»Klassenputtel« stellt die Frage, was es eigentlich braucht, um zur Hochkultur dazuzugehören. Adidas-Hosen sind mittlerweile ein Fashionstatement und doch kommt es immer darauf an, wer sie trägt. Wie ist Klassenwandel möglich, wenn ein schönes Ballkleid allein nicht ausreicht?

Im Vestibül, der kleinen Seitenbühne des Burgtheaters, erwartet die Communityproduktion unter Saliha Shagasis Regie das einströmende Publikum als Ausstellungsraum. Zwei Darstellerinnen sind in der Mitte des Raumes als Statuen posiert, zwei stehen am entfernten Ende der Bühne hinter hängenden Bilderrahmen. Einige andere Artworks und Gemälde sind über den Raum verteilt. Das Publikum sitzt in einer U-Form um die Bühne herum. Die Aufregung unter den Freund*innen der Darsteller*innen ist zu spüren, auch das Leitungsteam schaut mit Anspannung auf die Bühne.
Mit der Führung durch die Ausstellung »Geschmack« geht es los. Das aus Communitymitgliedern bestehende Ensemble – namentlich Selin Baran, Anna Gromova, Sara Karimi, Long Lê, Asya-Sevgül Mergen, Thảo Nguyễn, Olga Shapovalova und Zuzana Wagner – tritt unter anderem in Adidas-Hosen, glitzerndem Haarschmuck, Ohrringen und markantem Make-up auf (Ausstattung: Melina Jusczyk). Das Team und Ensemble haben diesen Abend aus eigenen Erfahrungen mit Klasse, dem Gefühl des Fremdseins und Nicht-Dazu-Gehörens entwickelt.

»Bauhaus kann nicht jeder verstehen«
Warum sind Gemälde von Monet Kunst, das Ikea-Bild aber geschmacklos? Was braucht es, um in der Hochkultur dazuzugehören. »Ich kenn mich aus, aber nicht genug. Das muss ich verheimlichen«, heißt es von der Bühne. Das Ensemble erzählt die Geschichte von Aschenputtel, die ihrer Klassenzugehörigkeit durch einen Ball entkommen wollte. Doch um stattdessen bei so einem noblem (Schul-)Ball dazuzugehören, braucht es mehr dazu als das richtige Kleid, glitzernden Schmuck und eine gestylte Frisur. Auch beim Opernbesuch gibt es ungeschriebene Regeln, deren Nicht-Kennen einen sofort als anders markiert. Es gibt kein Lehrbuch für kulturelles Kapital: »Would you know when to clap? When to leave? Would you know that you don’t belong?«
Neben diesen Szenen der Hochkultur zeigt »Klassenputtel« durch unglaublich pointierte Texte und Monologe eine Bandbreite an Emotionen. Die Schwierigkeiten des Anpassens, das man kaum mitbekommt und das doch nie gut genug ist. Probleme, in Österreich überhaupt arbeiten zu dürfen. Momente der Scham, wenn fehlendes Geld zum Thema wird. Die Gewissensbisse, wenn man sich doch einmal etwas gönnt.

Respekt vorm Kapitalismus
In einer Szene des gemeinsamen Essens sprechen alle acht Ensemblemitglieder in ihren gewohnten Sprachen. Eine energetische und berührende Szene, auch wenn ich den Text nicht verstehen konnte. Zum gemeinsamen Tanzen wird dann auch das Publikum eingeladen, bevor die Leichtigkeit erneut den schweren Erfahrungen Platz macht: »It took three minutes for us to become half of what we were. The half that speaks English. Und ein bisschen Deutsch.« Der Abend schließt mit Aschenputtels Brief an den Kapitalismus: Es muss sich etwas ändern!
»Klassenputtel« von Saliha Shagasi, Melina Jusczyk, Theo Emil Krausz und dem Communityensemble feierte am 7. Februar 2026 im Burgtheater Vestibül Premiere. Die nächsten Vorstellungen: 28. Februar sowie 6., 11. und 20. März.