Wenn Trends in Mikrotrends zerfallen, wird es zum beinahe unmöglichen Unterfangen, up to date zu bleiben. Die Vienna Fashion Week präsentiert im September die nächste Welle an Designerware. Doch irgendetwas an den Laufstegbildern wirkt vertraut. Neue Trends, alte Körpernormen? Hinkt das Schönheitsideal den Bekenntnissen zu Diversität hinterher?

Die Vienna Fashion Week steht vor der Tür. Jährlich finden sich Liebhaber*innen, Bekannte und Verwandte der Modebranche zusammen, um gemeinsam neue Designs zu feiern. Events wie dieses erfordern monatelange Planung. Die einen werden eingeladen, die anderen aussortiert. Nur Models, deren Körper über eine bestimmte Größe hinausgewachsen sind, dürfen überhaupt zu Castings antreten. Wer dort überzeugt, sichert sich im besten Fall einen Platz auf dem Laufsteg. Dabei präsentiert ein Model meist mehrere Looks, die im Backstagebereich in Sekundenschnelle gewechselt werden. Sitzt schließlich jedes Detail, werden die Designer*innenstücke zum ersten Mal ins Scheinwerferlicht gerückt. Der Moment dauert zwar nur Sekunden, und doch könnte genau dieser kurze Augenblick den nächsten It-Trend hervorbringen.
Wobei man den »Augenblick« hier nicht allzu wörtlich nehmen darf. Denn neben all den bloßen Augen, die auf den Runway gerichtet sind, vergisst kaum jemand darauf, parallel die Handykamera laufen zu lassen. So dauert es auch nicht lange, bis die neue Kollektion am gegenüberliegenden Ende des Erdballs ankommt. Trends verbreiten sich heutzutage innerhalb von Minuten weltweit im Internet. Und dort sind sie nicht unbedingt, um zu bleiben. Ihre Lebensdauer hält nur so lange, bis der nächste Hype schamlos den letzten ablöst. Eines ist klar, die Modezyklen werden immer kürzer. Aber verändern sich damit auch die Körperideale für Models?
Ab in den Feed
Während im Backstagebereich nach einer Show in Windeseile gleich die Vorbereitungen für die nächste getroffen werden, geht es ab zur Afterparty. Die sozialen Medien arbeiten indes weiter, pausenlos und im Alleingang. »Social Media sind dabei nicht mehr nur Schaufenster, sondern Taktgeber. Trends entstehen, kippen und skalieren dort in Echtzeit«, erklärt Zigi Mueller-Matyas, die gemeinsam mit Maria Oberfrank und Elvyra Geyer die Vienna Fashion Week leitet. »Mode ist heute praktisch ohne Verzögerung verfügbar – zumindest gefühlt. Was früher noch ein bis zwei Saisonen gebraucht hat, landet heute oft innerhalb weniger Tage im Feed und im Warenkorb.«
Plattformen wie Tiktok oder Instagram werden von Algorithmen gesteuert, die vor allem eines wollen: unsere Aufmerksamkeit. Was dort besonders gut funktioniert, hat automatisch bessere Chancen, zum Trend zu werden. Kein Wunder also, dass inzwischen auch Werbebudgets gezielt in algorithmusfreundliche Vermarktung fließen. Mueller-Matyas bestätigt: »Wer investiert, dominiert den Feed – unabhängig davon, ob der Look wirklich der relevantere ist.« Noch nie haben sich Trends so schnell verbreitet und verändert.
Sample Size Zero
Doch gilt dasselbe auch für Körperbilder? »Die Anforderungen haben sich etwas gewandelt. Eher zum Positiven«, meint Simone Pruckner, die Chefin der internationalen Agentur The Next Models mit Sitz in Wien. »Es gibt keine starre Masse mehr, sondern Vielfältigkeit ist gefragt. Das hat aber die Auswirkung, dass der Konkurrenzkampf noch stärker geworden ist.« Diversität scheint immer noch das geltende Stichwort zu sein, was aber schlussendlich auf den Laufstegen ankommt, sind eher ausgesuchte Körperformen – und diese orientieren sich an der Size Zero.
Die kürzlich veröffentlichte, internationale Studie »Cultural Evolution of Beauty Standards«, an der auch Forscher*innen aus Wien beteiligt waren, zeigt nach der Auswertung von knapp 800.000 Laufstegaufnahmen, Werbesujets und Magazincovers spannende Ergebnisse. Zwar ist in den letzten 25 Jahren insgesamt eine größere Vielfalt an Körperformen feststellbar, der »typische« Modelkörper hat sich jedoch kaum verändert. Die zunehmende Diversität entsteht vor allem durch einzelne Models an den Rändern des Spektrums, während das dominante Schönheitsideal weiterhin schlank, weiß und im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung überdurchschnittlich schmal geblieben ist.
In der Analyse waren Plus-Size-Models auffällig oft gleichzeitig Personen mit nicht-weißer Hautfarbe. Die Forschenden sprechen von einer symbolischen Diversität. Statt unterschiedliche Formen von Vielfalt gleichmäßig in der Branche zu verankern, seien mehrere Diversitätsmerkmale oft auf dieselben wenigen Personen gebündelt. Die kleine Konfektionsgröße hat uns also nie wirklich verlassen.
Diesen Eindruck teilt auch Elvyra Geyer von der Vienna Fashion Week: »Die Systemlogik dahinter bleibt oft gleich. Schnittmuster und Sample Sizes orientieren sich weiterhin an sehr engen Standards, häufig rund um Größe 34/36. Die Diskrepanz zwischen repräsentierter Vielfalt und industrieller Realität bleibt damit bestehen.« Obwohl wir also mehr Diversität erwarten, haben sich die zugrunde liegenden Strukturen nicht wirklich verändert.
»Ähnlich, glatt, austauschbar«
Längst sind darüber hinaus nicht mehr nur Models aus Fleisch und Blut Teil der Branche. Mit dem Aufstieg von künstlicher Intelligenz finden wir immer mehr virtuelle Gesichter in der Werbung. KI-generierte Models und Influencer*innen posieren in Kampagnen, ohne dass dafür jemals irgendjemand real vor einer Kamera gestanden wäre.
Für Schlagzeilen sorgte letztes Jahr etwa die Marke Guess, die in der Vogue eine Kampagne mit einem KI-generierten Model veröffentlichte, das klassischer nicht sein könnte: blonde Haaren, große Augen und volle Lippen. Die Bilder lösten eine Debatte darüber aus, ob es notwendig sei, mittels KI erstelltes Material transparenter zu kennzeichnen. »Falls sich die KI durchsetzen sollte, sind nicht nur die Models betroffen, sondern natürlich auch die Stylist*innen, die Visagist*innen, die Fotoassistent*innen und viele mehr«, prognostiziert Simone Pruckner.
Der Moderiese H&M begegnet dem Umbruch auf andere Art: Anstatt KI-Models völlig neu zu erschaffen, arbeitet das Unternehmen mit sogenannten »digital twins«. Das bedeutet, dass digitale Pendants von rund dreißig realen Personen erstellt worden sind, um sie für Werbekampagnen und Social-Media-Inhalte einzusetzen.
Elvyra Geyer von der Vienna Fashion Week über die aktuellen Entwicklungen: »Virtuelle Avatare ersetzen zunehmend klassische Produktshootings im E-Commerce und senken damit Produktionskosten. Gleichzeitig zeigt sich schnell die Grenze: Viele KI-Visuals wirken ähnlich, glatt und austauschbar. Deshalb geht der Trend aktuell eher in Richtung Hybridlösung – KI als Tool, aber nicht als Ersatz für echte Bildwelten, Styling und Inszenierung.«
Während durch Technologie neue Möglichkeiten entstehen, bleibt eine Frage offen: Wie neu sind die Bilder, die sie erzeugt? Schließlich lernen Algorithmen anhand von dem, was bereits existiert. Was häufig geklickt, mit einem Like versehen und geteilt wird, erhält mehr Sichtbarkeit. Psycholog*innen sprechen vom Mere-Exposure-Effekt: Was uns regelmäßig begegnet, erscheint uns vertrauter – und oft auch attraktiver. Die Digitalisierung beschleunigt somit zwar die Entstehung und Verbreitung neuer Trends, könnte gleichzeitig aber erst recht die alten Schönheitsstandards festigen.
Stabile Standards?
Fashionshows, Agenturen und Labels werden sich in Zukunft wohl auf einige große Änderungen einstellen müssen: »Im Digitalen stellt sich die Frage, wie und wo man Zielgruppen künftig überhaupt noch erreicht – besonders, wenn Plattformen reguliert oder eingeschränkt werden«, spekuliert Vienna-Fashion-Week-Mitorganisatorin Zigi Mueller-Matyas. »Das könnte eine Rückkehr oder Neudefinition klassischer Medienformate wie Print mit sich bringen.« Außerdem sei – vor allem hinsichtlich Recycling und Nachhaltigkeit – in der Produktion von Mode einiges im Wandel begriffen. Ob das auf lange Sicht auch das Körperideal für Models verschiebt, bleibt abzuwarten. Denn selbst wenn Social Media, Diversität und KI die Modewelt verändern, bleiben viele der gängigen Standards bislang erstaunlich stabil.
Die Vienna Fashion Week findet vom 14. bis 19. September im Museumsquartier Wien statt. Die Studie »Cultural Evolution of Beauty Standards« ist unter www.pnas.org abrufbar.