Klänge aus dem Zwischenreich

Violetta Parisini knallt am 28. Mai mit „Giving you my Heart to mend“ der Branche ihre erste CD vor den Latz. Zwar sollte das Teil in jedem Fall Wellen schlagen, wie empfänglich sich die Damen und Herren bei Ö3, FM4 & Co. aber für musikalische Reisen ins Zwischenreich zeigen, hängt letztlich von deren Antennen ab. Das Dilemma: Die 13 Ingredienzen des Erstlingswerks könnten ob smarter Stilverschränkungen vor allem jenen Konsumenten munden, die sowohl im Kommerz- als auch im Alternative-Radio leicht nervös werden.

Dies zu den Fragezeichen. Auf der anderen Seite gibt es da in den letzten Jahren Soap & Skin, Clara Luzia, Paper Bird, Marilies Jagsch oder die vielleicht sogar ein wenig unterschätzte, in jedem Fall aber von Red Bull überfallene Raiffeisen-Bank Anna F., die schon ein beträchtliches Stück Weg freigeschaufelt haben und jede Menge Windschatten spendieren. Auch die Selbstverpflichtung der ORF-Radios, in den nächsten zwei Jahren das österreichische Liedgut zu befeuern, sollte Violetta Parisini, die jetzt mit einer Melange aus Pop, Swingbeat, Amerikana und Balladen zum Sprung aus dem Underground ansetzt, in die Karten spielen. Aber der Reihe nach …

Deleuze, Jarmusch und der Einstiegsgehalt

Wer nicht ganz dicht ist, ist zwangsläufig offen für vieles. Und wer im Rahmen eines Studiums der Philosophie und Theaterwissenschaft mit einer Diplomarbeit abschließt, die Schnittmenge zwischen dem französischen Querdenker und Philosophen Gilles Deleuze und dem Filmmacher Jim Jarmusch aufgreift, ist, nun ja, offen für vieles. „Erstens liebe ich Jim Jarmusch-Filme, weil sie so entschleunigt sind, ohne auf Detailreichtum zu verzichten. Und zweitens hat Deleuze mit ‚Zeitbild‘ ein Werk verfasst, in dem meiner Meinung nach viele Dinge zu lesen sind, die auf Jarmusch zutreffen und sich auf sein legendäres Stück Zelluloid ‚Dead Man’ gut anwenden haben lassen, um es kurz zu machen“, so Violetta Parisini.

Das Ball-Zuschupfen im Themenpark von Philosophie und Cineastik zu Beginn des Gesprächs im Wiener Studentenbeisl „Tunnel“ – übrigens Violetta Parisinis Interview-Premiere – hat sich bezahlt gemacht. Von Start weg war somit klar, dass in den nächsten 90 Minuten keine großartigen Unnötigkeiten verhandelt werden. Das Studium hat sie geliebt, wenngleich sie eigentlich schon immer mehr in der kreativen Ecke daheim war. Violetta Parisini ist 1980 geboren und in einer großen Wohnung am Alsergrund, die auch gleichzeitig Atelier der Mutter (Restauratorin) war, aufgewachsen. In den gut bürgerlichen Wänden knarrten Abend für Abend die Klassik-Tonträger des Vaters (Informatiker der ersten Stunde) durch den Altbau. Dass sich in die Musik der Herren Mozart, Beethoven & Co. schon bald das Œuvre von vier Pilzschädeln hineinfusioniert hatte und ein Roll-over-Beethoven stattfand, lag daran, dass der Vater die alten Beatles-Scheiben nicht gut genug versteckt hatte. Die zweite künstlerische Eingebung kam also, man kennt das ja, aus Liverpool – während gleichzeitig musikalische Jugendsünden in den Mitt-90ern ausblieben. Gebackenes wie Rednex, Vangelis, Take That, Bon Jovi, Spice Girls war für sie nie zu verdauen und spielte es einfach nicht. Nina Simone, Ella Fitzgerald oder Alanis Morissette, um auch die Charts zu berühren, hingegen sehr wohl.

Am Anfang war das Pornokino

Ein Aufenthalt in München brachte Violetta mit bajuwarischen Elektronikern zusammen und sie auf die Idee, ihnen ihre Stimmbänder bei Gigs zu borgen. Irgendwo in einem alten Pornokino im hintersten und gnadenlos ruralen Bayern, wo man das deutsche Einparteiensystem für das einzig richtige hält und allmorgendlich laut und feierlich „Mass“, „Sauhaxn“ und „Christlichsozialeunion“ runterbeten muss, um elterlichen Watschn nicht Vorschub zu leisten, können auch Karrieren starten. Da diese Zusammenarbeit aber für Violetta nur mäßig funktionierte, führte das dazu, dass sie sich bald darauf selbst hinter das DJ-Pult geflankt hat – Mikro und frei improvisierte Gesangparts inklusive. Und das war schon ziemlich neu und einzigartig am Markt, zog aber interessanterweise kein mediales Echo nach sich (Stichwort: Interviewpremiere). „Ich bin einfach mit Freude an der Musik an die Sache herangegangen, unzählige Male in Clubs aufgetreten und hab mich um nichts dabei gekümmert – kein Mixtape generiert, nichts veröffentlicht und mich auch nirgendwo vorgestellt“, erzählt sie. Nichtsdestotrotz funktionierte die Maschinerie der Mundpropaganda, und sie wurde von zahlreichen Clubs im deutschsprachigen Raum gebucht – als Sängerin und DJ, mit dem Wunsch nach Klängen, die zwischen Elektronica, Techno und einer minimalen Dosis House flimmern. Sie sagt Klickklack-Musik dazu.

Cojocaru und Cojones

Florian Cojocaru, Musiker und Produzent, kurz Cojo genannt, ist ihr dann irgendwie passiert. „Mit Cojo wollte ich immer schon zusammenarbeiten, schließlich kenne ich ihn bereits, seit ich ungefähr 20 bin. Obwohl wir beinahe gleich alt sind, war er kurz nach unserem Kennenlernen bereits Profi.“ Einige Jahre und einen längeren Aufenthalt in New York später gab es den Entschluss, gemeinsam zu musizieren. Während übrigens zeitgleich mit Mieze Medusa & Tenderboy (Protestsongcontest-Siegersong), Tanz Baby! oder The24Seven kollaboriert wurde. Aber: Mit Cojo kamen die Cojones und mit ihm eine professionellere Einstellung, die Förderung vom Musikfonds und ein Majorlabel. Der Output, „Giving you my Heart to mend“ und der im selben Zuge notwendige Firlefanz wie z.B. Hochglanz-Pressefotos, um den großen „Universal“-Versand für den nationalen und internationalen Markt vorzubereiten, sind, kennt man Parisinis Geschichte, ob dieses Bruchs zuerst ein wenig verstörend. Wir konstatieren: Der Untergrund trägt jetzt also Cocktailkleid und Stöckelschuhe, ist perlenbekettet und sitzt mondän am Flügel. Dazu gibt’s eine progressive Beschallung mit Songwriter-Pop und akustischen R’n B. Und was, bitteschön, wurde aus Amypants, Feldenkrais und Pornokino und anderen alternativen Eckpfeilern? Der schlüssige Künstlerinnenkonter: „Natürlich haben wir hier ein bisschen dick aufgetragen, und das ist für mich völlig okay. Klar ist aber auch, dass eine Veränderung stattgefunden hat. Ich bin ein Stückweit erwachsen geworden und hab mein Revoluzzertum von außen nach innen verlagert. Wie konkret ich mit der glänzenden Oberfläche umgehe, weiß ich noch nicht. Aber ich kann es schon auch sehr genießen, was mir früher nicht möglich war“, so Parisini.

„Giving You My Heart to Mend“ schlägt leichtfüßig zahlreiche Haken, bleibt dabei aber durch die Bank anschmiegsam und frei von kommerziellen Ambitionen. Die Songs erinnern mitunter an Rebekka Bakken, Ani DiFranco oder Matthew Herbert mit Dani Siciliano und kommen schon mal mit größerer Geste daher, ohne sich in enervierender Pathetik zu verlieren. Gefühlvolle Balladen („After It All“, „In A Still“) changieren mit Swingbeat („The Blackest Coffee“, „Bound“) oder dem schwerfälligen Offbeat-Rockteil „Stop“, das mit wummerndem Bass und tiefer Gitarre sogar kurze Assoziationen zu den Yeah Yeah Yeahs aufblitzen lässt. Für weitere Abwechslung am Debüt sorgt Violetta Parisinis mal liebliche, dann wieder tiefer gelegte Stimme. Die nachdenklichen Lyrics mit ihren multiplen Tönungen zum Thema Liebe werden zu einem großen Teil von einer reduzierten Instrumentierung (Klavier, Gitarre, Bass, Schlagwerk) unterfüttert. Neben der Bandbreite an Einflüssen und Stilen fällt auf „Giving You My Heart To Mend“ vor allem eines auf: Echte Schwachstellen gibt es nicht. Für ein Debüt ist das alles nicht nur erstaunlich reif, sondern auch ganz schön gut. Vor allem für jene, die stets Musik und kreatives Schaffen im Fokus behalten und Schubladen ausschließlich der Hoserln und Sockerln wegen bedienen. Stellt sich die Frage nach der Karriere: Reichen müsste dies in jedem Fall, bleibt nur noch zu klären, wer den lieblichen Klängen aus dem Zwischenreich eine Heimat gibt ­– zuerst einmal in der heimischen Radiolandschaft und dann im Herz. Denn Zwischenreich darf einfach nicht Niemandsland bleiben!

„Giving You My Heart to Mend“ erscheint am 28. Mai via Universal. Die Release-Party wird am 27. Mai vor dem Wiener Palmenhaus gefeiert.

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