Das ungeplante Sehen – Wie Lisette Model die Street-Photography prägte

In der Albertina Wien wird das Werk der Fotografin Lisette Model gerade neu betrachtet. Es ist die erste große Ausstellung in Österreich seit 25 Jahren und eine Hommage an eine Wienerin, deren kompromissloser Blick die Fotografie veränderte.

© »Ollie McLaughlin, Hotel Viking, Newport Jazz Festival, Rhode Island, 1956« / Lisette Model

Ein Blick zurück und zugleich nach vorn: Mit der großen Retrospektive zu Lisette Model widmet sich die Albertina einer Künstlerin, deren Werk sich über mehrere Kontinente erstreckt und auf eine große Zeitreise durch das zwanzigste Jahrhundert einlädt. Geboren 1901 in Wien, aufgewachsen zwischen verschiedenen Sprachen, Welten und kulturellen Systemen, floh Model 1938 vor dem Nationalsozialismus nach New York. Von dort aus prägte sie die Street-Photography wie kaum sonst jemand. Nun, rund 25 Jahre nach der letzten großen Schau in Österreich, wird ihr Werk hierzulande endlich wieder sichtbar. Und das gerade in einer Zeit, in der man sich mit dem schnellen Bild schwerer tut denn je zuvor: In der Masse visueller Produktion ist ein radikaler Blick wie jener von Model nur mehr schwer aufzufinden.

Kurator Walter Moser sieht in diesem erneuten An-die-Oberfläche-Bringen von Models Arbeiten eine doppelte Chance: »Es war an der Zeit, wieder auf ihr Werk zu schauen – auch, weil mittlerweile mehr Material zugänglich ist.« In den Archiven der Albertina fanden sich nicht nur berühmte Fotoserien wie die »Promenade des Anglais« oder die Szenen aus »Sammy’s Bar« und »Nick’s Night Club«, sondern auch Fotografien, die bisher kaum jemand gesehen hatte: eine Serie von Museumsbesucher*innen, drei erhaltene Prints einer Hundeschau in New York und Aufnahmen aus Venezuela sowie Reno. Gerade diese unbekannten Kapitel zeigen, wie weit Models Blick reichte: von der mondänen Küstenpromenade über den Rausch der Clubs bis in die Wüsten Nevadas, wo sie Frauen porträtierte, die dort auf ihre Scheidung warteten. »Diese Serie ist sehr melancholisch und zeigt, wie viel Empathie Lisette Model diesen Frauen entgegenbringt«, meint Moser.

»Lower East Side, New York City, 1940-1947« (Bild: Lisette Model)

Das Leben im Bild

Lisette Model war eine Fotografin, die jeden einzelnen Menschen ernst zu nehmen schien. Ihre Bilder zeigen keine Pose, kein kalkuliertes Gesicht, sondern den Moment dazwischen. Das Erschrecken, das Nichtwissen, das Innehalten. Fast wie zufällige Begegnungen, festgehalten im Vorübergehen. Ein unkonventioneller, manchmal voyeuristischer Blick, aber nie aufdringlich – eher überraschend, als wären die Menschen auf ihren Fotos selbst über die plötzliche Aufmerksamkeit erstaunt. Model gilt dabei als kompromisslose Beobachterin, als Fotografin, die das Menschliche in seiner ganzen Widersprüchlichkeit einzufangen wusste. Im Glanz, wie im Scheitern und in den unzähligen Zwischenstufen, die ein menschliches Leben abzubilden vermag. Ihre Aufnahmen entstanden nicht aus Distanz, sondern aus Nähe. In der Bewegung nach dem Stillstand, im Ungeplanten der Momenthaftigkeit, in den Sekunden, in denen die Fassade bricht. Kurator Walter Moser: »Model ist viel mehr als die Künstlerin des bissigen Blicks. Sie hat auch einen empathischen, melancholischen und düsteren Blick entwickelt. Diese Vielseitigkeit sichtbar zu machen, war mir ein großes Anliegen.«

Gerade in ihren späteren Arbeiten, etwa in der Serie »Reno«, tritt dieser Wandel deutlich hervor. Hier begegnen wir Frauen, die in Motels warten, während ihr Leben stillzustehen scheint. Diese Melancholie ist kein Bruch, sondern die Fortsetzung einer Haltung: Lisette Model nahm Menschen sowohl in ihrer Angst als auch in ihrer Würde ernst. Nach den Jahren der McCarthy-Ära, in denen sie verhört worden war und viele Auftraggeber*innen verloren hatte, begann Model zu unterrichten. In der Lehre war sie so kompromisslos wie in ihren Bildern und zeigte eine leidenschaftliche Hingabe zu ihrer Disziplin. »Schießt aus dem Bauch«, riet sie den Schüler*innen, darunter spätere Fotografiekoriphäen wie Diane Arbus, Bruce Weber oder Larry Fink. Moser beschreibt sie als Lehrerin, die die soziale Wirklichkeit intuitiv und unmittelbar wiedergeben konnte.

Walter Moser, Kurator (Bild: Elsa Okazaki)

Zwischen Nähe und Distanz

Die Direktheit ihrer Bilder täuscht allerdings mitunter: »Man glaubt oft, Model sei ihren Motiven sehr nah gekommen, aber diese Unmittelbarkeit entstand vor allem in der Dunkelkammer«, erklärt Moser. Er erläutert weiter, dass Model mit einer Rolleiflex-Kamera fotografierte, die sie von oben bediente, was einen Blick aus der Unterperspektive bedingte. Lisette Model hat nicht einfach gesehen, sondern mit ihrem Blick die Wirklichkeit geformt. Die Nähe entstand dann in der Nachbearbeitung: Sie schnitt ihre Negative, verdichtete Kompositionen, entfernte Ablenkungen, bis das Wesentliche übrigblieb. Die Fotografien sind dadurch zugleich roh und präzise. Sie sind das Gegenteil des Perfektionismus – und doch durchdrungen von Perfektion. Die Ausstellung legt diesen Prozess offen: Negative, Kontaktbögen, eingezeichnete Bildausschnitte, Scans, die in Loops gezeigt werden.

»Model begann in einem stark politisierten fotografischen Umfeld«, erzählt der Kurator. »Später versuchte sie, diese Lesart zu relativieren – wohl auch als Reaktion auf ihre Erfahrungen in der McCarthy-Ära.« Während dieser Zeit war Lisette Model nämlich ins Visier des FBI geraten, wegen ihrer Mitgliedschaft in der progressiven New York Photo League – einer Fotogemeinschaft, die wegen angeblicher kommunistischer Verbindungen überwacht und 1951 aufgelöst wurde. Die Schau zeigt auch deswegen Models Werdegang chronologisch, immer im Kontext seiner Zeitgeschichte. »Das war bei ihr gar nicht anders denkbar«, so Walter Moser. Sie führt von Frankreich über New York bis zu den späten Serien aus Venezuela und Reno.

In ihren letzten Arbeiten, den düsteren Aufnahmen aus Venezuela, scheint sich Models Blick zu verändern. »Sie fotografiert plötzlich Motive, die sie früher nie interessiert haben – Ölplattformen, Bohrtürme, Industrieanlagen«, erzählt Moser. »Zuvor stand immer der Mensch im Mittelpunkt.« Diese kargen, fast apokalyptischen Bilder wirken wie ein Nachbeben: Die Welt rückt in den Vordergrund, der Mensch verschwindet. Vielleicht sei das ihre Art gewesen, innere Erschütterungen sichtbar zu machen, stellt der Ausstellungskurator in den Raum.

Haltung und Vermächtnis

»Lisette Model war eine streitbare und beeindruckend konsequente Persönlichkeit«, sagt Moser. »Sie wusste, wie sie sich durchsetzen konnte.« Geboren in eine jüdische Familie, floh sie 1938 mit ihrem Mann Evsa Model nach New York. Die Verhöre des FBIs waren existenzbedrohend – »im schlimmsten Fall hätte sie ihre Staatsbürgerschaft verloren«. Doch Model blieb trotz all dieser Widerstände unbeirrbar. In einer Welt wie heute, in der jede Bewegung und jeder Ausdruck zum Selbstbild werden, ihre eigene Echokammer produzieren, wirken Models Fotografien wie ein Gegenentwurf. Sie zeigen Menschen, die nicht für ein Publikum posieren. Keine Gesten, die etwas beweisen wollen. Stattdessen sind da ungeplante Augenblicke, unbemerkte Zwischenräume und Reflexionen über Leben, die nirgendwo gespiegelt werden.

Das Zufällige und Spontane, das vielleicht noch aus ihrer Vergangenheit als Malerin stammt, konserviert dabei bis heute Augenblicke des Vergänglichen – wie eine Hand, die über die Leinwand streicht, streift ihre Linse über das Leben. »Das Entscheidende war für mich, Lisette Models Vielseitigkeit zu zeigen; ihr Gespür für soziale Verhältnisse, ihre künstlerische Haltung, aber auch ihre Unbeirrbarkeit als Künstlerin in einer politisch schwierigen Zeit«, fasst es Kurator Walter Moser zusammen.

»Lisette Model,1974« (Bild: Paul Diamond)

Gegen die Pose

Models Bilder laden ein, sich in vergangene Welten hineinzuträumen. Wer durch ihre Bildwelt geht, denkt unweigerlich an die unzähligen Möglichkeiten des Menschseins. Man sitzt plötzlich dort, auf einer Bank am Meer, in einem verrauchten Club, in einem anderen Jahrhundert und fragt sich, wer man selbst in dieser fremden und doch so nahegerückten Zeit gewesen wäre. In einer Welt, in der die Gegenwart zwischen hundert Selfies zerrinnt, erinnern Lisette Models Fotografien daran, dass das Bild nicht Perfektion, sondern Begegnung sein kann. Sie machen sichtbar, was sonst verloren geht, und bewahren das, was bleibt: den Moment zwischen den Fassaden, zwischen Angst und Zärtlichkeit, zwischen Pose und Wahrhaftigkeit.

Vielleicht ist das das Schönste an Models Bildern: dass sie uns nicht nur die Menschen ihrer Zeit zeigen, sondern auch etwas von uns selbst. Sie fordern uns auf, zu verweilen und zu beobachten, ohne gleich zu urteilen. In einer Epoche, in der Bilder sich permanent selbst kommentieren, bleibt Models Werk ein stiller Widerspruch und zeigt, dass das Unspektakuläre oft die tiefste Wahrheit trägt. Ihre Fotografien öffnen damit ein Fenster, durch das man für einen Augenblick atmen kann – mitten im Lärm der Gegenwart.

Die Retrospektive »Lisette Model« – mit rund 160 Arbeiten – ist noch bis 22. Februar in der Albertina Wien zu sehen.

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