Ein Tanz für radikale Selbstbestimmung – »Hijab offline« im Dschungel Wien

»Hijab offline« übt auf differenzierte Weise Kritik an Patriarchat sowie Islamophobie. Die Inszenierung führt das Publikum in den Iran, nach Österreich sowie in digitale Räume, um die (Re-)Produktion von Unterdrückung sichtbar werden zu lassen.

© Rainer Berson

Hubschraubergeräusche und eine ermahnende Stimme, die daran erinnert eine FFP2-Maske aufzusetzen, kreieren gleich zu Beginn von »Hijab offline« eine Atmosphäre der Überwachung. Die Performerin Shahrzad Nazarpour blickt während dieser Einspielungen starr und doch aufmerksam ins Publikum. Der Vergleich zwischen dem Maskenzwang während Corona und dem Hijabzwang im Iran wird hierbei gezogen, um Nazarpours beengtes Gefühl beim Tragen eines Hijabs nachvollziehbarer zu machen. Daran anschließend erzählt die Darstellerin anekdotisch von den strengen staatlichen Vorschriften in ihrem Geburtsland. Scheinbar vom Himmel fallende Stoffe verleihen den kontrollierenden Machthabern eine unausweichliche Präsenz. Die vielen Tücher und das überbordende Gestikulieren der Darstellerin verweisen auf die Unmöglichkeit dem geforderten Ideal andauernd zu entsprechen. Vor allem durch die Steigerung ins Absurde, wenn selbst eine Kiste auf Nazarpours Kopf verhüllt wird, gelingt im ersten Teil der Inszenierung eine humorvolle Kritik der patriarchalen Strukturen im Iran.

»Hijab offline« (Bild: Rainer Berson)

Schubladen voller Hijabs

Im zweiten Abschnitt schwenkt der Fokus auf Nazarpours Entschluss, in Österreich nun keinen Hijab mehr tragen zu wollen. Per projizierter Aufzeichnung eines Instagram-Livestream beobachtet das Publikum sie bei der öffentlichen Kundgabe dieser Entscheidung. Daraufhin entwickelt sich eine vielsprachige Debatte mit solidarischen, aber durchaus auch problematischen Reaktionen. Aufgrund der hektischen Inszenierung des Livestreams und dem abrupten Übergang zu einem Videotelefonat mit Nazarpours Eltern, fällt es jedoch schwer den diversen Figuren und Meinungen durchgängig zu folgen. Wirkungsvoll und gelungen ist hingegen der anschließende Dialog mit Siri, in dem das Wissen der Apple-Assistentin als eurozentrisch problematisiert wird. So antwortet Siri auf die Frage »Was weißt du über Frauen im Iran?« irgendwann nur noch mit »Hijab, Hijab, Hijab, …«. Geschickt macht »Hijab offline« so auf Islamfeindlichkeit unter dem Deckmantel von Progressivität aufmerksam. Dieses rassistische Schubladendenken findet sich auch sinnbildlich im Szenenbild anhand mehrerer Plastikkisten, in denen sich Hijabs verstecken, wieder.

Zum Abschluss der Inszenierung performt Nazarpour dann einen Tanz, dessen Choreografie immer wieder den Hijab gestisch referenziert, den sie aber mit offenem, langem Haar aufführt. So steht am Ende nicht mehr die Diskussion um Nazarpours Entscheidung, den Hijab abzunehmen, im Zentrum, sondern die Forderung nach radikaler Selbstbestimmung in Bezug auf Religion und Körper. Ob mit Hijab oder ohne.

»Hijab offline« wurde am 17. und 18. Dezember 2025 im Dschungel Wien aufgeführt.

Dieser Text ist im Rahmen eines Schreibstipendiums in Kooperation mit dem Dschungel Wien entstanden.

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...