»Wir müssen das Publikum betasten und auch manchmal schlagen.«

Signa bauen theatrale Erlebniswelten, in denen Machtstrukturen seziert werden und der Zuschauer aus seiner Passivität befreit wird. Im Mai sind Signa erstmals zu Gast in Wien.

Hinsetzen, Klappe halten und bestenfalls weniger als die Hälfte der Zeit pennen. Im Normalfall sind die Erwartungshaltungen an den Theaterbesucher glasklar. Dort Bühne, hier Publikum – schön getrennt durch die fiktive vierte Wand. Bei den Aufführungen des österreichisch-dänischen Performance-Kollektivs Signa, bestehnd aus dem Ehepaar Arthur und Signa Köstler, sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Hier ist man Besucher eines Bordells, Insasse einer Psychiatrie, Ballbesucher oder auf der Durchreise in einer abgeschotteten, verstrahlten Grenzstadt. Dabei wird nicht die Fantasie angestrengt. Es gibt kein »Stellen Sie sich vor, hier sei ein Dorf«, keine potemkinschen Theatermalereien und schon gar keine untragbar federleichten Gepäcksstücke. Denn Signa bauen fantastisch-realistische Szenarien im Großformat. Das Produkt ihrer Arbeit »Performance« oder gar »Theater« zu nennen, würde viel zu kurz greifen. Ganze Gebäudekomplexe werden zu bis ins letzte Detail durchkomponierten Erlebnisschauplätzen für eine zeitlich nicht zuordenbare Parallelwelt.

Erforschung von Machtstrukturen

Oft gemahnen die Spielsituationen an megalomanische Wiederholungen des Milgram-Experiments. Welche Macht hat Autorität? Welches Verhalten zu tolerieren ist durch den Besitz einer Theaterkarte legitimiert? Wie weit lasse ich mich als Zuseher manipulieren? Was ist Fiktion und was Wirklichkeit? Dabei geht es auf der Bühne oft auch brutal zu. Doch Sex und Gewalt sind eben häufig die offensichtlichsten Auswüchse von Macht. Und die Erforschung von Machtstrukturen wäre ohne drastische Darstellung dieser Kernkompenenten alles Menschlichen sinnlos. Der Zuschauer ist bei all dem mittendrin und wird nicht geschont. Oder mit Signa Köstlers Worten etwas drastischer ausgedrückt: »Wir müssen das Publikum betasten und auch manchmal schlagen.«

Zufällig Theater

All das greift viel weiter als das von jedem Theaterbesucher gefürchtete »Mitmachtheater«. Es werden keine Freiwilligen gesucht und keine Witzchen auf Kosten des Unglücklichen gemacht, der zufällig im Sucher des Scheinwerfers landet. Die Rahmenhandlung ist so dicht gewebt, dass alle Akteure Ihre Rolle leben, anstatt Texte zu sprechen. Das ist weniger Plattitüde als Ergebnis eines langen Erarbeitungsprozesses, der bei Signa bis zu acht Monate dauern kann und der sich im normalen Stadttheaterkontext kaum denken lässt, wo in der Regel höchstens sechs Wochen geprobt wird. Doch was kümmern die Erlebnisbauer die althergebrachten Konventionen öffentlicher Theaterbetriebe? Die Zuschreibung zum Theaterkosmos erfolgte mehr oder weniger sowieso zufällig mit der Nominierung zum Berliner Theatertreffen als eine der zehn »bemerkenswertesten« Inszenierungen des Jahres 2007. In der prämierten Arbeit »Die Erscheinungen der Martha Rubin« war man als Zuschauer zu Gast in »Rubytown«. Als Besucher dieser Grenzzone zwischen einem verfeindeten Süd- und Nordstaat bekam man statt einer Eintrittskarte ein 12-Stunden-Visum. Die verworrene Geschichte um das Orakel Martha Rubin und ihre unfruchtbaren Nachkommen konnte man sich von ebendiesen bei einem Besuch im Friseursalon, beim Abendessen im Dorf-Pub oder gleich bei einer privaten sagenumrankten Peepshow erzählen lassen.

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Bild(er) © Arthur Köstler
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