»Wenn ich performe, spüre ich das bis in die letzte Haarspitze« – Uche Yara zwischen Bilderbuch- und Solokarriere

Stand sie vor wenigen Jahren noch als »Ultra-Fangirl« bei Bilderbuch in der ersten Reihe, so be­geistert sie mittlerweile selbst die Fans der Band als Gitarristin bei deren Live­auftritten. Mit »Body­scanner« präsentiert Uche Yara nun als Solo­künstlerin ihr lang­ersehntes Debüt­album inklusive Europatour. Eine Musi­kerin zwischen warmer Kollektivität und kantiger Körperlichkeit.

© Polina Gavrilova

Inmitten von Probe­terminen im Wiener Flex für ihren zweiten offiziellen Auftritt als Bilderbuch-Live­gitarristin, findet Uche Yara irgendwie ein bisschen Zeit für ein Treffen im glühend heißen Wien. Ein Glück, dass der Schani­garten schattig und die Getränke eis­ge­kühlt sind. »Heaven!«, meint auch unsere Interview­partnerin. »Wie geil, dass die hier Crushed Ice haben!« Und ein umso größeres Glück wohl, dass die gebürtige Ober­österreicherin für unser Gespräch in Wien persönlich an­zu­treffen ist, wohnt sie doch seit mittler­weile fünf Jahren in Berlin. Es sei dann aber doch immer wieder etwas Besonderes, gerade im beruflichen Kontext zurück­zukommen – auch wenn sich Wien im Vergleich zu Ober­österreich für sie wie ein schwacher Trost anfühle: »Ein bisschen wie Heimat, aber eben nicht ganz.«

Den Entschluss, nach Berlin zu ziehen, fasste Uche Yara, die mit vollem Namen Uchenna Yara Katzmayr heißt, parallel zu ihrer Matura. Einen Groß­teil ihres jetzigen Teams lernte sie bereits ein Jahr zuvor durch ihren Lehrer am BORG Linz kennen. Dass so ein Umzug vom Land in die Großstadt durchaus auch seine Heraus­forderungen zu bieten hat, kann die heute 21-Jährige retrospektiv nur unter­streichen: »Am An­fang wusste ich mit dem ganzen Angebot dort nichts anzufangen. Es war alles so viel, so weit­läufig. Ich lebte voll in meiner Welt.« 

Musik low key

Erst mit der Zeit fand sie Nischen, in denen sie sich so richtig wohl­fühlen konnte, wodurch auch der Wunsch nach Musik als Haupt­beruf zunehmend greif­barer wurde. Das sei nämlich nicht immer ihr erklärtes Ziel gewesen: »Früher wollte ich Medizin studieren. Ich inte­res­sierte mich sehr für natur­wissen­schaft­liche Fächer, wollte un­bedingt Ärztin werden und vielleicht nebenbei einen kleinen Probe­raum haben. Musik ver­folgte ich lange nur low key.« Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, welch hohen Stellen­wert musikalische Ausdrucks­formen in ihrem Leben eigentlich schon immer hatten.

Mit gerade einmal sieben Jahren begann Uche Yara bereits klassisches Schlagwerk zu lernen: »Man kann sich das wie ein großes Spektrum an Instrumenten vorstellen. Das be­inhaltet Hand Percussion und Stabspiele wie Marimba, Xylophon oder Vibraphon, aber auch Schlagzeug.« In dieser insgesamt zehn­jährigen Aus­bildung ging sie voll­ständig auf und legte damit den Grund­stein für ihr musikalisches Schaffen: »Darauf baut einfach alles auf.« Von zehn bis vierzehn besuchte sie zusätzlich eine Chorschule und setzte sich etwa im Rahmen eines Schul­musicals – in der Hauptrolle der Baghira im »Dschungelbuch« – erstmals so richtig mit ihrer Stimme auseinander. »Das war alles noch so unschuldig und ganz nach dem Motto: ›Na gut, dann singe ich halt, wenn das ver­langt wird.‹« Als sie dreizehn wurde, begann sie schließlich E-Gitarre zu spielen. Mit sech­zehn folgten erste eigene Lieder: »Damals war ich total auf einer jazzigen, klassischen Welle und sang gar nicht. Die Songs waren instrumental verworren und rhythmisch sehr anspruchsvoll. Ich habe mich einfach total ins Blaue hinein selbst ausgedrückt.«

Das musikalische Repertoire, das Uche Yara sich damals aneignete, könnte also viel­schichtiger kaum sein. Sie ver­suchte, ständig Neues zu lernen oder zu entdecken. Insgesamt ein Zugang, der Uche Yaras Arbeit bis heute prägt: »In meiner Musik will ich etwas finden, das mich catcht und das neu ist für meine Ohren. Ich will mich nicht wieder­holen oder im Technischen verlieren. Kunst mache ich aus zwei Gründen: zum einen wegen der Selbst­verwirklichung, weil mir das einfach alles gibt; und zum anderen, weil es so wunder­schön ist, in Menschen irgend­eine Form von spark auszulösen.«

Inspirieren und inspirieren lassen

Bei ihr selbst war es die Band Bilderbuch, die in der künstlerischen Anfangs­phase für einen solchen »spark« sorgte. Mit deren kompromiss­losen Zugang zu Musik »und diesem Sound, der so fremd war«, wusste sich Uche Yara unmittelbar zu identifizieren. Die außer­gewöhnliche Bühnen­präsenz der Band­mitglieder, »die Art und Weise, wie sie in Rollen schlüpften und damit ein Lebens­gefühl vermittelten«, habe die damals Fünf­zehn­jährige völlig geflasht zurück­gelassen und sei auch heute noch eine ihrer größten Inspirations­quellen. Die Ober­österreich-Connection war obendrein noch das geografische Sahne­häubchen: »Ich fand es echt absurd, dass sie aus demselben Bundes­land kommen und teilweise an meiner Schule waren. Da war die Identifikation natürlich noch mal viel stärker.«

So war Uche Yara also früh ein »Ultra-Fangirl« und wäre für Bilderbuch »wahr­scheinlich überall hin­gefahren, um dort dann in der ersten Reihe zu stehen«. Hätte man ihr damals gesagt, dass gerade das geteilte Umfeld rund um das BORG Linz sie einmal von der ersten Reihe auf die große Bühne und damit direkt an die Seite von Bilderbuch kata­pultieren würde, hätte sie bestimmt große Augen gemacht, dem aber vermutlich wenig Glauben geschenkt. Auch heute, im gemein­samen Rückblick auf die rasante Entwicklung ihrer Karriere, kann sie diese Dimensionen nur schwer in Worte fassen: »Das war, glaube ich, alles zu krass und schwer zu checken. Ehrlich gesagt, checke ich es immer noch nicht ganz.«

Seit Juli diesen Jahres begleitet Uche Yara die Band Bilderbuch als deren Lead­gitarristin bei Live­auftritten. (Bild: Lukas Gansterer)

Geschichte wie im Bilderbuch

Es war ein Karriereeinstieg auf höchster Stufe, könnte man sagen. Ohne noch einen einzigen Song ver­öffentlicht zu haben, stand die gerade einmal Neun­zehn­jährige plötzlich in der Hamburger Elb­phil­harmonie und im Wiener Ernst-Happel-Stadion, um als Support-Act für Bilderbuch beziehungs­weise als Aushilfs­gitarristin bei diesen vor den Rolling Stones un­glaub­liche Performances abzuliefern. Dass diese zwei Momente natürlich das Ergebnis eines langen und intensiven Arbeits­prozesses waren, der bereits deutlich früher seine Anfänge genommen hatte und nicht einfach »plötzlich« passierte, nahm man in der breiten Öffentl­ich­keit weniger be­wusst wahr. Uche Yara: »Das Pacing war zwar sehr schnell, vor allem aber für die Außenwelt. Für mich kam das eher stetig und kontinuierlich zusammen. Natürlich arbeitet man lange auf so einen Tag hin und baut sich das lang­sam auf.«

Und so machte sie ihre ersten Bühnen­erfahrungen auch nicht erst bei ihren Support-Shows im Rahmen der »Gelb ist das Feld«-Tour 2022, sondern war bereits im Jahr zuvor als Gitarristin für Mavi Phoenix und im Vor­programm der australischen Band Parcels musikalisch viel beschäftigt. Als dann die Frage aufkam, ob Uche Yara Bilderbuch supporten möchte, hatte sich das Ver­hältnis zur Band schon etwas verschoben: vom Fangirl hin zum »Friends-Level«. »Ich hatte zum Glück genug Zeit, um das alles halbwegs zu verdauen«, erinnert sich die Multi­instrumentalistin. »Vor allem durchs Älter­werden war dieses krasse ›Fangirl-Ding‹ nicht mehr so präsent.«

In der Kurzfassung liest sich die Geschichte aber trotzdem wie der wahr­gewordene Traum eines jeden Fans. Und auch wenn die alt­bekannte Rede­wendung »never meet your heroes« hier eindeutig nicht zutrifft, gab es durchaus Momente, in denen sich Uche Yara der Surrealität ihrer Situation be­wusst wurde, wie sie mit breitem Lächeln erzählt: »Natürlich gab es solche Augenblicke, zum Bei­spiel bei den ersten Proben für Hamburg, wo ich dann kurz mal durch­atmen und mein Spiegel­bild anschauen musste. Da dachte ich nur: ›What the fuck, was passiert hier eigentlich?!‹«

(Schick-)Schock

Erst jüngst erlebte sie einen ähnlichen Schockmoment – erneut im Zusammen­hang mit Bilderbuch. Im Früh­jahr 2026 gab die Band offiziell den Rückzug ihres lang­jährigen Gitarristen Michael »Mike« Krammer bekannt und verkündete gleichzeitig eine »neue Ära, ein neues Wachsen«. Wenig später ließ man die Öffentlichkeit wissen, dass fortan Uche Yara als Live-Lead­gitarristin zur Band stoßen werde: »Als sie mich fragten, war meine erste Reaktion: ›Kann ich das überhaupt?‹ Das war so ein Gefühlschaos. Auf der einen Seite spürte ich die Wert­schätzung und das große Vertrauen. Auf der anderen Seite hatte ich echt auch ein weinendes Auge, weil ich eigentlich selbst bei den Konzerten in der ersten Reihe stehen wollte.«

Gerade Mike Krammer, ihren »Gitarrengott«, habe sie immer als wahn­sinnige Inspiration gesehen und seinen Sound bewundert, »den niemand so verkörpern kann wie er selbst«. So sei es nun ihre große Aufgabe, einerseits das weiter­zutragen, was er über viele Jahre erschaffen hat, dabei gleich­zeitig aber auch ihre eigene Sprache an der Gitarre zu finden: »Es ist ein riesen­großer Lern­prozess und ich bin so dankbar, dass ich die Freiheiten bekomme, mich da heran­zutasten. Gerade weil die Essenz bei Bilderbuch ja schon lange da ist und ich mit meiner eigenen Musik wiederum etwas ganz anderes verkörpere.« Es sind also zwei musikalische Zugänge, die es für Uche Yara parallel zu pflegen gilt. Doch gerade mit dem Austesten von unter­schiedlichen Rollen scheint sie sich ja bereits bestens aus­zukennen. So zeugen sowohl ihr Debüt­album »Bodyscanner« als auch ihre künstlerische Entwicklung insgesamt von be­ein­druckendem Facetten­reichtum.

2023 veröffentlichte Uche Yara mit »WWW She Hot« ihre erste eigene Single. In den Monaten darauf folgten mit »Sophie«, »Panama«, »Yesterday I Was in London« und »Homesick« weitere Tracks, die den innovativen Charakter ihrer Arbeit mehr als deutlich werden ließen. Was sich darin bereits andeutete und mit ihrer Debüt-EP »Golden Days« endgültig manifestierte, war ein durch und durch spielerischer Umgang mit musikalischen Aus­drucksformen, der darauf stets in einen wohlig warmen Schleier ge­hüllt war.

Mit dem brandaktuellen Debütalbum »Bodyscanner« scheint sie nun das Gegenstück dazu präsentieren zu wollen. Während die experimentellen Instrumentals und die stimmlich-spielerische Komplexität ge­blieben sind, zeugt »Body­scanner« insgesamt von einem deutlich dunkleren Wesen. »Ich habe ganz lange einem warmen Sound nachgeeifert, aber irgend­wann gecheckt, dass meine Musik eigentlich viel kompromiss­loser ist. Deshalb ist es jetzt nicht mehr warm und grainy und ›allen geht es so gut‹. Das hat schon Ecken und Kanten und will was von einem. Das ist spiky.« Gerade im Albumcover, in diesem Aus­fahren des Ellbogens und der spitz zulaufenden E-Gitarre, spiegle sich dieser Aspekt unmittel­bar wider, so die Musikerin.

Uche Yara: »Kunst mache ich aus zwei Gründen: zum einen wegen der Selbst­verwirklichung; und zum anderen, um in Menschen einen spark auszulösen.« (Bild: Marko Mestrovic)

Anschluss finden

Wie sie »Bodyscanner« als Begriff konkret auslegt? »Das geht für mich weg von jeglicher Ober­flächlich­keit, auch wenn der Titel eigentlich das Gegenteil suggeriert. Da liegt so viel Tief­gründig­keit drinnen sowie Kritik an den Fassaden, die wir für uns selbst aufbauen.« Gleichzeitig behandle das Album auch einen ganz persönlichen Zugang, einen Blick nach innen, der sich maß­geblich an einem Gefühl von Zugehörigkeit und Community orientiere. »Die ersten Jahre in Berlin fand ich kaum Anschluss und fühlte mich richtig disconnected. Ich nehme keine Drogen, ich stehe nicht auf Techno und die Ravekultur. Besonders als Schwarze, queere Frau hatte ich keinen Ort, wo ich mich so richtig zugehörig fühlen konnte.« Erst im vergangenen Jahr, parallel zum Album­prozess also, habe sie im Rahmen von einzelnen Veranstaltungen dann doch Räume gefunden, wo man sie eine durch­gängig wert­schätzende Atmosphäre spüren ließ.

Im Zuge dieses »Erwachens« und der kollektiven Erfahrung von Safer Spaces wurde Uche Yara außerdem bewusst, dass insbesondere Tanz, also »das ge­mein­same Bewegen von Körpern zu Musik«, überhaupt nichts sei, bei dem man »gescannt« werde: »Das ist eigentlich genau der Punkt, an dem man im Kollektiven praktisch alle Spiegel zudeckt.« So sind auch der Entstehungs­prozess ihres Albums und das Konzept ihrer Europa­tour maß­geblich in dieser Ver­schränkung von Körper­lichkeit, Musik und Tanz begründet. »Wenn ich performe, spüre ich das bis in die letzte Haarspitze.«

Die ins Album eingeschriebene Härte lässt sich so auch als körperliche Reaktion lesen, wie Uche Yara genauer erläutert: »Ohne es zu wissen, habe ich diese Songs mit meinem Körper geschrieben, teilweise im Gefühl, dass die Musik über mich drüberrollt. ›Bodyscanner‹ soll somit etwas ausdrücken, das zum einen super körperlich, zum anderen aber auch irgendwie gruselig und un­heim­lich ist.«

Im Musikvideo zum Titeltrack wird dieser Ansatz visuell greifbar: Hier fließen Körper wunderschön-abscheulich ineinander, werden zeit­lich gerafft, multipel ver­vielfältigt und verlieren im Bann ekstatischer Gitarren­sounds jegliche Form von Autonomie. Physische Attraktivität, so be­tont Uche Yara, sei stets eine Frage der Inszenierung: »Körper sind nicht immer nur schön, auch wenn sie es in jeder Form sein können. Aber Körper dürfen auch funky sein. Wir dürfen Schönheit nicht immer nur an dieses klassische Ideal binden. Auch ›Bodyscanner‹ als Song ist nicht schön. Er ist unangenehm und hat Spikes. Aber genau darin liegt die Magie.«

Zurück in den Clubbunker

Aufgrund dieser Überlegungen ist es der Künstlerin wohl auch so wichtig, dieser Form von Körper­lich­keit eine Bühne zu geben, eine Viel­falt zu präsentieren und damit diese ein­ge­fahrenen Strukturen aufzubrechen. Im Unter­schied zu heute, sei das die wesentliche Essenz der Clubkultur in den Sechziger- und Siebziger­jahren gewesen, wie Uche Yara euphorisch erklärt: »Clubs waren früher eigentlich Safer Spaces für marginalisierte Gruppen. Die Queers und BIPoCs trafen sich in Clubbunkern, die Türen waren zu und alle drückten sich so aus, wie sie wollten. Die DJ-Person war einfach nur Host des Abends und es ging nicht um eine Inszenierung, sondern um Begegnung und Grenzen­losigkeit.«

Ein Ansatz, der auch das von Uche Yara und ihrem Team entwickelte Konzept ihrer bevor­stehenden Konzerte als Head­linerin maßgeblich ge­formt hat. »Bei der Tour geht es weniger um die Präsentation des Albums, sondern um ein gemeinsames Präsentsein. Die Vision ist, dass ich auf einer Ebene mit der Crowd stehe, im besten Fall ohne Bühne und mittendrin. Dass ich einfach host of the night bin und schaue, dass es allen gut geht. Dass wir gemein­sam tanzen und vielleicht ein Stück weit zu dem zurückkehren, was Club­kultur früher einmal ausmachte.«

Uche Yaras Debütalbum »Bodyscanner« erscheint am 25. September 2026 bei Golden­days FM. Am 5. November spielt sie im Rahmen ihrer Tour in der bereits ausverkauften Arena Wien. Für den 16. Dezember gibt es einen Zusatz­termin in der Grellen Forelle.

Nächste Seite: Uche Yara über die Songs ihres Debütalbums »Bodyscanner«

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