Wo die wilden Anrainer wohnen

Allen Menschen sei ihr Schlaf gegönnt. Doch wer alle Auflagen einhält, darf nicht durch einzelne Querulanten aus dem Verkehr gezogen werden.

Wenn diese Kolumne erscheint, schlummert ein Großteil der Wiener Clubs im Sommerloch vor sich hin, weil die Studenten bei 30 Grad und vorlesungsfrei lieber aus dem Kühlschrank der Eltern in Niederösterreich leben. Das eröffnet die Möglichkeit, einen Blick auf ein Schreckgespenst des Gastronomen zu werfen: den Anrainer.

Irrlicht und Alm

In den letzten Monaten hat er wieder an verschiedenen Stellen zugeschlagen. Die Betreiber des Irrlichts gaben auf, nachdem die Polizei jeden Abend mehrfach bei ihnen vorbei schaute. Die Sperrstunde der Bettelalm (ja, ich weiß, aber hier geht es ums Prinzip) wurde nach Streitereien mit einem hartnäckigen Nachbarn auf Mitternacht vorverlegt, was sie de facto außer Betrieb setzt. Natürlich gibt es auch unter den Gastronomen Arschlöcher, aber das ist eine Minderheit. Die meisten wollen sich in Frieden mit ihrer Umgebung arrangieren. Dasselbe gilt für fast alle Anwohner, die Zahl der (meist erfolgreichen) Runden Tische ist Legion. Das wirkliche Problem setzt ein, wenn Anrainer nicht an Konsens interessiert sind. Sie sitzen nämlich am längeren Hebel. Bei der ersten Beschwerde des Abends ist die Polizei noch freundlich. Spätestens nach dem dritten Besuch gibt es – völlig unabhängig von der eigentlichen Lautstärke – eine Meldung beim Magistrat. Und nun stelle man sich vor, das passiert täglich. Über Wochen und Monate. Das Verständnis in der lokalen Polizeiwache ist da schneller weg als 50 Freigetränke. Die Situation wird nicht leichter werden, wenn 2018 die Ausnahmeregelungen des Nichtrauchergesetzes auslaufen und die Gäste ihre Tschik ausnahmslos vor der Tür unterm Heizpilz konsumieren. Es braucht eine Lösung. Allen Menschen sei der Schlaf der Gerechten gegönnt. Aber dass einzelne Querulanten Lokale zum Scheitern bringen, die alle Auflagen einhalten, kann es halt auch nicht sein.

Jonas Vogt war lange Autor bei The Gap, dann zwei Jahre Chefredakteur bei Noisey. Er richtet hier regelmässig seinen Blick auf die Clubs dieser Stadt. Jonas Vogt ist auch auf Twitter sehr witzig.

Bild(er) © Nina Keinrath
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