Die Verwandlung

Wenn in Texten Protagonisten über Nacht plötzlich komische Dinge auf der Haut wachsen ist metapher- und metamorphosenmäßig was im Busch. Die Wienerin Sophie Reyer zeigt, dass das auch Jahrzehnte nach Kafka immer noch super funktioniert. Weil es halt gut gemacht ist.

"Ein Käfig ging einen Vogel suchen." (Franz Kafka)

Das erste Mal fällt es mir auf, als ich dusche: Eine seltsame Verkrustung am Rücken. Hart und braun. Sie erinnert an Borke. Ich versuche, die Schicht herunterzuziehen, von meinen Schulterblättern abzuschälen. Aber es geht nicht. Die Haut ist fest und rau. Es fühlt sich an, als wäre sie festgewachsen. Seltsam, denke ich. Für einen Moment scheint mir, dass ich wahnsinnig werde. Nein, da, im Rücken: die Verhärtung, ich habe sie mir tatsächlich nicht eingebildet.

»Das ist eine eigentümliche Anomalie«, sagt die Hausärztin, als ich am nächsten Tag in ihrer Praxis sitze, nachdem sie mich in der Kabine mit ihrem Laser-Scan untersucht hat.

»Erinnert ein wenig an Humano-Papilloviren.«

Ich nicke verwirrt und ziehe meine linke Augenbraue in die Höhe, um das komische Gefühl zu kaschieren.

»Verstehe. Und was heißt das?«

"Nun, ein Gendefekt in der Haut vermutlich", kommt es zur Antwort

»Aha. Und was passiert mit Leuten, die an so einem Gendefekt leiden?«

Die Ärztin schluckt und blickt für einige Momente auf ihre Fingernägel.

»Nun ja. Also sie …«

Erwartungsvoll sehe ich sie an. Fixiere ihren Lidschlag.

Die Ärztin tippt mit ihrer linken Hand, deren Nägel grellgelb lackiert sind, auf das iPad, das in ihren Schreibtisch eingebaut ist und klickt auf einen Link. Die Seite öffnet sich als 3D- Laserminiatur vor meinem Blick. Aber ich bin zu paralysiert, um zu lesen, die Bilder drehen sich, rotieren in meinem Kopf.

»Sie verwandeln sich in organische Einheiten, nach und nach«, erklärt die Ärztin, ohne mich anzusehen. »Aber bei ihnen scheint es etwas anderes zu sein.«

»Verstehe. Vielen Dank«, sage ich, obwohl ich eigentlich nichts wirklich verstehe.

Organische Einheiten, denke ich, als ich nach Hause gehe. Das klingt im Grunde ganz gut. Dennoch empfinde ich eine gewisse Fremdheit meiner Haut gegenüber. Vor allem, weil die Frauen um mich herum immer jünger aussehen. Vor zwei Jahren hat die Firma SkinInc eine neue Creme auf den Markt gebracht, die Abnützungserscheinungen und Faltenbildung im Gesicht stoppt und für eine glatte, geschmeidige Haut garantiert. Nicht, dass ich mir diese Creme, die man regelmäßig anwenden muss, leisten könnte. Aber mit so einer rilligen, schuppigen Oberfläche habe ich gar keine Chance mehr auf eine Karriere, denke ich. Ich seufze.

Im Badezimmer zupfe und zerre ich an mir. Dann greife ich nach einem Messer und versuche, die seltsame Schichte von meinem Rücken zu kratzen. Ich muss mich dabei auf eine eigentümliche Art und Weise verdrehen, den Arm nach hinten legen und in einer raschen Bewegung mit dem Messer in die Höhe stechen und schaben. Ich beginne zu schwitzen, atme rasch, hechle. Am Ende dann ein lautes Geräusch. Ich drehe mich um. Ein Plättchen ist in die Badewanne gefallen. Ich bücke mich, hebe es auf. Es sieht aus wie eine Schuppe, jedoch weniger glänzend. Seltsam. Jetzt sollte ich mich freuen, denke ich. Aber da ist kein Gefühl der Erleichterung, das sich einstellt, im Gegenteil, in mir herrscht nur eine komische Leere.

Schildkröten, denke ich, und auf einmal fällt es mir wieder ein: Meine Großmutter hatte eine Schildkröte. Sie hieß Pipimaus. Ich erinnere mich: Sie war so groß wie ich damals. Ich konnte nur kriechen. Sie konnte nur kriechen. Ich hielt sie in die Höhe, selbst auf dem Rücken liegend. Sie streckte den Kopf nach mir aus. Dann zog sie alle Glieder ein. Ihr Blick war tief und stumm. Kaum war ich vier geworden, lief sie fort. Danach bin ich nie wieder jemandem begegnet, der so ein tiefes stummes Zwiegespräch führen konnte.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, merkte ich, dass ich Mühe habe, mich vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Ich versuche, aufzustehen. Rolle, wackle. Strauchle. Dann hantle ich mich schließlich mit den Fingern nach vorne bis zu meinem Sessel, an dem ich mich in die Höhe ziehe. Meine Wirbelsäule fühlt sich steif an, als wäre sie taub. Kaum habe ich den Spiegel im Badezimmer aufgeklappt und nach einem zweiten gegriffen, um in ihm meinen Rücken betrachten zu können, merke ich, dass meine gestrige Aktion sinnlos war. Anstelle des einen Plättchens sind zwanzig nachgewachsen. Ein Panzer, denke ich. Ein Panzer also.

Bei dem Wort kommen alte Erinnerungen hoch:

»Ich will eine Schildkröte haben, Mama«, beharrte ich, als ich acht Jahre alt war.

»Da hast du eine, mit der geh ins Bad«, kam es zur Antwort.

Mein Vater hielt mir damals eine grellgrüne Plastikminiatur vor die Nase, die nach Gummi stank und die man mit Batterien füttern konnte, sodass sie sich bewegte. In diesen Zeiten waren die Imitationen im Gegensatz zu den Roboterspielzeugtieren von heute, die dem Original schon recht nahe kommen, billiger Fake gewesen. Und ich war nicht dumm.

"Aber eine echte", schrie ich also und presste meine Augen ganz, ganz fest zusammen, sodass ich – wie ich dachte – furchterregend aussah.

»Die scheißt mir alles an!«, sagte meine Mutter.

»So spricht man nicht«, sagte mein Vater.

Ich begann, zu brüllen.

»Schildkröten werden ganz entsetzlich gequält, über die Grenze geschmuggelt, damit sie hier gekauft werden«, erklärte meine Mutter ein wenig sanfter und schob mir eine Tasse Kakao unter die Nase.

»Ich will eine Schildkröte haben«, schrie ich.

Schließlich wurde ich heiser, ging mit verheulten Augen ins Bad uns spielte mit meiner Gummischildkröte, die mir überaus lächerlich vorkam. Sie war giftgrün, knallig, fluoreszierend. Ihr Aussehen erinnerte auf unangenehme Art und Weise an einen aufgeblähten Luftballon. Sie konnte Wasser schlucken und wieder ausspeien, das war das einzige Spannende an ihr.

»Und, geht es dir besser?« fragte mein Vater.

Ich spritzte ihm ins Auge. Mein Vater stieß einen gellenden Schrei aus, der einen erstaunten Unterton hatte, und griff sich mit verzerrtem Ausdruck auf den Apfel. Meine Mutter kam wieder herein. Sie war wütend. Sie schrie.

»Weißt du, was mit Schildkröten gemacht wird? Sie werden über die Grenze geschmuggelt!«

"Das hast du schon gesagt."

»Dabei werden ihnen die Beine abgeschnitten, amputiert und später wieder angenäht. Willst du das? Willst du Schuld daran sein, dass eine Schildkröte wegen dir verstümmelt wird?«

Ich betrachtete meine Füße. Das Wasser schwappte aus der Wanne und, zugegeben, mir war ganz komisch. Ich spürte auf einmal, dass ich eine Zunge im Mund hatte. Ein bedrängendes Gefühl. Der Atem wollte nicht mehr so ganz aus mir herauskommen, und die Worte auch nicht.

Erst Jahre später fand ich heraus: Meine Mutter hatte mich belogen.

Seltsam, denke ich, während ich so vor mich hinträume. Wie viel wir Menschen doch erleben, und an wie wenig wir uns erinnern, wenn wir nicht in Situationen kommen, die alte Bilder in uns wachrufen. Was soll ich machen? Ich beschließe, fürs Erste einmal fernzusehen.

Auf Seite 2: Ad personam: Sophie Reyer

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