Unsterbliche Macht – Queere Vampir*innen und Wiener Schmäh in »Die Blutgräfin«

Seit jeher sind Menschen vom Vampirismus fasziniert. In ihrem neuen Film »Die Blutgräfin« verbindet Ulrike Ottinger die Legende um die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory mit feministischer Kritik und Camp-Ästhetik. Eine groteske, moderne Interpretation des Vampirmythos, die Aspekte wie Queerness und weibliche Macht thematisiert.

© Amour Fou / Veronique Kolber — Die Blutgräfin (Isabelle Huppert) streift im gleichnamigen Film durch ein zeitlos scheinendes Wien.

»Dracula«, »Nosferatu«, »Twilight«: Jede Zeit scheint ihre eigene Auseinandersetzung mit den Themen Vampirismus und Unsterblichkeit zu haben. Für »Die Blutgräfin« arbeitet Ulrike Ottinger mit der historischen Figur der Elisabeth Báthory. Einer mächtigen ungarischen Gräfin, die im späten sechzehnten Jahrhundert lebte und im Zuge ihrer Verurteilung als Serienmörderin unter dem Beinamen Blutgräfin bekannt wurde. Um ihre Geschichte rankten sich im Laufe der Zeit zahlreiche Mythen. Unter anderem ihr angebliches Dasein als Vampirin, das als Inspiration für spätere Blutsauger*innen wie Joseph Sheridan Le Fanus Carmilla oder Bram Stokers Dracula gilt. Heute ist umstritten, ob Báthory eine grausame Mörderin oder Opfer einer politischen Intrige war.

Die Verbindung der ungarischen Gräfin zum Vampirismus hat sich jedenfalls längst verselbstständigt und wird nun von Ulrike Ottinger in eine moderne Horrorkomödie eingebettet. Drehort für den Film war Wien, eine Stadt reich an Geschichte, wie Ottinger ausführt. Diese Geschichte habe die Filmemacherin auch beim Schreiben des Drehbuchs inspiriert. Dadurch ergibt sich eine Überschneidung mit der historischen Elisabeth Báthory, denn diese verweilte zu Lebzeiten oft hier. Im Film wird die Ungarin von der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert dargestellt. Ihre Zofe Hermine wiederum von der Österreicherin Birgit Minichmayr, die für die Rolle Französisch lernte. Die Dialoge finden dabei auf Deutsch, Französisch und Ungarisch statt – was den Wechsel zwischen altem und neuem Europa abbilden soll.

Waschmaschinen und Straßenlaternen

Wer versucht, anhand von Kulissen, Artefakten oder Sprache zu erraten, in welchem Jahrzehnt »Die Blutgräfin« angesiedelt ist, wird enttäuscht werden. Nach etwa fünfzehn Minuten des Films passiert die Gräfin mit ihrer Kutsche eine Schneiderei. Darin gluckert eine Waschmaschine aus den Siebzigern. Später fährt sie eine Gasse entlang, während im Hintergrund eine Straßen­laterne mittels Kerze angezündet wird. In der Folge­szene ziehen schwarze Pferde, allesamt geschmückt mit roten Federn, die imposante Kutsche an einem Laufhaus vorbei. Eine davorstehende Sexarbeiterin trägt Latexstiefel und Leopardenprint. Laut Ottinger spielt »Die Blutgräfin« gleichzeitig innerhalb mehrerer Jahrhunderte. Diese temporäre Unzuordenbarkeit würde sie auch mit Vampirismus verbinden: »Wiedergänger*innen leben schließlich in allen Zeiten.«

Die Regisseurin merkt zudem an, dass wir aktuell in besonderem Ausmaß von Vampir*innen umgeben zu sein scheinen. Sie meint damit mächtige Menschen, die sich durch technologischen und medizinischen Fortschritt ein ewiges Leben erwarten. Auch in der Politik verortet Ottinger Wiedergänger*innen. So würden Politiker wie Trump ein ewiges (politisches) Leben anstreben. Für die Filmemacherin stellt dieses Streben nach Unsterblichkeit den Inbegriff von Hybris dar.

Ulrike Ottinger, Regisseurin von »Die Blutgräfin«: »Wenn man eine Frau als mächtig darstellt, dann löst das sofort Reaktionen aus.« (Bild: Ulrike Ottinger)

Thomas Schubert, der im Film den Neffen der Blutgräfin, Baron Rudi Bubi von Strudl zu Buchtelau, spielt, empfindet den Vampirismus ebenso als zeitloses Thema, das Menschen überdies in unterschiedlichen Lebensabschnitten abholen kann. Sei es in der Jugend im Zusammenhang mit Identität und Sexualität oder im Alter in Bezug auf die eigene Sterblichkeit.

Ottinger bedient sich für den Film vielfach einer campy Ästhetik. Mit Schulterpolstern, Polkadot-Kleidern, Barockperücken und pelzbesetzten Mänteln baut die Regisseurin bei der Wahl der Kostüme auf eine exzentrische Optik. Besonders deutlich wird dies während eines extravaganten Rituals, bei dem der Musiker Tom Neuwirth als Zeremonienmeister auftritt.

Vampir in Samthose

Die queere Ästhetik des Films zeigt sich auch an der Figur von Rudi Bubi. Er ist selbst Vampir, aber dezidierter Vegetarier. Passend dazu ist der junge Baron auffällig grün gekleidet. Mit Samthose, besticktem Jackettkragen und bissigem Witz ist er klar dem Dandytum zuordenbar. Von seinem Umfeld wird er dabei als unmännlich und seltsam bewertet. So bezeichnet ihn sein Cousin, Mitglied der schlagenden und blutsaugenden Burschenschaft Vampiria, als Schlappschwanz. Und Rudi Bubis Therapeut, dargestellt von Lars Eidinger meint: »Seien Sie doch mal ein Mann. Einmal im Jahr Fleisch werden auch Sie verkraften.«

Thomas Schubert versteht Film in dieser Hinsicht als gesellschaftlichen Spiegel: »Als darstellender Künstler muss man immer hinterfragen, inwiefern die Figur Geschlecht darstellt. In welchen Kreisen bewegt sich der Charakter? Wie weit ist es der Figur erlaubt, aus diesen auszubrechen?« Darüber hinaus spricht Schubert von Vampiren als Ausdruck männlicher Ängste. Er meint damit die Angst, im Vergleich mit dem mächtigen, frauenverführenden Vampir nicht gut genug zu sein.

Sexualität ist in »Die Blutgräfin« durchaus ein zentrales Thema. So hat die Hauptfigur eine klare Präferenz für Frauen, während sich ihr Neffe eben bewusst von seinem blutsaugenden Naturell distanziert. Mit dem vampirischen Akt als Bild für menschliche Sexualität lebt Rudi Bubi somit quasi zölibatär, verwehrt sich wegen der eigenen moralischen Prinzipien einem grundlegenden Bedürfnis.

Thomas Schubert spielt in »Die Blutgräfin« den Vampir und Vegetarier Baron Rudi Bubi von Strudl zu Buchtelau. (Bild: Amour Fou / Petro Domenigg)

Eine queere Perspektive auf Vampirismus ist keine Neuheit. Der eingangs erwähnte irische Schriftsteller Joseph Sheridan Le Fanu legte mit seiner Figur Carmilla bereits 1872 den Grundstein für das popkulturelle Phänomen lesbischer Vampirinnen. Aufgenommen wurde diese Idee unter anderem auch von Elfriede Jelinek, die in ihrem 1987 uraufgeführten Theaterstück »Krankheit oder moderne Frauen« das Motiv der lesbischen Vampirinnen mit Kritik an patriarchalen Gesellschaftsverhältnissen verknüpfte. Umso mehr Sinn ergibt es also, dass Jelinek am Verfassen der Dialoge für »Die Blutgräfin« mitwirkte.

Nicht nur eine queere, auch eine feministische Deutung liegt bei Elisabeth Báthory auf der Hand. Wie zuvor erwähnt, ist aus heutiger Sicht strittig, welche der Berichte über die Gräfin wahr sind. So erklärt Ottinger: »Jede Person hat mir eine andere Geschichte erzählt, eine grausamer als die vorherige.« Dabei stellt sie klar, dass es nicht die historische Figur an sich ist, die sie interessiere, sondern vielmehr das, was diese auslöse. Generell spiele die Filmemacherin gerne mit den Assoziationen seitens des Publikums. »Wenn man einen Mann als mächtig darstellt, dann finden das alle normal. Wenn man eine Frau als mächtig darstellt, dann löst das sofort Reaktionen aus.«

Weibliche Macht

Die Regisseurin spricht dabei einen relevanten Punkt angesichts Báthorys Geschichte an. So war die ungarische Gräfin zu Lebzeiten eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Frauen in Europa. Eine Tatsache, die zusätzliche Deutungsmöglichkeiten ihrer Geschichte im Zusammenhang mit weiblicher Macht eröffnet: Da wäre einerseits das Interesse ihrer Familie, an ihren Reichtum zu gelangen. Andererseits gibt es auch die Möglichkeit einer politischen Intrige, um Báthory ihren Einfluss zu entreißen. Darsteller Thomas Schubert fragt sich diesbezüglich, ob es den Mythos rund um Báthory vielleicht auch als Rechtfertigung gebraucht habe. Also ob ein Mythos geschaffen werden musste, damit diese weibliche Macht gesellschaftlich respektiert werden konnte.

Ulrike Ottinger verweist im Gespräch noch auf andere Beispiele von mächtigen Frauen, etwa Margaret Thatcher oder Katharina die Große. Auch diese seien nicht frei von gesellschaftlicher Wertung gewesen. So bekam Thatcher den Spitznamen »Eiserne Lady« als Kritik für ihre harte, scheinbar gefühllose Haltung. Und Katharina die Große wurde aufgrund ihrer frei ausgelebten Sexualität verunglimpft, obwohl Affären außerhalb der Ehe bei männlichen Herrschern ein gängiges Phänomen waren.

Im Kontrast dazu zeigt Ottingers Darstellung der Báthory den Wandel solcher gesellschaftlichen Normen: In »Die Blutgräfin« wird deren Macht zu jeder Zeit akzeptiert. Das wird schon klar, als die Gräfin in ihrer gewohnten Wiener Residenz eintrifft, dem Hotel Königin von Ungarn. Dort wird sie untertänig empfangen: Der Page hält sie für eine große Schauspielerin, der Rezeptionist identifiziert sie als Mitglied der hoch angesehenen Báthory-Linie – und begegnet ihrer Ankunft mit Wiener Schmäh: »Manche Gäste sind Wiedergänger. Aber zahlen tun’s nur einmal.« Auch ihre lesbische Sexualität bedarf keiner Rechtfertigung. Damit schafft Ottinger eine kompromisslose weibliche Hauptfigur, die um Respekt nicht zu kämpfen braucht.

Es zeigt sich: Vampirdarstellungen im Film erlauben Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der jeweiligen Zeit. So spielt Friedrich Wilhelm Murnaus Inszenierung von »Nosferatu« mit der Angst vor Krankheit, nach den Erfahrungen mit der Spanischen Grippe, die kurz zuvor Europa heimsuchte. Francis Ford Coppolas »Bram Stoker’s Dracula« verbindet den Vampirismus mit weiblicher Lust. Und »Twilight« bettet den Vampirmythos in eine Romantisierung von toxischen Beziehungsdynamiken ein. Welche gesellschaftlichen Aspekte nun in »Die Blutgräfin« zentral sind, darf jede*r für sich selbst entscheiden. Denn wie Ulrike Ottinger meint: »Wenn man einen Film in die Freiheit entlässt, dann gehört er einem nicht mehr. Dann gehört er den Menschen zur Interpretation.«

Der Film »Die Blutgräfin« von Ulrike Ottinger startet am 29. Oktober 2026 in den österreichischen Kinos.

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