»Alle sind immer so komisch bei dem Thema« – »Zunder« im Dschungel Wien

Mit viel Humor und Mitgefühl thematisiert »Zunder« die Sprachlosigkeit im Umgang mit Pornografie und dem Entdecken der eigenen Sexualität im Internet.

© Franzi Kreis

Die beiden befreundeten Teenager*innen Tom (Marko Jovanović) und Rika (Selina Rudlof) packen ein Geschenk aus: Ein riesiger flimmernder Bildschirm ragt ihnen entgegen, fast so groß, wie die beiden selbst. Sie scrollen und staunen, sie posen und posten, bis sie auf GIFs stoßen, die auf dem neuen Handy ohne Kindersicherung gespeichert sind. Dabei handelt es sich um Pornovideos, die sie mit allerhand Gefühlen konfrontieren, ohne diese ganz benennen zu können. »Das war schon ein bisschen komisch und brutal, fandest du nicht?«, fragt Tom. Rika wiederum möchte mehr wissen. In ihrem Kinderzimmer startet sie eine groß angelegte Recherche, die sich aber als schwieriger herausstellt als gedacht: »Ich google … ja was denn eigentlich?«

Der Text, geschrieben von Rachel Müller, ist an vielen Stellen lustig und jugendnah, mit unzähligen Anspielungen auf 6-7, welche das junge Publikum sehr erfreuten. Auch die erwachsenen Figuren im Stück (alle gespielt von Fabian Tobias Huster) ringen um die Sprache und sind oft überfordert mit der Thematik von sexuellen Inhalten im Internet. Tom kommuniziert lieber mit Chat GPT über die Bedeutung von pervers, weil es sich eh nicht lohnt die Erwachsenen danach zu fragen. Auch Rika fühlt sich alleingelassen mit ihren Fragen: »Wieso sieht man fast nie Gesichter in den Videos? Und wieso geht das alles immer so zack, zack und schnell, schnell und fertig?« Die beiden Freund*innen gehen ihren eigenen Fragen nach, in einem sehr sterilen, fast lieblos wirkenden Bühnenbild, gehalten in Weiß- und Rosatönen.

»Zunder« (Bild: Franzi Kreis)

»Und wieso lacht nie eine Person in diesen Videos?«

Im Klassenchat der 2b bekommt Rika für ihr Interesse an Pornos blöde Sprüche, die sie gekonnt kontert. Sie lässt sich nicht für ihren Spaß daran beschämen. Tom hingegen ist eher zögerlich und abgestoßen von den Videos: »Warum soll ich Pornos toll finden? Weil ich ein Junge bin?«, überlegt er in einem Monolog. Sensibel thematisiert das Stück Genderstereotype sowie Erwartungen an sexuelle Vorlieben und ermutigt zum Neinsagen und verletzlich sein. »Zunder« nähert sich dem Thema Pornografie mit großer Neugier und Offenheit, ohne zu verurteilen.

Eine von Rika gehaltene Präsentation über die Geschichte des Pornos, angefangen mit der Höhle von Lascaux vor 16.000 Jahren, lässt die Zuschauer*innen schmunzeln. Mit Power-Point-Bildern erklärt sie allen, dass Pornografie schon immer da gewesen sei und nicht verschwinden werde, aber unser gesellschaftlicher Diskurs sich verändern könne. »Zunder« möchte offensichtlich Teil dieses Prozesses sein und ein freies Nachdenken fern von Scham oder Angst ermöglichen, indem die Inszenierung jene Fragen ernst nimmt, die sich junge Menschen im Umgang mit Pornos und der eigenen Sexualität stellen.

»Zunder« von Rachel Müller und Manuel Horak wurde vom 5. bis 7. März am Dschungel Wien aufgeführt und ist das Gewinnerstück der Nachwuchsförderung Magma aus dem Jahr 2024.

Dieser Text ist im Rahmen eines Schreibstipendiums in Kooperation mit dem Dschungel Wien entstanden.

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