Das Spannendste kann man nicht fotografieren

Über digitale Kunst zu schreiben, ist fast so schwer wie sie zu fotografieren. Weil es bei den Projekten der Klasse für digitale Kunst der Universität für Angewandte Kunst auf der Essence 2016 vor allem darum geht, dass man eben selbst probieren muss.

So wie es im Theater vorkommt, dass plötzlich die vierte Wand durchbrochen wird, also die SchauspielerInnen beginnen, mit dem Publikum zu interagieren, gibt es auch auf Ausstellungen oft Exponate, die den BesucherInnen mehr als nur reines Hinschauen abfordern – Interaktion ist gefragt.

Glitchiger Stadtbau

Einen relativ niederschwelligen Start bietet der erste Raum, den die Klasse für digitale Kunst auf der Essence bespielt, in dem man sich mit verschiedenen Videoarbeiten beschäftigen kann. In einem dieser Videos (Thomas Hochwallner – so remained, 2016) wirkt es – die Ästhetik erinnert an sehr realistische Games – als würde eine Kamera durch Hochhäuserschluchten fahren – gleichzeitig sieht man, wie die Stadt gerade digital gebaut wird. Das heißt, dass (Zeit-)Ebenen sich überlagern, Perspektiven sich ändern, Glitches und eigenartige Verschiebungen entstehen. Ein bisschen fühlt es sich wie in „Inception“ – Der Moment, in dem man plötzlich versteht, dass es sich um keine reale Stadt handelt, hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Das Digitale wirkt zu echt. Eine Frau, die das Video betrachtet, meint: „O Gott, man kann Städte digital bauen. Ich geh’ jetzt wieder.“ Ihr sind die Implikationen dieser Erkenntnis sichtlich zu viel.

Im zweiten Raum versucht ein freundlicher junger Herr die BesucherInnen dazu zu gewinnen, eine skibrillenähnliche Konstruktion und Kopfhörer aufzusetzen. Ich frage ihn, ob etwas Erschreckendes passiert, wenn ich mir das Teil aufsetze. Er verneint. Nur ein Raum wird sich vor mit auftun, der sich verändert wenn ich mich bewege, aber mehr will er nicht sagen. Durch die Kopfhörer rauscht es. Man befindet sich jetzt ganz in der Virtual Reality und hat sofort komplett vergessen, dass man eigentlich in einem hell ausgeleuchteten Zimmer in der Dominikanerbastei steht. Man ist Teil dieses schwarz-weißen, virtuellen Raums (Achim Stromberger – Point of View, 2016), der sich, sobald man sich bewegt, verschiebt. Kaum hat man sich an ein Raum-Layout gewöhnt hat und sich mit surrealen Konstruktionen angefreundet, kommt die nächste Änderung.

kardiometron

Danach legen der Betreuer und ich unsere Hände gegenüber von einander auf einen Tisch. Zwei Sensoren messen unseren Herzschlag und übertragen ihn auf die Metronome (Noah Rieser – kardiometron). Mein Metronom bleibt kurz stehen – beunruhigend. Aber so ist sie eben, die digitale Kunst. Später werden sich unsere Herzschläge an einander angleichen. Eine dialogische Installation, die ohne Reden auskommt. Wie auch das, was sich im letzten Raum der digitalen Kunst tut, wo Fabian Böschs Arbeit „Pool“ steht – ein Ventilator, an dem eine Plastikfolie montiert ist, die durch den Raum flattert. So einfach und doch so gewaltig, als stünde man vor einem ganzen Meer.

Zu sagen, die digitale Kunst auf der Essence wäre sehenswert, reicht nicht. Sie ist definitiv mehr als das: probierenswert.

Die Essence 2016 findet noch bis 15. Juli in der Alten Post, Wien statt.

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