Ausstellungs-Speedrun: THOMAS BAYRLE. Wenn etwas zu lang ist – mach es länger

Was man tun soll, wenn man nur eine halbe Stunde Zeit hat und trotzdem die Thomas Bayrle-Ausstellung im MAK besuchen will.

© MAK/Georg Mayer

Wer kennt es nicht? Man ist zu Mittag zum Lunch im Café Prückel verabredet, hat den nächsten Termin aber erst wieder um drei. Für eine halbe Stunde zurück an den Schreibtisch oder die Drehbank? Nein, das zahlt sich nicht aus. Da ist es besser, man verbringt die Zwischenzeit in einem nahegelegenen Museum, dem MAK zum Beispiel.

Ein Kurzbesuch in einem Museum ist keine einfache Angelegenheit und natürlich auch ein Luxusvergnügen. Gerade deshalb sollte er besonders genau vorbereitet sein. Der durchschnittliche Museumsbesuch, bei dem man sich idealerweise sogar mehrere Stunden Zeit lässt, gibt Raum für scheinbar ziellose Umwege und verträumtes Verweilen. Wenn die Zeit, die man zur Verfügung hat, sehr beschränkt ist, muss man seinen Besuch nach völlig anderen Gesichtspunkten planen, um nicht nach Ablauf der selbst gesetzten Frist verwirrt oder frustriert dazustehen.

Close Reading oder Überblick?

Nur zur Klarstellung: Natürlich sind wir keine Fans rücksichtsloser Beschleunigung, manchmal sorgen Beschränkungen aber trotzdem für frische Perspektiven. Entscheidend ist es, Schlüsselaussagen einer Ausstellung und anhand dieser repräsentative Momente zu identifizieren. Im Folgenden soll also versucht werden, einige Tipps zu geben, wie ein Speedrun durch die Ausstellung „THOMAS BAYRLE: Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“ im MAK funktionieren könnte.

Station 1 – Struktur, Muster, Schicksal

Die Tour beginnt in der MAK-Säulenhalle. Überdimensional erstreckt sich die aus unzähligen iPhones bestehende „Superform“ – „iPhone meets Japan“ – am Boden der Säulenhalle. Über das Werk, das ein japanisches Shunga aus der MAK-Sammlung reflektiert, gehen wir in das Untergeschoss des MAK.

Dort nehmen wir im ersten Raum nur kurz den Gesamteindruck auf und drehen eine schnelle Runde um die platzgreifend sich verschlingenden Bahnen der Skulpturen, die in der Raummitte hängen. Die dabei wechselnden Perspektiven und Schichtungen sind ein intuitiv erfassbarer Ersteindruck von Bayrles Arbeit.

Die von der Wand in die dritte Dimension drängenden Arbeiten, in denen der Künstler Autobahnwindungen zu verschiedenen Symbolen werden lässt, sind uns schon hinlänglich bekannt und wir können auch ohne weiteren Aufenthalt in der nachmittäglichen Kaffeepause davon erzählen. Sie sind also nicht unser Ziel.

Wir stellen uns vielmehr in angemessenem Abstand vor die Arbeit mit dem Titel „Verdun (Totentanz)“ und halten inne. Das Flimmern der schwarzen, quasi-architektonischen Bauteile erzeugt, wenn man sich etwas Zeit lässt, einen Sog. Bayrle konstruiert hier aus kleinteiligen Elementen übergeordnete Strukturen, aus denen wiederum das Bild entsteht.

Das Thema ist natürlich ein düsteres. Bayrle zeigt in „Verdun (Totentanz)“ die Monstrosität der Geschichte und ihre Unausweichlichkeit. Wenn man sich dem Bild nähert, sieht man, wie er eine schwarze, zerfressene Landschaft und ein auf ihr liegendes, bleiches Kreuz aus kleinen, voneinander abhängigen Teilen aufbaut – ein Abgrund, von dem wir uns trotz seiner verführerischen Kraft losreißen müssen.

Thomas Bayrle, Verdun (Totentanz), 1987 © Wolfgang Günzel

Station 2: Objekt, Wiederholung, Ökonomie

Der zweite Raum hält weitaus mehr Ablenkung bereit, wir müssen also konzentriert auf Kurs bleiben. Schon beim ersten Blick erkennen wir bunte Farben, Muster und einen überdimensionalen Plastikmantel. Umso schwerer fällt es, nicht abzuschweifen und uns einigen kleineren Arbeiten zu widmen.

Wir lenken unsere Aufmerksamkeit nämlich auf Drucke wie „Feierabend“ oder „Apfelbrei“. Die Grundidee ist schnell erfasst: Ein Objekt wird aus kleinen Wiederholungen seiner selbst aufbaut. In ihrer grafischen Einfachheit nehmen die Arbeiten Bezug auf die Ästhetik der Plakatwerbung und werfen so nicht nur die Frage nach der Formation einer Form auf, sondern beschäftigen sich auch mit kapitalistischer Verwertung.

Am augenfälligsten wird das bei „Apfelbrei“: Hier sind in Körben gesammelte Äpfel wie zum Verkauf bereit dargestellt, die als verzerrtes Muster wiederum einen Apfel ergeben. Bayrle setzt die Verformung, die ein Objekt erfährt, wenn es künstlerisch dargestellt wird, parallel zum Prozess, den ein Produkt erlebt, wenn es zur vermarktbaren Ware wird.

Eine weitere durch die ökonomischen Verhältnisse erzeugte Verzerrung zeigt Bayrle in einer Werkgruppe, für die wir im zweiten Raum auch noch Zeit finden sollten. In Arbeiten wie „Börsenbericht“, „Sparbuch“ oder „Ratenkredit“ lässt der Künstler aus dem Layout von Finanzdokumenten die Gesichter von Menschen entstehen. Beide Serien in Kombination lassen erahnen, wie Objekte und Menschen durch ihr wirtschaftliches Umfeld geprägt sind.

Thomas Bayrle, Apfelbrei, 1973 © Wolfgang Günzel

Station 3: Technologie und Transzendenz

Inzwischen sind, inklusive Kartenkauf, sicher schon 15 Minuten vergangen. Höchste Zeit also, vom Untergeschoss in den ersten Stock zu kommen, schnellen Schrittes die permanente Schau zu Wien um 1900 zu durchmessen und dort zum Aufgang auf die im großen Ausstellungsraum eingezogene Galerie zu gelangen. Bevor wir die Stufen nehmen, machen wir noch einen Moment Pause.

Ein paarmal tief durchatmen, mit dem Aufstieg beginnt nämlich der kontemplative Teil des Speedruns. Ab jetzt gilt es, langsam zu sein, um keine Zeit zu verschwenden. Eine Stufe nach der anderen, den Blick zur am oberen Ende der Stiege effektvoll beleuchteten „iPhone Pietà“ erhoben, erreichen wir den dritten und letzten Teil unserer Ausstellungsbetrachtung.

Auf der Tapisserie, die uns auf der Galerie erwartet, zeigt Bayrle zwei Formen, die sich auf ikonische Weise in das Bildgedächtnis der Menschheit gebrannt haben: die Pietà und das iPhone. Die Volumina des durch Michelangelos Skulptur versinnbildlichten Typus sind durch ein Muster aus bis ins Groteske verzerrten Smartphones angegeben. Wir bleiben am Treppenabsatz stehen und schauen …

Leicht könnten wir nun die restlichen zehn Minuten damit verbringen, das quasi-sakral inszenierte Werk anzuhimmeln, um die museale Kirche des Wissens dann unvermittelter Dinge, aber beseelt zu verlassen. Wir können aber auch wagen, uns anzunähern, um die Verschränkung der räumlichen und inhaltlichen Ebenen in Bayrles Pietà genauer betrachten zu können.

Wir sehen: den zweidimensionalen Bildraum einer Tapisserie, also einer handgemachten Bildweberei, die dem doch räumlichen Über- und Untereinander der Fäden Körper bietet; ein flaches Muster, das durch seine Verzerrtheit doch Räumlichkeit vortäuscht und so ein dreidimensionales Objekt wiedergeben kann. Über allem liegt sowohl die trügerische Anmutung des Digitalen als auch die authentische des Handwerklichen.

Bayrle lässt vor unseren Augen räumliche Grenzen verschwimmen. Genauso geht er mit inhaltlichen Ebenen vor. Die „iPhone Pietà“ hebt die Unterscheidungen zwischen den großen Welterklärungssystemen Religion, Technologie und Kunst auf. Die Madonna mit dem toten Christus auf ihrem Schoß als religiöse Ikone, Michelangelos Römische Pietà als Kunstwerk schlechthin und das Smartphone als allesdurchdringender Agent der technologischen Weltordnung werden eins.

Bonus Content

Falls noch Zeit bleibt oder eine Verspätung verzeihlich scheint, sollten wir unbedingt noch die Rückseite der „iPhone Pietà“ und damit die herausragende Qualität einer von einem Webkollektiv in Aubusson handgeknüpften Tapisserie bewundern.

Die beschriebenen Kunstwerke sind noch bis 2.4.2018 in der Ausstellung „THOMAS BAYRLE: Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“ im MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst zu sehen. Wer gerne öfters nur für eine halbe Stunde ins Museum geht, sollte überlegen, sich eine Jahreskarte zu besorgen.

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