Arbeitstitel: Bullshit

Über Musik schreiben ist bekanntlich wie zu Architektur tanzen. Ein Text über das alltägliche Blabla im Musikjournalismus, mit einem Bullshit-Musikschreibe-Praxistest zu Simon Reynolds Theoriekracher "Retromania", der dieses Dilemma auch nicht auflösen kann. Zwecks Jahresende.

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Wenn sich Bands "weiterentwickeln und sich dabei selbst treu bleiben"; Wenn Filme "den Zauber des Alltäglichen einfangen oder den Finger in die Wunde legen“; Wenn sich Musiker “nicht in Schubladen stecken lassen“ oder “auf ihren Lorbeeren ausruhen“, dann ist auch ohne Landkarte klar: Man befindet sich sprachlich im Bullshit-Bingo-Gebiet.

PR-Leute und Redakteure von Popkulturmagazinen (ja, hier ist Selbstkritik durchaus angebracht) kommen von den Phrasen nicht weg. Rezensionen wimmeln oft nur von “Vollblutmusikern“, die Musikrichtungen mit Bindestrich betreiben (irgendwas mit Diskurs-, Post- oder Indie-), sich aber dabei zu oft “durch die Plattensammlung der Eltern gehört haben“. Generell braucht sich Musik "nicht um Genregrenzen kümmern", solange sie "authentisch bleiben" oder "den Spagat zwischen X und Y wagt". Eine Collage ist gut, solange sie nicht in Beliebigkeit übergeht; während "Die Erwartungen erfüllen" oder "Fans bedienen" in diesem Kontext immer schlecht versteckte Beleidigungen sind. Schreiblinge sind zudem meist Könige der grauenhaften Metaphern (ganz vorne dabei: Kochrezepte), verdrehten Schachtelsätzen und Aufzählungen: "Die Platte bewegt sich zwischen (Hier mindestens drei Musikstile einsetzen) hin und her".

Diese Schreibe überdeckt inhaltliche Leere durch komplizierte Konstruktionen, die eher klug klingen als klug sind. Wer etwas nicht einfach ausdrücken kann, hat es nicht verstanden.

Die Simplifizierung schlägt zurück

Bernd Wurm hatte irgendwann genug. Der Webentwickler entwickelte eine Software, die Bullshit-Deutsch automatisch erkennen soll. Jagt man einen fertigen Text durch sein Blablameter, kommt im Normalfall eine Zahl zwischen 0 und 1 heraus, die – verkürzt gesagt – möglichst niedrig liegen soll.

Der genaue Algorithmus bleibt leider geheim. Trotzdem kristallisieren sich drei Punkte heraus, die den Geschwurbel-Faktor nach oben treiben. Ganz schlecht für das Blablameter: Ein übersteigerter Nominalstil. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er Verben in Substantive umwandelt, oder ganz nominal ausgedrückt: Die Umwandlung von Verben in Substantive ist ein entscheidendes Merkmal des Nominalstils. Auch komplizierte Haupt- und Bandwörter und die Benutzung von bestimmten Phrasen lässt den Index hochschnellen. Besonders im Visier sind Wörter, die eigentlich nur in der Schriftsprache existieren: Effizienz, Nachhaltigkeit oder optimieren.

Natürlich hat das Blablameter Grenzen. Es analysiert Sprache, nicht Inhalt. Man kann den größten Mumpitz auf eine Art schreiben, dass er durch dieses Instrument geadelt wird. Man kann die kurze, prägnante Spache der Boulevardzeitungen als simpel abtun, für das Blablameter ist sie aber ideal.

Retro-Schwänze im Vergleich

Ok, ihr Listenverrückten: Wir haben uns ein Thema herausgegriffen und geschaut, wer am meisten Bullshit schreibt. Dafür soll die Berichterstattung über Simon Reynolds Buch „Retromania. Pop Cultures Addiction to it’s own past“ dienen. Aus mehreren Gründen: Erstens neigen pop-theoretische Diskussionen immer besonders zu redundantem Bullshit. Zweitens hat jeder etwas dazu geschrieben (Update: Spiegel Online und Intro sind letztlich wieder rausgeflogen, weil es Interviews waren. Das hätte die Sache verzerrt). Also, los geht es: Es folgen nun die schlimmsten Blabla-Texte in aufsteigender Reihenfolge mit den jeweiligen Stilblüten.

Den löblichen Anfang auf Platz 5 macht der Musikexpress mit einem Blabla-Faktor von guten 0.2. Der Text hält sich weitgehend an die Maxime der Vereinfachung. Trotzdem kommt auch er nicht ganz ohne Sätze wie „Stattdessen erkennt er eine frei flottierende, dennoch sehnsüchtig rückwärtsgewandte Ironie, die ohne Kontext und Ziel mit den historischen und regionalen Sounds spielt und sie dabei entwertet.“ aus.

Etwas schlechter, aber auch noch akzeptabel ist De:Bug auf Platz 4. Mit einem Blabla-Faktor von 0,22 kann man arbeiten. Schönste Stilblüten: Das Buch sei „eine Art Genealogie des Status Quo der Retrokultur“ und „Die materialreiche Vorgeschichtsschreibung mündet in der für den weiteren Verlauf des Buches maßgeblichen Gegenwartsdiagnose“.

Platz 3 des Blabla-Treppchens teilen sich die beiden Romane, die in der Süddeutsche Zeitung und der Frankfurter Rundschau erschienen sind. Sie kommen beide auf einen Blabla-Faktor von 0,23.

Für Dietrich Diedrichsens Text in der SZ ist das aber angesichts von Satzmonstern wie „Nun rationalisieren wir diesen kindlich oder jugendlich erlebten Schock und faseln vom Geist der Zeit, verabsolutieren Inhalte und konstruieren die üblichen Generationsnarrative.“ und „Das auratische Element des Sounds verdankt sich meist neuen Klangmaschinen, aber auch den unwiederholbaren Zufällen des Recordings, der Kontingenz, die mit menschlichem Tun immer verbunden, nun aber per Tonaufnahme fixiert ist.“ eher überraschend wenig.

Bei der Frankfurter Rundschau verwundert es hingegen ein wenig. Auch dort findet sich Stilblüten wie „Zitiert wird vielmehr aus der Haltung eines unterschiedslos genießenden Connaisseurtums heraus, und zwar schon die jüngste Vergangenheit.“ und “Kenntnisreich und klarsichtig analysiert er die Lage, ohne in den apokalyptischen Grundton der Kulturpessimisten zu verfallen, aber auch ohne den geschichtstauben Jubel der Digital-Euphoriker“, trotzdem ist der Text auf den ersten Blick unspektakulär.

Auf Platz 2 mit 0,26 sind dann leider wir selbst mit unserem Text aus der Juni-Ausgabe. Der Text ist gut, die Thesen stimmen, aber in der Rückschau hätte man wohl an der ein oder anderen Stelle sprachlich noch etwas feilen können. Ein Ungetüm wie folgender Satz, der sogar zwei Doppelpunkte braucht, muss eigentlich wirklich nicht sein: „Indie, wie wir es heute kennen, ist so entstanden: der Beginn des Creation Labels sowie das Auftauchen von The Smiths 1983/4 markierten den Punkt, an dem der slicken 80er-Popwelt mit Synthie-Rauschen und Bombastproduktionen eine idealisierte Welt der 60er entgegengehalten wurde, ein auch reaktionäres Zurück in die Kindheit, das einerseits den damaligen Hochglanz-Pop verachtete, andererseits aber die politische Haltung und die Reflektion über die eigenen Produktionsmittel in die Popmusik wieder einführte: eine Zelebration der Anti-Haltung, die sich vor allem über ihren übermächtigen, so oft oberflächlichen Feind definierte.“ Wir geloben Besserung.

Platz 1 der Blabla-Liste teilen sich aber Zeit.de und FM4.

Bei dem Text der Zeit ist es wohl vor allem der Hang des Autors zu Substantiven (Kostprobe: „Digitalisierung und Archivierung aller musikalischen Hervorbringungen“), die ihm die Top-Platzierung sichern. Aber natürlich treiben auch Sätze wie „Retromania ist keine Analysemethode, keine Parameter, nach denen sich Epigonentum, nostalgisches Zitat oder anerkennende Referenz voneinander unterscheiden und somit der Retrograd einer Band bestimmen ließen.“ den Index nach oben.

Der Beitrag von FM4 schließlich hat sich Platz 1 wirklich redlich verdient. Ein Text mag noch so gut sein: Wer Konstruktionen wie „Musealisierung und Kuratierung“ und „Prisma des Pop“ benutzt, davon redet dass „die Discokugel der Kassandra nun zerbrochen“ scheint und Urteile wie „Wähnten sich coole Kulturlinke und Kunstsinnige, eskapistische Träumer, zornige Agitatoren, schöne Styler und räudige Straßenköter via Popkultur lange nicht nur auf der Höhe, sondern noch vor der Zeit“ abgibt, der muss im Blablameter gnadenlos scheitern.

Wie gesagt: Natürlich ist das keine abschließendes und objektives Urteil. Das Blablameter bietet uns nur einen Anreiz, an unseren Formulierungen zu arbeiten und nicht so zu texten, als hätten wir Sex nur vor dem Spiegel. Insgesamt braucht sich hier aber niemand an sich zweifeln und/oder beleidigt sind. Ein Wert bis zu 0,3 gilt für journalistische Werke als akzeptabel. Dieser Text hier hat übrigens einen Blabla-Index von 0,29. Aber sicher nur wegen der vielen Zitate.

PS: Hier noch insgesamt drei Nachträge, die es leider nicht mehr in den Haupttext geschafft haben.

1. Richie Pettauer hat es für The Gap geschafft, die perfekte Review zu schreiben. Sie ist absichtlich vollgestopft mit Phrasen und verschwurbelten Formulierungen.

2. Ein hier nicht namentlich genanntes Redaktionsmitglied bezweifelt die Wirksamkeit des Blablameters ohnehin: „Das kann nicht gut sein. Mein Förderantrag für XYZ hatte nur 0,19“.

3. Die ultimative Phrase in Texten über Musik ist: "Für österreichische Verhältnisse ist die Platte ganz gut".

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