Too Sexy For Academia?

Was hat Popkultur mit Wissenschaft zu tun? Gibt es überhaupt eine Theorie des Pop? Und wenn ja, ist Hansi Hinterseer nun Pop oder nicht? Diese und noch viel existenziellere Fragen wurden im November auf der tri-universitären Tagung „Too sexy for Academia? – Popkultur zwischen Theorie und Praxis“ in Schwerte in Deutschland diskutiert.

Pop und wissenschaftliche Theorie passen auf den ersten Blick nicht gut zusammen. Sie scheinen geradezu für antagonistische Konzepte zu stehen: Mit Pop wird Emotionalität, Involviertheit, Faszination assoziiert, mit Theorie Rationalität, Distanziertheit, Analyse. Pop ist erlebnis-, Theorie erkenntnisorientiert, Pop gilt als affirmativ, Theorie hat kritisch zu sein. Aus akademischer Sicht ist Pop ein problematischer Gegenstand, weil er recht neu und damit noch nicht kanonisiert ist, weil er keinem traditionellen Fach zuzuordnen ist, sondern quer zu den etablierten Disziplinen liegt und weil ihm nach wie vor ein Beigeschmack des Unseriösen anhaftet. Besonders in Deutschland wirken die kritischen Thesen der Frankfurter Schule zur Kulturindustrie lange nach und machten es der Popkultur schwer, sich als ernstzunehmender Gegenstand theoretisch-wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu erweisen. Das ändert sich mit dem Aufkommen der britischen Cultural Studies, so dass es heute auf verschiedenen Gebieten von der Soziologie über die Medienwissenschaft bis zur Musik-, Kunst- und Literaturwissenschaft Forschungen zu Popthemen gibt.

Dimension von Pop

Bereits in der Eröffnungsrede der Veranstalter wurde klar, dass die Kontroverse bereits bei der Definition von „Pop“ ansetzt. Christoph Jacke (Uni Paderborn), als einer der wenigen deutschen Vertreter für Professuren mit Schwerpunkt „Pop“, sieht seinen Forschungsschwerpunkt in der massenmedialen Kommunikation. Der Vertreter aus Kassel, Stefan Greif, sieht in Pop dagegen ein engeres ästhetisches Konzept, während Charis Goer (Uni Bielefeld) auf den Antagonismus zwischen Pop und Theorie aufmerksam machte.

Wie steht es also aktuell um die Popforschung? Drei Tage lang diskutierten 70 Teilnehmer in der Evangelischen Akademie „Haus Villigst“ über den wissenschaftlichen Umgang mit Pop und erprobten sich im Rahmen von Workshops praktisch am Thema. Und so unterschiedlich die Zugänge zum Gegenstand waren, so unterschiedlich war auch die Teilnehmerschaft. Um dem Facettenreichtum des Themas gerecht zu werden, haben die Organisatoren Wissenschaftler, Popaktivisten und Studierende unterschiedlicher Ausrichtungen zusammengebracht. Literatur- und Musikwissenschaftler, Kunsthistoriker und Theologen, Journalisten, Musiker und Schriftsteller gingen gemeinsam der Frage nach, welche Theorien der Geistes- und Kulturwissenschaften überhaupt für den Gegenstand „Popkultur“ praktikabel seien und ob Pop und Wissenschaft vielleicht voneinander lernen können.

Pop auf Herz und Nieren prüfen

Und sie können. Durch die Mischung aus praxisorientierten und wissenschaftlichen Gästen ist dieses Kunststück nicht nur in der Diskussion, sondern auch in der Besetzung gelungen. Aus akademischer Warte befassten sich der Kunsthistoriker Kai-Uwe Hemken (Universität Kassel) mit der Pop Art in Andy Warhols Factory und der Theologe Ingo Reuther (Universität Paderborn) mit dem Phänomen von Religion im populären Film. Neben den Journalisten Sonja Eismann (Wien) und Olaf Karnik (Köln) war auf der Seite der Praxis der Autor und popkulturelle Alleskönner Thomas Meinecke vertreten. Letzterer begeisterte nicht nur durch eine Lesung aus seinem jüngsten Werk „Jungfrau“, sondern erwies sich außerdem noch als besonders kenntnisreicher und diskussionsfreudiger Teilnehmer. In mehreren Workshops konnten die Studierenden sich von wissenschaftlichen Disputen erholen und Pop eigenhändig auf Herz und Nieren prüfen. Die einen beglückten den Rest der Tagungswütigen mit einer Gedicht-Performance von Rolf Dieter Brinkmann, die anderen übten sich mit Sonja Eismann im genderorientieren Popjournalismus, wiederum andere stellten Thomas Meinecke die üblichen Fragen im Rahmen eines Werkstattgesprächs.

Obwohl es zum guten Ton eines Symposiums gehört, dass man am Ende konsenslos bleibt, scheute man sich nicht festzustellen, dass Pop und Wissenschaft sich außerordentlich gut vertragen können. Während sich Pop gerne der Theorie bedient, was man z.B. in der sogenannten „Referenzhölle“ die Meineckes Bücher charakterisieren erfährt, interessiert sich die Wissenschaft zunehmend für den Gegenstand Pop und stellt sich immer häufiger der Herausforderung der Komplexität die das Sujet Pop bietet. Ein Beweis dafür ist diese Tagung, die mit viel Glück eine Neuauflage erhält. Der Komplexität des Pop sahen sich auch die Teilnehmer am Samstagabend gegenüber, als Thomas Meinecke im Partykeller mit Getränkestrichliste seine Qualitäten als DJ unter Beweis stellte. Und da die produktivsten Gespräche nicht nur im wahren Leben am Biertisch stattfinden und man Pop leben muss, um ihn analysieren zu können, blieb das akademische Personal auch am längsten.

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