Der »Puls dieses Abends« – Boris Nikitin im Interview zu den Wiener Festwochen 2020

Die Festwochen 2020 können mit dem Prädikat »reframed« im August und September ausgewählte Produktionen nun doch live zeigen. Glücklicherweise, denn die beiden Arbeiten des in Basel lebenden Künstlers Boris Nikitin funktionieren nur durch Anwesenheit. Wie Verwundbarkeit eine Fähigkeit sein kann, und wie es der Schweizer Kunstszene seit Corona geht, hat er uns im Interview verraten.

© Donata Ettlin

Das 2020er-Jahr ist alles andere als festlich. Im Kulturkalender ohne Großveranstaltungen schafften es die Wiener Festwochen als eines der größten multidisziplinären Kunstfestivals des Landes aber doch, eine adaptierte Version des Programms auch auf echte Bühnen zu bringen. Von 26. August bis 26. September ist an diversen Stätten der Stadt eine komprimierte Auswahl des ursprünglichen Programms zu erleben. Die meisten der für die Festwochen 2020 geplanten Uraufführungen mussten zwar auf das nächste Jahr verschoben werden, doch einige der vom Festival koproduzierten und eingeladenen Stücke können auf diese Weise heuer noch Premiere feiern. So auch die beiden Arbeiten, die der Schweizer Regisseur, Autor, Essayist und Kurator Boris Nikitin bei den Festwochen zeigt: Das Solostück »Versuch über das Sterben« und »24 Bilder pro Sekunde«, eine Kollaboration mit dem Piano-Ensemble Kukuruz Quartett. Im Interview erklärt uns Nikitin, wie die beiden Stücke zusammenhängen – nämlich in einer Aufwertung des Konzepts der Verletzlichkeit.

In »Versuch über das Sterben« verarbeitest du vor allem den Tod deines Vaters und verbindest diesen mit deiner eigenen Biografie. Mit der Kombination von einem Solostück-Setting und der Nähe zu persönlich Erlebtem macht man sich quasi maximal verletzlich. Wie erlebst du jene Verletzlichkeit auf der Bühne? 

Ich erlebe diese Verletzlichkeit immer als etwas Schönes, Radikales. Ich stelle mich vor das Publikum und erzähle ihm eine Geschichte.  Es handelt sich quasi um eine Outing-Situation. Das ist das eigentliche Thema des Abends: Menschen stellen sich vor andere und eröffnen ihnen gegenüber etwas, das bis zu dem Zeitpunkt unausgesprochen war. Im Falle meines Vaters zum Beispiel der Wunsch, eigenhändig zu sterben. Oder in meinem Fall, vor 20 Jahren, mein Coming-Out als schwuler Mann. Im Moment einer solchen Veröffentlichung überschreitest Du eine Grenze, machst dich angreifbar, verwundbar. Gleichzeitig wird die Verwundbarkeit durch diesen Akt in etwas potentiell Utopisches umgewandelt. In eine Fähigkeit. Die Bühne als Ort der Sichtbarkeit ist gewissermassen der paradigmatische Ort dieser Umwandlung. Um diese Sichtbarkeit, diese Theatralität, geht es in dem »Versuch«.

Aus »24 Bilder pro Sekunde« © Donata Ettlin

»24 Bilder pro Sekunde« – das zweite Stück, das du in Kooperation mit den diesjährigen Wiener Festwochen auf die Bühne bringst – bearbeitet ebenfalls eine Neu-Aufwertung von Verwundbarkeit, aber auch den Bedeutungsentzug von Bewegungen und Gesten. Wie greifen hier Verletzlichkeit und Abstraktion ineinander?

Vor allem in einer Erfahrung von Musikalität, von Rhythmus. Der Titel des Abends ist ja einer Aussage von Jean Cocteau entliehen, wonach Filme machen bedeutet, dass man einem Menschen in 24 Bildern pro Sekunde beim Sterben zuschauen könne. Ich finde das ein sehr starkes und sinnliches Bild für das Vergehen von Zeit, für das Älterwerden. Es hat etwas radikal Musikalisches: dieser Rhythmus der 24 Bilder pro Sekunde. Das ist ein Beat, ein Herzschlag. Er bildet den Puls dieses Abends, an dem wir alle gemeinsam älter werden.

Bei »24 Bilder pro Sekunde« übernimmt das Kukuruz Quartett die musikalische Darbietung, unter anderem mit Julius Eastmans »Gay Guerilla« für vier Klaviere. Wie kam es zu dieser Kollaboration? Hast du mit dem Kukuruz Quartett schon zuvor zusammengearbeitet?

Es ist unsere erste Zusammenarbeit. Ich besuchte vor zwei Jahren eines ihrer Eastman-Konzerte und war sofort total begeistert von ihrer Art, diese Musik zu interpretieren. Besonders »Gay Guerilla«. Man kann Eastman sehr ökonomisch spielen, Kukuruz hingegen gehen in die Vollen. Ihr Spiel ist körperlich, ekstatisch, hat teilweise fast etwas von Punk. Gleichzeitig ist es total unprätentiös. Gleich nach dem Konzert hab ich sie angesprochen und gefragt, ob sie Interesse hätten, mit mir für dieses Stück zusammen zu arbeiten. Sie haben sofort zugesagt.

Aus »24 Bilder pro Sekunde« © Donata Ettlin

In vielen deiner Stücke ist der Rahmen essentiell. Kommt dir im Entstehungsprozess deiner Arbeiten zuerst die inhaltliche Idee oder zuerst der situative Kontext als Idee entgegen?  

Ich gehe schon immer sehr stark von der besonderen Grundsituation des Theaters aus. Also dieses Gegenüber von Bühne und Publikum, die Gleichzeitigkeit, die Ausgestelltheit, die daraus resultierende Verwundbarkeit. Die inhaltlichen Ideen ergeben sich wiederum aus dem fortwährenden Austesten und Erfahren dieser Situation heraus. Im »Versuch« ist dies das Thema des Outings, die der Bühnensituation immer inhärent ist, in »24 Bilder« die Erfahrung von Zeit, vom gemeinsamen Älterwerden in einem Raum. 

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Gepostet von Wiener Festwochen am Dienstag, 4. August 2020

Als Regisseur, Autor, Essayist und Kurator bist du in sehr unterschiedlicher Form in das Kunstschaffen in Basel und international eingebunden. Wie hat sich das Krisenjahr aus deiner Sicht für Kunstschaffende in der Schweiz ausgewirkt?

Ich glaube, das lässt sich noch nicht sagen. Wir stecken ja immer noch mittendrin. Ist es ein Pandemie-Jahr? Oder wird es vielleicht eine Pandemie-Dekade? Ich finde das vorstellbar. Was ich feststelle ist, dass wir da alle irgendwie hineinwachsen, mit jedem weiteren Tag, während wir gleichzeitig fortwährend versuchen, diesen Prozess so zu beobachten, als stünden wir ausserhalb. Das ist aber eine Illusion.  Das Problem von Kunstschaffenden ist ja, dass sie generell das Krisenhafte, Prekäre gewohnt sind. Es ist ihr modus vivendi. Das kann sich aber auch zum Bumerang entwickeln, weil es sie potentiell passiv macht, schicksalsergeben. Man ist die Krise eben gewohnt. Aber das ist eine biografische Falle. Meine Aufgabe als Künstler ist es, mich selbst immer wieder aus diesem Schlaf der Gewohnheit aufzuwecken. 

Die Festwochen 2020 reframed finden von 26. August bis 26. September online und in ausgewählten Spielstätten statt. »24 Bilder pro Sekunde« wird am 7., 8. und 9. September aufgeführt, »Versuch über das Sterben« am 10. September. Karten und Infos gibt es auf festwochen.at.

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