Das Geheimnis meines Erfolgs

Neïl Beloufa ist ein Shootingstar, für sein Alter ein Superlativ der Kunstszene, der scheinbar alles richtig gemacht hat. Nach Studium in Paris, Valencia und New York waren seine Arbeiten auf zwei der exklusivsten Kunstmessen der Welt zu sehen: der Art Basel Miami und der Frieze in London. Erfolgreich Künstler sein in fünf Schritten.

1. Das Andere und das Exotische ins Blickfeld rücken

Gerade hat Neïl Beloufa (*1985) eine große monografische Einzelausstellung im Palais de Tokyo in Paris, einem von Regierung und Stadt finanzierter Ausstellungsraum und angesagte Adresse für zeitgenössische Kunst. Auch dort thematisiert der Franzose mit algerischen Wurzeln Gesellschaftskritisches in seinen Video-Installationen. Es sind Reflexionen über westliche Bilder gegenüber dem geografisch Fremden – Algerien und Afrika – und dem zeitlich Fremden – Zukunft und Vergangenheit. Großen Themen wie Klimawandel, rasante technische Umbrüche und neue Gesellschaftsmodelle können mit Blick auf das Andere im hermetisch abgeschlossenen Galerieraum betrachtet werden. Fabelhafte Welten und märchenhafte Erzählungen bedienen die Vorstellung vom Exotischen.

2. Willkommene Systemkritik

Nun ist es bekannt, dass das Andere, das Exotische nicht immer erwünscht ist. Es schafft Probleme. Illegale afrikanische Einwanderung wird in Frankreich mit Abschiebung bekämpft. Und das algerisch-französische Verhältnis ist von der Kolonialgeschichte vernebelt. Nicht nur Grenzen, sondern auch Geschichte und die Erinnerungskultur trennen Kontinente. Indem man nun die Identität der Länder in postkolonialer Tradition beleuchtet, gibt man sich als staatliche Institution offen, gesellschaftskritisch und füttert den gut-bürgerlichen Museumsbesucher. Der weiß: das Thema nordafrikanische Identität wird vom jungen französischen Künstler reflektiert – ein Prozess ist im Gange. Hier wird Kritik in abgemilderter Form vom Kunst-System in kontrollierten Häppchen zubereitet.

3. DIY-Ästhetik und Mixed Media

Nicht nur Systemkritik, sondern auch seine Do-It-Yourself-Ästhetik mit Holz, Hammer und Nägeln macht uns den erfolgreichen Künstler sympathisch. Gezimmerte Wände, Bänke und lose herumliegende Holzstücke verleihen dem sonst so weißen Ausstellungsraum eine Baumhütten- oder Skateboardparkromantik. Die Luxus-Diamanten auf dem Totenkopf von Damien Hirst sind passé. Komm, wir bauen eine neue Stadt(-Installation)!

4. Bitte zitieren!

In der Kunst wird immer ohne Gänsefüßchen und ohne Anhang zitiert. Vermutlich, weil es sich meistens um kreative Neuinterpretationen von schon bestehender Kunst handelt. Das bedeutet auch, dass oft nur Kunstkenner diese Zitate entziffern können. Der vermeintliche Bretterverschlag entpuppt sich als Hommage an Bauhausarchitektur oder die russischen Konstruktivisten, und diese eine spezielle Kamerafahrt eben als Hommage an ein B-Movie oder stilbildendes Theaterstück.

5. Hybride Kunstwerke schaffen

Fassen wir zusammen: Ein Hammer, vier Nägel, etwas Holz, einen Ausländer filmen und auf das Holzstück projizieren und irgendwo noch ein Zitatratespiel einbauen. So einfach ist es dann doch nicht: Neïl Beloufa schafft hybride Kunstwerke, in denen mehrere Realitätsebenen und Zeitebenen miteinander verknüpft werden. Objekte im Film tauchen plötzlich im Galerieraum wieder auf. Das Verhältnis von Fiktion und Dokumentation in den Filmen ist unklar, das Verhältnis der Bühnen und des realen Raumes im Film und in der Galerie selbst ist verwoben. Erwartungshaltungen der Protagonisten im Film und des Betrachters im Galerieraum – irgendwie verwoben. Das hybride Kunstwerk schafft ein Netz von Informationen, es macht Verweise und verknüpft Emotionen und Fakten zu neuen Realitäten. Erfolgreich Künstler sein in fünf Schritten – unmöglich. Erfolgreich Kunst anschauen – möglich!

Neïl Beloufa »Les inoubliables prises d’autonomie« ist im Palais de Tokyo in Paris bis 11. Februar 2013 zu sehen. »Documents are flat 4« eröffnet im Kunstraum Innsbruck am 10. November um 12.30 Uhr und ist bis 22. November 2012 zu sehen.

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