Bedrohlich überzeichnete Kapitalisten zerren an digitalen Körpern: Die Produktion »Digital Shadows« übt Kritik an machtvollen Systemen der Ausbeutung.

Beim Eintritt in den Aufführungsraum taucht man in eine düstere Atmosphäre ein. Auf einem überdimensionalen Würfel sitzt eine dunkel gekleidete Person und produziert Daten, die visuell als Seifenblasen erscheinen. Als diese in der bedrohlichen Atmosphäre sofort zerplatzen, fällt die Person schockiert nach hinten um und ruft lauthals: »Meine Daten!«
Schnell wird klar, dass in »Digital Shadows« Kritik an einflussreichen Tech-Unternehmen wie Meta, Google oder Palantir geübt werden soll: In hautengem Kostüm und mit Tablet als Gesicht beginnt ein Datensatz zu tanzen. Der digitale Schatten bewegt sich auf präzise Weise, ähnlich einem Roboter oder glitchy Deepfake. Die geisterhafte, weil körperlose Stimme des Schattens erzählt davon, wie physisches Material in den Datenkörper übersetzt wurde. Einschüchternde Figuren in karikierenden Männermasken erscheinen. Sie zerren am (digitalen) Körper, um ihre Geldkoffer zu füllen, wobei sie grenzenlos und übergriffig agieren. Vor allem choreografische Momente wie dieser erzeugen produktive Fragen über Eigentum von Daten und kapitalistische Interessen.

Im Ring der Daten
Karikierende Masken erweisen sich als wiederholtes Element der Inszenierung. Eine kluge Idee, denn sie repräsentiert zugleich Anonymität wie Hypersichtbarkeit digitaler Phänomene. Die maskierten Figuren sprechen dabei nicht direkt, sondern über Audioaufnahmen, wodurch eine Distanz zwischen der Kommunikation in der digitalen Sphäre und jener in der AFK-Welt entsteht. Der affektive Höhepunkt der Inszenierung stellt sich beim Wrestlingkampf zwischen dem großköpfigen Elon Musk und dem sturköpfigen Mark Zuckerberg ein. Darin geht es – wie könnte es auch anders sein – wieder um Daten. Das Match aus spektakulären Schlägen, Würfen und Sprüngen könnte auch als Tiktok-Content durchgehen, übt aber durchaus differenzierte Kritik, indem es die gierigen Protagonisten als solche entlarvt.
Andere szenische Ideen, wie beispielsweise der etwas gequälte Versuch das Publikum zu involvieren, fühlen sich hingegen eher unrund an. Vor allem die abgespielten Textpassagen sind durchwegs holprig, unzureichend dramaturgisch eingebunden und weisen eine schlechte Audioqualität auf. Dies führt dazu, dass die Inszenierung primär aufgrund der geschickt gebauten Atmosphäre wirkt und die Komplexität der antikapitalistischen Kritik zunehmend verpufft. So baut »Digital Shadows« ein affektives Schreckensszenario, ohne schlussendlich Auswege oder Alternativen aufzuzeigen. Denn das Digitale könnte ja durchaus auch utopische Potenziale liefern: Copyleft anstatt Copyright!
Die Produktion »Digital Shadows« wurde von 20. bis 23. Mai 2026 im Dschungel Wien aufgeführt.
Dieser Text ist im Rahmen eines Schreibstipendiums in Kooperation mit dem Dschungel Wien entstanden.