In »Pilije« kehrt Filmemacherin Samira Fux in ihre Heimat Kärnten/Koroška zurück und wirft einen Blick auf das traditionelle Handwerk der Waffenschmiede in Ferlach/Borovlje.

Ist das nicht der Ort mit den Waffen?« Diese Rückmeldung bekommt man als Erstes, wenn man im eigenen Umfeld Ferlach erwähnt. Die Dokumentation »Pilije« (übersetzt: »Die Büchsenmacher«) nimmt die Stadtgemeinde mit etwa 7.500 Einwohner*innen als Ausgangspunkt für einen Blick auf die Geschichte der deutsch- und slowenischsprachigen Bevölkerungsgruppen in Kärnten/Koroška. Gleich der Beginn zeigt – mitunter jugendliche – Schützen im Ort. Doch Waffen werden in Ferlach/Borovlje nicht nur abgefeuert, sondern auch produziert. Der Ort hat darin eine lange Tradition inklusive Berufsschule mit Schwerpunkt Waffenmechanik. Aktuell werden vor allem Luxuswaffen hergestellt. Dabei blickt der Film den Handwerker*innen über die Schulter.
Samira Fux, die Regisseurin von »Pilije«, sagt, es sei ihr beim Filmen eine Hilfe gewesen, mit den Gewehren dieses »ganz konkrete Materielle« zu haben. Davon ausgehend hätte sie erforscht, was dahinter liege, was unausgesprochen bleibe. Dabei sei ihr vor allem die Sicht der Menschen vor Ort wichtig gewesen, weshalb im Film auch keine Expert*innen, etwa Historiker*innen, zu Wort kommen.

Geschichte aufarbeiten
In und um Ferlach/Borovlje gibt es viel Raum für Unausgesprochenes und Verborgenes. Kämpfe zwischen Faschist*innen und Partisan*innen, Verschleppungen, das KZ Loibl. Alte Geschichten, die – wie der Film erzählt – nach wie vor präsent sind. Lieder, die noch heute von Krieg und Verlust erzählen. Böses Blut, das entstanden ist. Eine Szene handelt etwa bildgewaltig vom Versuch, auf einem Landsitz einen Fluch aufzulösen. Vielleicht auch eine Art der Aufarbeitung. Diese brauche es jedenfalls, wie Fux erklärt, damit die alten Geschichten möglicherweise vergehen können. Und auch ein anderer Umgang mit der Zweitsprache im Süden von Kärnten und in den slowenischsprachigen Gebieten in der Steiermark sei notwendig. Konkret: »dass man Zweisprachigkeit als etwas Gutes sieht und nicht als etwas Lästiges, das nur irgendwelche Minderheitenorganisationen einfordern«, so die Regisseurin.
Das böse Blut, das Ungesagte ist schwer zu greifen. Aber Fux gelingt es, die Atmosphäre einer Region fühlbar zu machen, in der klar zu sein scheint, dass man entweder zur Mehrheit oder zur Minderheit gehört. Geschichten im Film, wie die eines Protagonisten, der von der Familie nicht mehr eingeladen wurde, weil die Ehefrau slowenischsprachig war, sind eindrücklich. »In dieser Region und an diesem Ort floss viel Blut, es taten sich Gräben innerhalb von Familien auf, innerhalb der Nachbarschaft. Man misstraute einander, brach den Kontakt aufgrund von sprachlicher Zugehörigkeit ab.« Dieses Misstrauen, diese Vorsicht, wen man vor sich hat und wie diese Person über die slowenische Volksgruppe denkt, empfindet auch die Regisseurin, wenn sie in Kärnten/Koroška ist. In Wien und in Deutschland, wo sie Film studierte, habe sie fast so was wie eine Pause von der Thematik gehabt. Jetzt, so wirkt es in ihrer Doku, ist Fux mit einem teils staunenden Blick von außen zurückgekehrt.

Entschleunigter Schnitt
»Pilije« zeigt zwar eine subjektive Perspektive, diese ist aber nicht einseitig. Die Einstellungen sind lang, die Kameraführung ruhig. Ort und Umgebung sprechen für sich, Musik ist keine unterlegt. Das verleiht dem von Maria Lisa Pichler geschnittenen Film eine gewisse Langsamkeit, besonders im Kontrast zu den omnipräsenten Tiktok-Videos, die oft nur wenige Sekunden dauern. Vielleicht steht das auch sinnbildlich für eine Gegend, die aus einer anderen Zeit zu kommen und in der die Gegenwart mehr von der Vergangenheit dominiert zu sein scheint als von der Zukunft. Einiges hätte sich in den letzten Jahren für die Kärntner Slowen*innen zwar verbessert, meint Samira Fux, und doch würden ihr die Ereignisse des letzten Jahres zu denken geben. Beispielsweise erneute Beschmierungen von zweisprachigen Ortstafeln oder die Razzia am Peršmanhof, einer Gedenkstätte für den Widerstand der Partisan*innen gegen den Nationalsozialismus.
Möglichkeiten für einen besseren Umgang mit der Zweisprachigkeit sieht die Filmemacherin etwa in Volksschulen oder bei Ausschilderungen in Museen. Die Ausstellung »Hinschaun! Poglejmo.« im Landesmuseum Kärnten, die sich intensiv mit der Geschichte der Kärntner Slowen*innen auseinandergesetzt habe, hebt sie hierbei positiv hervor. Jungen Menschen, die sich für dieses Thema interessieren, empfiehlt die Filmemacherin, die Klubs slowenischer Student*innen in Wien, Graz oder Klagenfurt aufzusuchen. »Pilije« hat jedenfalls durchaus das Potenzial, einen Beitrag zur Aufarbeitung der verborgenen, verdrängten, aber noch immer sehr präsenten Geschichte von Kärnten/Koroška zu leisten.
Im Rahmen der Diagonale läuft »Pilije« von Samira Fux am 21. März um 17 Uhr im Kiz Royal Kino 1 sowie am 22. März um 13:30 Uhr im Annenhof Kino 5.