Ein-Mann-Genre

Der Linzer Artist Kinetical will mit seinem neuen Album "Kineticore" ein Stück weg vom Dancehall und öffnet sich für andere Genres. Wir haben mit ihm über die neue Release, seine Wahlheimat Berlin und die Zusammenarbeit mit Texta und Blumentopf gesprochen.

Kinetical ist Wahlberliner, ursprünglich Linzer Bua, klingt wie der Zorn Jamaikas und möchte sich von dem „Dancehall-Zirkus“ emanzipieren. Martin Winkler presste all diese Facetten seiner Sebst auf eine Scheibe und erschuf „Kineticore“, gleichzeitig der Name seines selbst erdachten Ein-Mann-Genres. Am ersten Longplayer mischt Kinetical US-Trap, UK-Rap, Grime und jamaikanische Mundart a.k.a. Patois. Im Interview erzählt er von vergangen Tagen als Linzer Hook-Hausnummer und unterbezahltem MC, erklärt den Berlin-Exodus und stellt klar: Der neue Kinetical ist kämpferisch.

Wie viel Dancehall steckt noch in „Kineticore“?

Klar ist die Dancehall-Szene meine Foundation, jedoch bin ich aus dem klassischen Reggae-Dancehall-Zirkus schon seit einigen Jahren raus. Schon bei meinem Soundsystem Nattyloop Hifi mit B.Ranks überschritten wir die Grenzen der Dancehall indem wir UK Bass, Tropical, Moombah oder auch Dubstep und Grime in unsere Sets mit einbrachten. Bass Music und Dancehall sind in den Mainstream Charts so prominent wie nie zuvor. So kommt es, dass Justin Bieber 2016 eine astreine Dancehall – Ballade rausballert.

“Kineticore” wirkt wie aus einem Guss, Beats und dein Flow ergänzen sich. Wie lief die Zusammenarbeit mit Ruffian Rugged?

Def Ill aka. Ruffian Rugged war mein Mentor. Wir trafen uns vor ca. 12 Jahren, beim Auflegen im Earwax in der Linzer Altstadt. Er war einige Jahre jünger, mir aber musikalisch um Längen voraus. Wir verbrachten jede freie Minute in seinem Studio aka. seinem Zimmer aka. dem Fireclath Yard aka. der Korova Milkbar. Wir verstehen uns, ohne zu reden, und dann machen wir einfach. Ruffian Rugged ist ein original Head, ein lebendiges Dancehall und Hiphop Lexikon.

Das Album ist krass lang, 25 Tracks. Absicht?

Ich bin großer Fan von Skits und ich liebe die klassischen, epischen Longplayer aus meiner Jugend, wie Dre’s ‚2001‘, Bounty Killa’s ‚My Xperience‘ oder Vybz Kartel’s ‚The Teacher’s Back‘. Am Ende war „Kineticore“ 20 Songs schwer, der Rest sind Skits und Jokes.

Thematisch wirkt das Album kämpferisch – Nah Surrender, Sick of it All, Bad Man Begins. Willst du wachrütteln?

Das ist der neue Kinetical. Kämpferisch. Privat hatte ich letztens viel zu kämpfen, das spiegelt sich meinen jüngeren Produktionen wieder. Es geht um den Kampf mit mir selber und meiner Umgebung, die Texte wirken vielleicht oft auf ersten Eindruck oberflächlich, wenn man jedoch zwischen den Zeilen liest, erkennt man, das Persönliche. Ich will meine Hörer natürlich wachrütteln mit dem Album, aber eher in Richtung "Ich mach jetzt was ich will und fühl mich dabei wohl. Wenn‘s dir gefällt zieh’s dir rein, wenn‘s dir nicht gefällt, halt die Klappe", denn ich bin sicher, dass ich mit dem Album polarisieren werde.

Goldene Regel des Musikjournalismus: Niemals nach dem Namen fragen. Du allerdings widmest deinem Pseudonym sowohl den Albumtitel als auch vier Tracks. Also: Was hat‘s mit "Kinetical" auf sich?

Der Name wurde mir damals von einem sehr guten Freund vorgeschlagen – R.I.P. Bautschi. Ich hab damals als Drum’n’Bass MC angefangen auf Parties zu spitten, bis dann irgendwann der Anruf kam: "Ey wir wollen dich am nächsten Flyer, überleg dir mal einen coolen MC Namen" und ich hatte zwei Tage, mir ein Pseudonym zu suchen.

Besagter Bautschi schrieb mir: "Also ich hör grad ´ne alte Radiohead B-Side, die heißt Kinetic, das klingt doch geil“. “Kinetic” hängt zusammen mit „Geschwindigkeit“, und da ich für schnelle Doubletime-Raps bekannt war, wurde ich zu Kinetic MC. Als ich vom DnB und Jungle zu Reggae und Dancehall fand, klang das zu sharp, daher killte ich das „MC“ und schuf mir ein Adjektiv: „Kinetical“.

„Kineticore“ stammt übrigens von Ruffian Rugged, es bezeichnet mein eigenes Genre. Ich mache Kineticore. Der Song „Kinetiking“ jedoch ist all den Grafikern, Bookern, etc. gewidmet, die meinen Namen in den letzten Jahren falsch geschrieben haben. Das waren nämlich einige.

Apropos deutschsprachiger Raum: Woher kommt dein perfektes Englisch?

Hehe, die Frage kommt ständig. Ich war weder in Jamaica, noch bin ich zweisprachig oder in US oder UK aufgewachsen. Meine beiden Eltern sind Österreicher und ich habe zum ersten Mal Englisch in der Hauptschule gelernt, wie alle anderen. Schon als Kind hab ich Slangs imitiert, das jamaikanische Patois habe ich mir durch das ständige Hören von Dancehall Tunes und Filmen wie “Harder They Come” oder “Rockers” im Kinderzimmer beigebracht, den klassischen US-Slang verdanke ich MTV.

Aber der Slang ist nicht alles. Laut Facebook- und Youtube-Stats hab ich in Lateinamerika mehr Fans als in den Staaten.

Aus Linz bist du nach Berlin gezogen – wieso? Weil man als Rapper in Österreich nichts reißt?

Es hat auf jeden Fall damit zu tun, aber auch mit kreativem Freiraum. In Linz stand mir das Wasser bis zum Hals und ich hatte privat viel Scheiße am Laufen. Hierzulande hatte ich meine Ziele erreicht, hatte mit allen namhaften Produzenten und Rappern zusammengearbeitet, war fast 4 Jahre lang jedes Wochenende gebooked, wurde als MC in der DnB Szene hoch gelobt, war aber gleichzeitig auch mit Reggae Backingband unterwegs und hatte eine riesen Fangemeinde in Linz und Umgebung. Es gab Wochenenden, wo man mich in einer kleinen Stadt wie Linz auf drei verschiedenen Partys am Mic erleben konnte.

Außerdem buchten mich meist Freunde, und es wurde hart, "Nein" zu sagen und mich nicht unter Wert zu verkaufen. Ich dachte: Hier in Österreich ging so viel, da muss doch außerhalb dieser Grenzen noch mehr möglich sein.

Logischer Schluss: Berlin. Anstatt hier die Türen der ganzen namhaften Studios einzutreten, brauchte ich ein halbes Jahr um die Menschen und die Clubs aufzusaugen. Es ist eine sehr fruchtbare Szene, hier Fuß zu fassen, ist aber schwer.

Wie kam‘s zum Feature mit Texta und Blumentopf? Habt ihr euch in der Kapu kennengelernt?

Hehe, naja in Linz kennt man sich ohnehin, wenn man mal eine Zeit lang Musik macht. Man tritt sich dort ständig auf die Füße, sei es in der Kapu, Stwst oder anderswo. Aber ich bin schon länger der Man-Who-Sings-The-Chorus in der Linzer Hiphop Szene, wer eine Reggae – Hookline brauchte, zitierte mich ins Studio.

Genauso war‘s bei TNT, Laima hat mich an angerufen: "Wir haben da den Track fürs Texta & Topf – Album und wollen so ’ne Ragga Hook, kannst du morgen Vormittag ins Studio kommen?" Gesagt – getan. Ich sollte meine Jugend-Heroes retten – gewaltiger Druck. Aber es hat funktioniert, Monate später traf ich Laima auf der Landstraße, der sagte im Vorbeigehen: "Wir haben uns für deine Hook entschieden.“ Und ich war erstmal geflashed.

Kineticore erscheint am 26. Mai, vorbestellen kann man das Album unter anderem hier.

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