raus.« Seinen »Kamerastolz« dabei komplett hintanzustellen, sei befreiend gewesen – anders hätte der Film nicht entstehen können. Das Porträt der Großmutter und ihre unauslöschlichen Kriegserinnerungen schlagen eine Brücke in die Gegenwart: zu heutigen Geflüchteten, die weiterhin mit Stigmatisierung konfrontiert sind. »Die Menschen wollen einfache Antworten, es mangelt an Empathie«, meint Kubelka. Film könne solche Schwarz-Weiß-Denkmuster aufbrechen: »Er schaut in die Grauzonen, in Zwischenräume.« »64 km von daheim« erzählt von Flucht, von Erinnerung und vom Weiterleben mit einer Erfahrung, die bis heute nachwirkt. (CCJ)
21. März, 14 Uhr Annenhof Kino 6 — 22. März, 19:30 Uhr Rechbauerkino; im Programm »Kurzdokumentarfilm 3«
Fabian Rausch
»Spielen«

Am Filmemachen fasziniere ihn besonders, wie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Talente ein gemeinsames Werk entstehen lässt, erzählt Fabian Rausch. Ein frühes Faible für Musikvideos war Ausgangspunkt für seine Leidenschaft, die sich mit der Zeit und beim Drehbuchstudium an der Filmakademie Wien auf sämtliche Facetten des Filmschaffens ausweitete. Das Drehbuchschreiben entdeckte er dank seiner Affinität für das Spielen mit Worten für sich: »Ich liebe es, Dinge auszudrücken, egal ob Erfundenes, Erlebtes, Geschehenes, Aufgeschnapptes oder Gehörtes.« Dieses Interesse zeigt sich auch in seinem aktuellen Diagonale-Beitrag. Das titelgebende Spielen kann darin vieles sein: ein Moment zwischen Mutter und Kind, das Schauspiel vor der Kamera, der Zugang, den wir zu unserer Welt finden. Der Film entdeckt wieder, was uns nach der Kindheit oft abhandenkommt: sich in eine Fantasie hineinzubegeben, ganz die eigene Ideenwelt auszuleben, auch wenn diese zuerst zu groß erscheinen mag, sowie die Schönheit, die in diesem Sich-fallen-Lassen zu finden ist. Rausch widmet sich dem Thema seines Films aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und mit einem humorvollen Augenzwinkern. Damit schafft er Momentaufnahmen, die zeigen, was Spielen auf der Bühne des Alltags alles sein kann: schön, unmittelbar und aus dem Augenblick heraus. (LA)
20. März, 13:30 Uhr Annenhof Kino 5 — 21. März, 11 Uhr Kiz Royal Kino 1; im Programm »Kurzspielfilm 2«