Ars Electronica 2017: Drohnendämmerung

Wenn in der Klimakatastrophe die Welt untergeht, wird trotzdem alles gut? Was machen dann die Maschinen? Kunst etwa? Und wie gehen wir mit unseren schwächsten Mitmenschen um? Vor einer Woche begann die Ars Electronica 2017.

Der Abend legt sich über den Hafen, langsam machen die Geschäfte hier zu. Bis Mitte September sind konstant über 30 Grad vorhergesagt. Hier ist das Wasser schon völlig verdreckt, ein Schild am Ufer warnt vor jeglichen Aktivitäten im Nass, weder Schwimmen noch Angeln noch Surfen sind erlaubt.

Wir haben Linz verlassen und sind in Turnton Docklands angelangt. Die Medusa Bar, zentraler sozialer Treff des Hafens, ist noch offen. Am Eingang titelt die Turnton Gazette mit friesischen Klimaflüchtlingen. Auch die Nordsee-Inseln saufen ab. Bei der Tür hängen lauter Poster von Kunstinstitutionen, die die letzten drei Dekaden überstanden haben. „Schau, die KAPU gibt‘s a no“, sagt ein Besucher aus Linz. Die Menschen machen aus der Klimakatastrophe eine Tugend, sie trotzen ihr mit einer gesellschaftlichen Utopie: Mütter fahren in Booten hinaus, um Plastik aus dem Ozean zu fischen. Zuwanderer können sich, einmal beim New Neighbours Bureau registriert, sehr leicht hier niederlassen. Man schaut auf das Gemeinwohl, Banken sind weltweit angekettet.

Detail aus Turnton Docklands von Time’s Up. © Zoran Sergievski

Kein Ozean landet hier an, aber immerhin fließt die Donau vor der Tür vorbei. Schade, dass das alles (noch?) nicht echt ist. Eigentlich ist Turnton Docklands eine raumfüllende, begehbare Installation des Linzer Kollektivs Time‘s Up. Sie steht im Untergeschoss des LENTOS. Am Eröffnungsabend regnet es, Burschen kicken draußen. Über hundert Menschen haben den Hafen von Turnton mitgebaut, über hundert besuchen ihn am ersten Abend. Es ist ein schöner Grundriss für eine mögliche Zukunft, bewusst keine abgeschlossene Prognose oder Projektion. Aber woher nimmt man bei der dystopischen Umwelt den Optimismus für eine soziale Utopie?

„Wahrscheinlich wird uns sowieso ein massiver Überlebenskampf auf diesem Planeten überbleiben“, meint Gerfried Stocker. „Wir müssen uns auch entwickeln“, ergänzt er, „Angst haben müssen wir mit Recht, wenn wir so bleiben, wie wir jetzt sind.“

Stocker, ein Medienkünstler und Komponist, ist seit 1995 künstlerischer Leiter der Ars Electronica und förderte in dieser Zeit einige Innovationen. Beim Festival hat aber auch er selten etwas derart Packendes wie Turnton Docklands gesehen. Auch, wenn seine Aussicht getrübt ist: „So rasant und achtlos, wie wir den Planeten zerstören, wird einer der zentralen Unterschiede zwischen uns und diesen Supermaschinen sein, dass es denen egal ist, ob das Wasser vergiftet ist oder nicht, weil sie es eh nur zur Kühlung brauchen.“ Mit Supermaschinen meint Stocker vor allem solche, die von Künstlicher Intelligenz betrieben werden. Doch bleiben wir zunächst in Turnton.

 

Darf man die Zeitung eigentlich nach Linz mitnehmen? Sicher, sie ist schließlich ein physical narrative, so wie eigentlich ganz Turnton. „Wenn ich jetzt in eine – wie im konkreten Fall – explorative Umgebung einlade und die Leute nichts berühren lasse, also nicht tatsächlich diese multiple, sinnliche Erfahrung zu ermöglichen, das wäre ja grotesk“, befindet Auer. Das sei das grundlegende Konzept in der Arbeit von Time‘s Up. Daher freuen sich Auer, Kolleginnen und Kollegen über jede Freecard, die aus der Medusa Bar mitgenommen wird, über jede Ausgabe der Zeitung, die daheim gelesen wird, jeden, der sich im Sanitätszelt einer Algen-Detox unterzieht. Apropos Algen: Die – oder etwas mit ähnlicher Konsistenz – wurden bei der Vernissage als Häppchen gereicht.

Shah legt nach: „Genau so, wie du Wasser brauchst, brauchst du auch Zugang zum Netz, denn alles bewegt sich schneller über das Netz, die Welt der Arbeit, die Welt der Bildung wird so grundlegend umgekrempelt durch das Web, heute kann man ja kaum Hausübungen machen ohne einen internetfähigen PC.“

Wie viel Verantwortung bringt der technische Wandel mit sich? Shah und Karle melden sich auf der nächsten Seite wieder zu Wort.

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