Die Botschaft kann nicht verlorengehen …

Die Vermittlung des rituellen Symbolismus in afrikanischen Tänzen steht für den aus Benin stammenden Tänzer und Choreografen Koffi Kôkô im Vordergrund. Er gilt als einer der bedeutendsten Mitbegründer der modernen afrikanischen Tanzszene und ist seit zwanzig Jahren Dozent bei Impulstanz. Seit einiger Zeit arbeitet er auch an der Errichtung eines choreografischen Zentrums in Benin (Ouidah).

In dem Solotanzstück “Die Schönheit des Teufels” teilt er sich die Bühne mit drei Musikern und einer Ahnen-Maske aus Benin. Die Maske bringt Farbe in das ansonsten von der Dualität des Schwarz-Weiß-Habitus von Koffi Kôkô geprägten Geschehen. Die Verwandlung in ein knochenweißes Wesen mit Hilfe ritueller Kreide und einem weißen Anzug erfolgt fließend, ebenso wie die Toten-Farbe durch den lebendigen Tanz allmählich wieder mit Schweiß abgewaschen wird. Die Musiker sorgen mit Gesang und Perkussion für meditative Polyrhythmik, die ihre spirituelle Trancewirkung aus den Drum-Pattern des in Benin praktizierten Voodoo-Animismus zu beziehen scheinen.

The Gap: Wie wird man Voodoo-Priester?

Koffi Kôkô: Diese Fähigkeit ist nicht angeboren. Es ist ein Weg. In bestimmten Momenten in deinem Leben musst du gewisse Entscheidungen treffen, dich auf diesen Weg begeben und kontinuierlich dir dieses Wissen erweitern. Meine Eltern hatten darauf natürlich starken Einfluss. Ich hatte eine typische Kindheit in Benin, bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen. In der Stadt gab es verschiedene Tempel, die die verschiedenen Kulte der Region repräsentierten. Das war in dem Ort sehr präsent. Jugendliche aus Familien, die die Tradition pflegen, nehmen in einem bestimmten Alter an Initiationsritualen teil. Jede Familie hat gewisse Gottheiten, die das Haus und die Familie beschützen.

Was bedeutet das Wort Voodoo genau oder ist das geheim?

Voodoo ist keine Geheimwissenschaft. Vor der Kolonisation konnte die Bevölkerung natürlich noch nicht Französisch oder Englisch und sich in diesen Sprachen ausdrücken. Nach dieser Periode der Kolonisation und des Austausches der Sprache und der französischen Administration konnte die Generation meiner Eltern langsam darüber sprechen. Es ist eine Tradition, die von den Erwachsenen an die Heranwachsenden weitergeben wird. Diese fragen nicht: Warum machen wir das? Warum machen wir das so? In meinem Alter, mit meiner persönlichen Evolution und Entwicklung und mit einer gewissen Distanz beginne ich natürlich zu fragen: Warum?

Ich hatte damals das große Glück, dass beide Großväter wichtige Priester waren. Sie waren Priester, hatten aber auch einen anderen Job. Wir zelebrieren Voodoo ja nicht jeden Tag, die Menschen müssen auch arbeiten gehen, um etwas zu Essen zu haben. Bei mir ist das ja auch so. Meine Arbeit ist die eines Regisseurs, Kurators, eines Tänzers bzw. Choreografen. Ich habe aber auch eine andere Seite in mir, nämlich die des Voodoo-Priesters und dieser spirituelle Weg wird immer weitergegangen, genauso, wie sich auch meine künstlerische Arbeit weiterentwickelt. Das sind die zwei Seiten in mir.


Versuchen Sie diese beiden Seiten streng zu trennen oder vermischen sich die Einflüsse?

Ich habe beide Seiten in mir. In meinem Alter habe ich gelernt, mich voll und ganz auf die jeweilige Seite zu konzentrieren. Ich kann es nicht separieren, es ist aber auch nicht vermischt. Jeder Geist kann eine Öffnung des Kopfes und des Herzens bewirken und bei bestimmter Erfahrung zur Einsicht führen, wie man das übersetzt und sich in einen universellen Menschen verwandelt. Ich versuche das auch mit meinem Tanz auszudrücken. Wenn dir niemand sagt, dass ich aus Benin komme und dass ich ein Voodoo-Priester bin, kommst du einfach, um dir ein Tanzstück anzusehen. Es gefällt dir oder gefällt dir nicht. Und Punkt.

Die Menschen aus dem Okzident scheinen mehr den Aspekt des Voodoo an mir interessant zu finden, als den Aspekt meiner Kreativität? Warum? Es gibt einfach eine bestimmte Konzentration, die Dinge zu tun, in denen du die Spiritualität fühlst. Ich kann Teile von Shakespeare oder verschiedene klassische Sachen aus dem Osten mit der selben Konzentration durchführen, mit der ich auch eine Voodoo-Zeremonie durchführe. Ich hoffe, dass ich während meiner Karriere eine spezielle, originäre Art, gewisse Dinge auszudrücken, entwickelt habe: bestimmte Metaphern, bestimmte Fragen über das Leben, die ich mir auferlege.

Als Künstler versucht man ja herauszufinden, auf welche Art man sich am besten ausdrücken und seine Emotionen und Geschichten mit dem Publikum teilen kann …

Wenn ich Bücher lese oder mir Theaterstücke ansehe, versuche ich für mich herauszufinden, was ich mit den Fragen anfangen kann, wie ich sie selber ausdrücken würde. Was war die Essenz? Der Titel meines aktuellen Stückes lautet: “Die Schönheit des Teufels”. Vielen Leuten gefällt der Titel, sie finden ihn poetisch. Aber sie fragen sich: Der Teufel kann schön sein? Wir glauben, nur Gott kann schön sein. Der Teufel ist doch böse und häßlich. Aber in der Voodoo-Religion gibt es keinen Teufel, es gibt verschiedene Gottheiten, die verschiedene Energien bekommen. Wir beten, um diese verschiedenen Gottheiten mit ihren unterschiedlichen Energien in Harmonie zu bringen. Das hilft uns, den Weg zu finden, den wir wählen sollen.

Die Bedeutung von Voodoo lautet ja sinngemäß: “Die Botschaft, die du an die Gottheiten sendest, geht nicht verloren.” Wir haben auch ein Orakel-System. Durch das Orakel sprechen die Gottheiten. Das sind Séancen, das ist keine Religion. Man braucht mindestens zwanzig Jahre, um dieses Orakel-Wissen zu lernen und die Botschaften übermitteln zu können.

Mit der Metapher meines Stückes “Die Schönheit des Teufels” möchte ich auf die Dualität in uns allen hinweisen. Jeder kann ein guter oder ein schlechter Mensch sein. Aber warum fürchten wir uns vor dem Teufel? Weil wir lernen, es gibt ein Paradies und eine Hölle. In meinem Alter frage ich mich immer öfter: Warum gibt es diese Vorstellung von Paradies und Hölle im Okzident, im christlichen Abendland. Es veranlasst mich, darüber zu reflektieren und diese Vorstellung abzulehnen. Für mich gibt es das nicht! Alle Menschen haben diese Dualität von Gut und Böse in sich.


Wie wichtig ist Musik für die Voodoo-Zeremonien?

Nach der Anrufung überlassen es die Priester den Musikern, die verschiedenen Gottheiten mit speziellen Rhythmen herbeizubeschwören. Verschiedene Energien kommen um für Harmonie zu sorgen. Die Musik ist dabei sehr wichtig. Auf der Bühne mache ich natürlich keine Voodoo-Zeremonie sondern eine Tanz-Performance, aber bestimmte Rhythmen sind inspiriert von den Ritual-Rhythmen, die traditionell von elf Musikern gespielt werden: verschiedene Trommeln, Glocken, Shékere (ein Schlag- und Schüttelinstrument, eine netz-bespannte Kalebasse), Gesang und die Klanggeste des Hände-Klatschen und andere Body-Music. Der Tanz während der Zeremonie ist ein Gebet der initierten Menschen. Für mich ist Tanz auch Gebet, im Kontext der Bühne ebenso wie im Kontext der Zeremonien meines Heimatdorfes.

Woher holen Sie noch die Inspirationen für Ihre Stücke?

Zuersteinmal bin ich ja Tänzer, und Choreograf. Wenn ich in mich gehe und ein Stück erarbeite, suche ich nach Bewegungen und Personagen, die eine Verbindung zu dem Stück haben könnten. Ich lese viele Geschichten, ich betreibe Recherche über verschiedene Religionen. Das hilft mir, meine Geschichten zu erzählen und auszudrücken.

Wenn Sie daran arbeiten, die Bewegungen und Personagen ausfindig zu machen, unterstützt Sie dabei Musik oder brauchst es dazu Stille?

Stille. Die Musik kommt erst danach.

Sie leben jetzt vor allem in Paris. Was waren die Gründe für diese Ortswahl?

Seit vielen Jahren ist Paris sozusagen meine örtliche Basis. Aber ich kehre fünf- bis sechsmal pro Jahr nach Benin zurück, dazwischen bin ich weltweit unterwegs. Benin war eine französische Kolonie, ich habe in Benin meine Schulausbildung absolviert und habe dort auch Französisch gelernt. Ich interessiere mich dafür, wie bestimmte Bewegungen des Afro-Dance sich im Laufe der Geschichte verändert haben. Als Sklave nimmst du deine Kultur und deine Praktiken bei deiner Verschleppung mit. Ich sehe das in Kuba, Brasilien, Haiti. Die Ursprünge dieser Praktiken sind ähnlich, man kann aber auch das Gewicht der Geschichte spüren, die Übertragungen, die Transmission durch die unterschiedlichen Generationen.

Koffi Kôkô war 2012 zu Gast bei Impuls Tanz und leitete dort auch Workshops. 2011 hat er an der Biennale in Venedig teilgenommen.

Bild(er) © Arnaldo J. G. Torres
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