Art Brut

Haiko Pfost und Thomas Frank haben das Brut Wien zu einem internationalen Dreh- und Angelpunkt der Performance-Szene gemacht. Auch wenn das hier fast keiner mitbekommen hat.

Viel auf die Ohren

Ein weiteres wichtiges Standbein des Brut war auch immer die Musik. Experimentell ging es von Anfang an bei den Velak-Galas zu. 87 dieser an Progressivität kaum zu überbietenden und nicht immer leicht durchdringbaren Abende veranstaltete der »Verein für elektroakustische Musik«. Mit Brutto, einer monatlich stattfindenden Konzertreihe, schaffte man eine etwas abgeschwächte Version dieses Konzepts und holte heimische Musiker wie Fijuka, Gustav oder Patrick Pulsinger in das intime Setting der Bar im ersten Stock. Seit Herbst 2013 wurden auch Konzerte im großen Stil gehostet: Bilderbuch hatten hier ihren ersten umjubelten und ausverkauften Wien-Gig nach der »Maschin-Hysterie«. Ginga, Hercules & Love Affair, Die Goldenen Zitronen – sie alle konnten erfahren, wie optimal der Spielraum auch für Konzerte geeignet ist. Wochenlang wurde auch vom Abend mit den Affine-Boys Dorian Concept, Cid Rim und Wandl geschwärmt.

Die Krux mit der Niederschwelligkeit

Und dann eben noch die Partys: Malefiz, Bretterbodendisko, Sweet Heat und auch unsere eigenen Release-Partys wurden zu leicht ansteuerbaren Größen im Wiener Nachtleben. Doch das mit den niederschwelligen Verlockungen wollte nicht so richtig fruchten. Bis zuletzt war es einem Großteil der Besucher nicht bewusst, dass hier etwas anderes außer Partys und Konzerten stattfindet. Und was da Großartiges auf der Bühne hinter verschlossenen Türen vor sich ging, war leider viel seltener Thema unter den verballerten Nachtfliegern als die legendäre Länge der Warteschlange bei Malefiz. Doch das war viel weniger ein Problem der Intendanz als Ausdruck einer generellen Symptomatik, die man sich als Theatermensch nur ungern eingesteht: Performance- und moderner Tanz sind eben Randphänomene, die nur für wenige Menschen wirklich von Relevanz sind.

Nobody knows

Doch dem wird sich die neue Intendantin Kira Kirsch, die zuletzt als leitende Dramaturgin beim Steirischen Herbst tätig war, wohl nicht geschlagen geben. Und daher ist es nur konsequent, dass auch sämtliche Begleitangebote noch einmal überdacht werden. Fast alle Feiereien müssen sich ein neues Zuhause suchen, auch wenn das die offiziellen Besucherzahlen knicken wird. Spielplan-Konferenz wird es erst nach dem Sommer geben, eröffnet wird Ende Oktober. Klar ist bisher, dass die Spielstätte im Konzerthaus aufgegeben wird. Zum einen, da die neue Intendantin noch mehr in die Stadt hinausgehen will, zum anderen wohl auch aus Spargründen, denn vom Bund gibt es seit 2014 unverständlicherweise überhaupt keine Förderungen mehr.

Die Bar wird neu gestaltet, das DJ-Pult kommt auf die gegenüber liegende Seite des Raums. Da stand es bisher schon manchmal, meistens aber nicht. Hinter die Bar wird eine Glasscheibe kommen (Anmerkung: Da sind wir der Gerüchteküche aufgesessen. Laut aktuellem Stand wird diese Glasscheibe nicht kommen). Warum der Barraum aber umgebaut wird, das weiß niemand so richtig. Immerhin war der von Gabu Heindl und Manfred Hasler gestaltete Raum wohnlich und trotzdem funktional. Die Garderobe wandert wohl aus Brandschutzgründen ins Foyer. Ob hier nur verändert wurde, um der Veränderung willen, wird sich im Herbst weisen.

Bye bye Atzgerei

Vorbei ist es auch mit der schönen grafischen Gestaltung der Atzgerei, die über acht Jahre das gesamte Artwork von Programmen über In-House-Graffitis bis hin zu den immer präsenter werdenden Bannern vorm Künstlerhaus verantworteten. Jede noch so brachiale Wortspielerei (und davon gab es hier sehr viele, man erinnere sich nur an »Thank god, it’s brut«, »VollBRUTtheater«, zuletzt »So weit, so brut« und »Ende brut alles brut«) machten sie mit ihren witzig-brutalen Illustrationen abseits des ästhetischen Mainstreams ein bisschen erträglicher.

Erträglich war hier eigentlich ohnehin alles, vieles sogar richtig gut. Und das Wichtigste: Man musste sich Brut sei dank über Wien als Kulturstadt und den hiesigen Stellenwert zeitgenössischen Bühnengeschehens Gedanken machen. Wenn das Brut in den kommenden Jahren dieser Stein des Anstoßes bleibt, ist schon viel erreicht. Und vielleicht spaziert das werte Publikum ja eines Tages so selbstverständlich in die Performances wie es zu den Festen abging.

Das Brut am Karlsplatz ist im Sommer wieder Spielstätte für das Popfest Wien. Die Intendanz von Kira Kirsch wird am 30. Oktober 2015 eröffnet.

Bild(er) © Aussen- und Innenaufnahme des Saals: Florian Rainer, Party: Jasmin Baumgartner
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