Nach seinem Erfolgsfilm »Austroschwarz« präsentiert Mwita Mataro mit »Austrodrama« nun sein Solodebütalbum. Es ist die musikalische Fortsetzung einer Geschichte über rot-weiß-rote Flaggen, nationalen Stolz und ein Land, das neu erzählt werden muss.

Im Oberkellnergewand posiert er vor der österreichischen Flagge, beim Würstelstand bestellt er Käsekrainer, dazu ein Seidel Bier und vor dem Stephansdom performt er in lässiger Manier an der E-Gitarre: Mwita Mataro weiß, wie man beim Publikum Aufmerksamkeit erzeugt. In den sozialen Medien spielt der gebürtige Salzburger mit tansanianischen Wurzeln bewusst mit den Klischees österreichischer Kultur. Das gelang bereits in seinem erfolgreichen Dokumentarfilm »Austroschwarz« bravourös und nun präsentiert Mataro sein Albumdebüt als Solokünstler. Zwischen Austropop und Indierock oszillierend, knüpft »Austrodrama« unmittelbar an seine filmische Arbeit an und fährt dabei zu neuen Höhen auf. Mit viel Schmäh und demonstrativem Augenzwinkern, begegnet der Schwarze Österreicher seinem Geburtsland erneut mit einer postmigrantischen Perspektive und plädiert dabei auch für eine musikalische Neukonfiguration. Ganz nach dem Motto: »Make Austropop sexy again«, wie es auf seinem Instagram-Account heißt.
Deine Musikkarriere begann bereits 2010, als Frontsänger und Gitarrist in der Band At Pavillon. War Musik schon immer ein wichtiger Teil deines Lebens?
Mwita Mataro: Zur Musik bin ich vor allem durch meinen Papa gekommen. Er ist ein riesengroßer Jazzfan und wir waren früher oft im Rockhouse in Salzburg auf Konzerten. Mein größter Einfluss war aber wohl Musikfernsehen – MTV und VIVA. Dort habe ich Tokio Hotel entdeckt und konnte mich damit identifizieren. Sie waren so jung und cool, weil sie einen so uniquen Style hatten. Es hat mich interessiert, wer diese Menschen abseits von Musikvideoinszenierungen sind. Wie kommen sie auf ihre Ideen? Wie reden sie? Das hat stark zu mir gesprochen und gab mir den Impuls selbst Songs zu schreiben.
Auf deinen Debütfilm »Austroschwarz« folgt mit »Austrodrama« dein erstes Album als Solokünstler. Inwiefern greifen diese beiden Projekte ineinander?
Ich fand den Gedanken spannend, österreichische Kultur mit migrantischen Themen zu vermischen, um eine Brücke zu bauen und die Sehgewohnheiten der Zusehenden in Österreich zu schärfen. Im Zuge von »Austroschwarz« habe ich dann begonnen, Texte auf Deutsch zu schreiben. Einfach mal für mich, geschaut wie es sich anhört und anfühlt. Der Rest hat sich dann sehr organisch entwickelt. Die Single »Austrodrama« haben wir zeitnah zu »Austroschwarz« released, der Titel war ursprünglich »Liebesdrama«. Ich wollte dann aber etwas mit mehr Österreichbezug. Man könnte sagen es ist die musikalische Fortsetzung von »Austroschwarz«.
Was ist dieses »Austrodrama«?
Ich sehe wie es meinen Cous*inen in Tansania geht und schätze an Österreich, dass die Grundbedürfnisse an sich gedeckt sind. Hier habe ich die Möglichkeit zwanzig Stunden zu kellnern und parallel meine Kunst zu machen. Das ist einfach schön. Gleichzeitig stellt sich im Gespräch mit verschiedenen Leuten aus Österreich heraus, dass wir alle der Meinung sind, dass Österreich den Bach runtergeht. Die Gesellschaft ist gespalten, links und rechts. Das Gegeneinander steht viel mehr im Vordergrund als das Miteinander. Das sehe ich als Drama.
Nationale Symbole spielen bei dir eine zentrale Rolle: Kaffeehäuser, Adler, Würstelstand, die österreichische Flagge und Hymne – alles verpackt in einen Schleier von Wiener Schmäh. Was für ein Bild von Österreich zeichnest du in deiner Musik?
Ab und zu bin ich selbst unsicher und denke, vielleicht ist das alles zu überspitzt. Es gab da diesen Schwarzen österreichischen Musiker, den Ösi Bua, der so ähnlich gearbeitet hat wie ich. Vielleicht habe ich mich auch bewusst von ihm inspirieren lassen. Bei ihm ging das eher in die Hip-Hop-/Pop-Richtung. Im Zuge von »Austroschwarz« habe ich ihn dann kennengelernt und wollte wissen, ob das Satire war – was es eben nicht war. In Bezug auf die Österreichflagge habe ich mich gefragt, wer Österreich überhaupt repräsentiert. Welchen Stellenwert hat Repräsentation? Warum wird zum Beispiel die amerikanische Flagge so kultiviert? Warum ist das cool, wenn auf einer Jeans Amerikasterne abgebildet sind? Wer Österreicher*in ist, kann man heute gar nicht so genau beschreiben. Und das finde ich voll spannend. Aber ich habe eben auch eine andere Frage: Warum können wir nicht stolz sein, Österreicher*innen zu sein?
Woran liegt das deiner Meinung nach?
Da gibt es sicher mehrere Gründe. Ich glaube Österreich hat es noch nicht geschafft anzuerkennen, dass die Zeit des Nationalsozialismus vorbei ist. Dass man nach vorne schauen und versuchen sollte, Österreich gemeinsam neu zu framen. Was es braucht, ist ein bewusstes Update. Bilderbuch ist da für mich ein Best-Practice-Beispiel: Ihr langjähriger Gitarrist Mike steigt aus und es kommt jemand nach. Es ist aber kein weißer Mann, es ist eine Oberösterreicherin, PoC, die gerade einmal Anfang zwanzig ist. Das finde ich einfach bold und geil. Und diese boldness braucht es in Österreich in allen Bereichen.
»Austrodrama« versteht sich als Indierock-Album. Warum ist es dir ein so großes Anliegen, auch den Begriff des Austropops bewusst für deine Musik zu verwenden?
Zum einen ist das für mich eine schöne Reaktion auf diese Debatte der kulturellen Aneignung. Ich dachte mir, ich drehe den Spieß einfach um und behaupte, dass ich Austropop mache – weil ich es lustig finde. Zum anderen ist es aber bestimmt auch eine aktivistische Strategie. Was macht das mit der Bevölkerung? So wenige nicht-weiße Österreicher*innen befassen sich mit Rockmusik. Es geht immer in Richtung R&B und Hip-Hop. Ich finde es spannend, wenn Leute aus Österreich mit Migrationshintergrund auf meine Arbeit stoßen und sich denken, der spielt Gitarre und irgendwie singt er ab und zu Dialekt. Schon ein bisschen cringe, was er macht, aber vielleicht möchte ich das auch probieren.
Wer definiert denn, was Austropop überhaupt ist?
Genau. Für mich ist das eher ein geografischer Begriff. Im Endeffekt ist es einfach Musik aus Österreich. Es ist meine Strategie, diesen Begriff abzuschwächen. Ich habe ein Manifest (lacht): Wenn ich es schaffe, die Arena Open Air auszuverkaufen, hängt hinter mir die fetteste Österreichflagge und dann gehen alle zum Konzert und halten in den U-Bahnen kleine Österreichfahnen.
»4 Uhr nachts« hebt sich vom Rest deiner Songs ab, der Österreichbezug findet hier textlich kaum statt. Was ist dieses »Alles« das im Song in Flammen aufgeht?
Im Refrain zitiere ich den Song »Feuer« von Jan Delay. Er singt: »Denn das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen.« Wenn man Musiker*in oder Künstler*in werden will, dann ist da so ein inneres Feuer, das einen total motiviert. Und dann kommen langsam diese ganzen Stolpersteine, das Feuer wird immer kleiner und kleiner. Anfang zwanzig hatte ich stark mit Depressionen zu kämpfen und mir ging es sehr schlecht. Ich habe nie gecheckt, wo energietechnisch meine Grenzen sind, und habe mir oft gedacht, ich müsste doch eigentlich was anderes machen. Mit 26 Jahren bekam ich dann die Diagnose einer bipolaren Störung und fand diese Erkenntnis sehr interessant: Ich brenne für etwas, aber ich muss auch aufpassen, dass ich nicht ausglühe. Es ist schwer, eine Balance zu finden und umso spannender alles wird, umso cooler muss man eigentlich bleiben.
Das Spielerische ist ein Alleinstellungsmerkmal deiner Arbeit. In »Austroschwarz« war das die Überführung von Rassismus in die fantastische Erzählung über die Abenteuer der Figur Bluekid. In deiner Musik sind das rhetorische Spielerein, Wiener Schmäh und dein Tourplakat in Form eines österreichischen Passes. Warum glaubst du ist dieser Zugang eine gute Grundlage, um Themen wie Rassismus, Identität und Heimat zu begegnen?
Als ich begonnen habe, Musik zu machen – oder auch bei »Austroschwarz« – habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie man Dinge interessanter erzählen kann. Ich versuche die Leute abzuholen, indem ich diesen schweren Themen mit einer gesunden Haltung begegne. Aktuell ist irgendwie eh alles zum Weinen, überall ist Krieg. In meiner Rolle als Künstler sehe ich mich deshalb auch als Entertainer. Ich möchte den Leuten ein Gesamtpaket geben, gerade in solchen schwierigen Zeiten. Wenn du einen schweren Tag hast und auf ein Konzert gehst oder ein Plakat siehst, dann willst du doch manchmal auch einfach nur lachen.
Und was kommt nach dem »Austrodrama«?
Ich hoffe natürlich, dass ich nächstes Jahr viel spielen darf und bin extrem motiviert, neue Mucke zu machen. Ich arbeite außerdem gerade an einem Langfilm, den ich unbedingt machen möchte. Da müssen natürlich viele Parameter stimmen. Der Arbeitstitel ist »Jedermann« und es geht um zwei Schwarze Freunde und die Frage, wie man sich in schwierigen Zeiten helfen kann. Ich will aber auch nicht zu viel spoilern.

Das Album »Austrodrama« von Mwita Mataro erscheint am 23. Oktober 2026 bei Las Vegas Records. Am 26. Oktober, dem österreichischen Nationalfeiertag, findet das letzte Konzert der »Austrodrama«-Tour im B72 in Wien statt.