Die Enden der Community

Die Kunst ist auf der Suche nach einem neuen, sinnlichen WIR. Es ist Zeit für den Rückzug des Subjekts und die Wertschätzung des Objekts. Zumindest legen das die Programme von Documenta, Sound:frame, Donaufestival und Wiener Festwochen nahe.

»Facebook ist das, was uns mit anderen Menschen verbindet.« Aber tut es das immer, und so wie wir das möchten? Täglich sitzen wir vor unseren Medieninstrumenten, liken und verbinden uns mit der Community. Social Media hat dabei den Porn-Stream im Internet abgelöst. Doch weder das eine noch das andere ist sinnlich. Unsere Medieninstrumente wie Airbooks, Tablets und Smartphones täuschen uns eine taktile Nähe zu den Objekten und Menschen auf dem Retina-Bildschirm vor. Das unmittelbare Um-uns-Herum verschwimmt dann gerne hinter den Dröhnungsfiltern. Stattdessen begegnen wir einem endlosen Strom aus banalen Egos, arbeiten als Volontäre gratis für Firmen wie Twitter und Facebook, indem wir tagtäglich große Daten für sie produzieren. Das Gemeinsame der Community verwandelt sich so zu den Werten einer individualisierten Leistungsgesellschaft. Das Internet sieht sich heute dem Problem gegenübergestellt, dass es keine Community-basierende Netzstruktur geschaffen hat, sondern Monolithen (siehe Kösch/Knoke, »Internet am Scheideweg: Die vier Reiter der Infokalypse«, in: De-Bug, 03.2013).

Der Begriff der »Community« befindet sich so nicht mehr nur im Netz, sondern auch in der Kunst auf dem Prüfstand. Sie blickt kritisch auf das Projekt von Partizipation und Gemeinschaft und sucht dabei nach »künstlerischen Imaginationen eines politischen Subjekts in neuen Formen und Formaten«, so formuliert es zumindest das Programm der kommenden Wiener Festwochen.

Die politische Community der 90er

Wer kann sich eigentlich noch an die politische Kunst-Aktion »Ausländer Raus« von Christof Schlingensief erinnern? Das partizipatorische Projekt gastierte bei den Wiener Festwochen vor 13 Jahren. Im Livestream konnte die Bevölkerung Immigranten aus dem Big-Brother-Container vor der Wiener Staatsoper wöchentlich rauswählen und somit zurück in das tatsächliche Auffanglager am Rande der Stadt abschieben. Die traurige Fußnote: Der Kunst-Container erhielt wesentlich mehr Aufmerksamkeit als das Immigrantenlager. In vielen Fällen kämpft die Sphäre der Kunst gegen die Sphäre der Realpolitik umsonst an. Dabei hat partizipatorische Kunst oft eine agitatorische-politische Haltung. Es werden keine Kunstobjekte, sondern Situation geschaffen. Sie verlangt nach einer Community. Menschen selbst sind das Medium. Aber diese partizipatorischen Praktiken führten kaum zur politischen Ermächtigung der Community.

Die strapazierte Community von heute

Das Paradoxe an der Situation heute ist, dass der Inbegriff von künstlerischen Praktiken der Partizipation, wie sie seit den 90ern weltweit breit aufkam – also Mobilität, Flexibilität, Transparenz, Teamwork, Projekt- und Netzwerk-basiertes Arbeiten – im Wesentlichen gleichgesetzt werden kann mit Leistungswerten, wie sie heute das neoliberale Individuum zeigt und für sich nutzt: Produktivität, Flexibilität und das Können/Sollen bestimmen uns. Dieser selbst auferlegte Druck und das Zuviel führt irgendwann – wie es der Kulturwissenschaftler Byung Chul Han formuliert – zu Vereinsamung, Überarbeitung und Müdigkeit. Irgendwie muss unter dieser Ernüchterung über die Community das Verhältnis des Einzelnen dazu neu diskutiert werden. Ein neues WIR muss her.

Der Rückzug der Vernunft

Dafür muss man vor Ort sein. Eine Erfahrung des WIR-Gefühls kann über die direkte Situation hinaus schwer vermittelt werden. Bisher wurden diese Kunstformen rund um Gemeinschaften vielfach nur fragmentiert in Bildern, Diskussionen, Panels und Endlosschleifen von Foto-Dokumentationen abgebildet. Im Vordergrund stand das vernunftbasierte Vermitteln von Moral- und Ethikvorstellungen und Fehlschaltungen in Politik und Gesellschaft. Also eher eine anklagende Kunstform. Anders ist das bei Situationen, die etwa der Künstler Tino Sehgal schafft. Auch sie können nur vor Ort direkt erfahren werden. Es gibt keine Dokumentation. Die sinnliche Erfahrung zählt. Es ist keine anklagende Form im Sinne von »Wir partizipieren gemeinsam gegen etwas«. Seine Situationen wollen empfindsam für das andere machen: Es ist kein Gegen, sondern immer ein Mit. Sinne anregen, Geräusche wahrnehmbar machen, und somit ein starkes Gefühl für das Um-uns-Herum schaffen. Es ist ein bisschen vergleichbar mit einer fokussierten Clubnacht: Man nimmt Sounds wahr, bewegt sich zwischen den anderen umher, man spürt sich und das andere und vielleicht sogar eine Verbundenheit. Obwohl dabei keinerlei Objekte verwendet werden und die Situationen nur von Subjekten bevölkert sind, können diese Ansätze im Zusammenhang mit neuen objektorientierten Ansätzen in der Kunst verstanden werden kann.

Sinnliche Begegnung mit Objekten

In der kuratorischen Praxis und in Fachzeitschriften wird seit geraumer Zeit über eine neue Strömung in der Kunst gesprochen. Es sind objektorientierte Ansätze, die sich vor allem an den Schriften des letztjährigen Keynote-Speakers der Berliner Transmediale, Graham Harman, abmühen. Beim Philosophen Harman dreht sich viel um die Begegnung von Objekten. Dabei ist eine erste nüchterne Erkenntnis einfach und logisch nachvollziehbar. Everything ist not connected – also kein Schmetterlingseffekt. Zunächst habe ich keinerlei Einfluss auf umherirrende Asteroiden oder die Milch, die gerade in meinem Kühlschrank steht. Irgendwie logisch. Mehrere Entitäten bestehen lose nebeneinander, gerne auch mal unabhängig vom menschlichen Dasein (das ist natürlich auch ernüchternd). Dieser Ansatz hinterfragt die instrumentelle Verfügungsgewalt des Menschen. Dieses Weltmodell kommt auch ganze ohne den Menschen aus, ist also auch in gewisser Weise ein »Antihumanismus«. Der Mensch steht dabei auf einer Ebene mit biologischen Systemen, anderen Lebewesen und Organismen. In seinem Video »A World Undone« von 2012 zeigt Nicholas Mangan sich rasant bewegende Staubpartikel des circa 4,404 Millionen Jahre alten Erdkrustenminerals Zirkon. Eine Welt im Entstehen.

Kontaktaufnahme

Wenn nicht alles verbunden ist, dann müssen wir erst wieder Kontakt mit dieser Ökologie von Objekten, dem anderen aufnehmen. Und diese Begegnungen sind immer sinnlich! Sinnlich meint hier nicht nur Berührung oder die direkte Wahrnehmung. Sinnlich bedeutet immer auch, sich dem anderen und seinem unsichtbaren Kern anzunähern. So etwa, wie ich mich dem Geliebten oder der Geliebten annähere. Das andere (Geliebte) entzieht sich unseren Sinnen. Das Sichtbare wie Facebook, Bilddokumentationen und Agitation hingegen, das ist immer eine Form von Pornografie. Das mag zwar aufs Erste wirklichkeitsfremd klingen, dabei soll Kunst genau dorthin die Wahrnehmung öffnen und schärfen.

Wäre es nicht verlockend, die Vernunft mal bei Seite zu lassen? Indem neue Kunstformate diese Sinnlichkeit für das andere vorführen, wird ein Wir-Gefühl, ein Gefühl für die Dinge um uns herum geschaffen. Ohne anzuklagen, ohne moralisierend zu wirken, kann so die Verantwortung für die Community steigen. Kunst muss nicht mehr sinnlos sein.

www.soundframe.at

i>www.festwochen.at

Bild(er) © Nicholas Mangan, Claire Fontaine, Polyfilm
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