Ein Wartehäuschen zum Bleiben – »Kri« im Dschungel Wien

Die Gerüchteküche im fiktiven Dörfchen Hintertupfing brodelt: Wer ist dieser junge Mensch, der in die aufgelassene Bushaltestelle eingezogen ist und es sich im alten Wartehäuschen gemütlich macht? Irgendwo im Nirgendwo, am Rande einer kaum noch befahrenen Landstraße, spielt das Stück »Kri« – ein berührender Abend über Zugehörigkeit und die Kunst des Alleinseins.

© Lex Karelly

Hintertupfing ist in hellem Aufruhr: Sie kann doch nicht einfach dortbleiben? Sie ist doch noch eine Teenagerin – wo sind denn ihre Eltern? Was macht sie den ganzen Tag und was hat sie vor? Dass Kri (Michaela Neuhold) nichts Bestimmtes macht und nichts Konkretes vorhat, finden manche Dorfbewohner*innen sogar noch verdächtiger. Gerade die Tatsache, dass hinter dem Verhalten der jungen Protagonistin keine Absicht zu erkennen ist, dass sie keine Agenda verfolgt, ruft bei den Hintertupfinger*innen Skepsis hervor. Kri lebt allein, spricht mit den Krähen und kümmert sich wenig darum, was andere von ihr halten. Ihr mutiger Lebensentwurf, in dem nicht jeder Schritt zielgerichtet und zweckgebunden ist, bringt die Glaubensätze des Dorfes ins Wanken.

Die Bushaltestelle, in der Kri beschlossen hat zu bleiben, wird auf der Bühne lebensgroß durch rote Streben angedeuteten. Die Dorfgemeinschaft – zunächst dargestellt als anonyme Masse, auf einer roten Tribüne platziert, chorisch sprechend und uniform gekleidet – gewinnt zunehmend an Individualität. Nacheinander lösen sich einzelne Figuren heraus und schauen selbst nach, wer die seltsame Fremde ist. Dafür begeben sie sich auf die am Boden aufgeklebte Landstraße, die den Bühnenraum tief und das Wartehäuschen einsam und verlassen wirken lässt. Der Bus kommt schließlich schon lange nicht mehr in Hintertupfing vorbei.

»Kri« (Bild: Lex Karelly)

Eine kunterbunte Möbelcollage

Das achtköpfige Ensemble portraitiert die Bewohner*innen von Hintertupfing in all ihren Facetten: Da sind die Teenager*innen, die sich im alten Wartehäuschen zum Rauchen treffen, der Pfarrer, den Kri mit ihren Fragen ganz schön ins Schwitzen bringt, und ein älterer Mann, dessen große Liebe sich nicht zu ihm bekennen will. Sie alle beginnen, Kri regelmäßig zu besuchen, und die stillgelegte Bushaltestelle entwickelt sich zum Treffpunkt unterschiedlicher Weltanschauungen. So verschieden wie die bravourös verkörperten Charaktere, sind auch die zusammengewürfelten Möbel, die sie aussortieren und Kri zur Verfügung stellen: Von einem Minikühlschrank bis zu einer überdimensional großen Anglertrophäe wird alles, was nicht mehr gebraucht wird, herbeigeschleppt und verschenkt. Die zu Beginn noch kahle, unwohnliche Bushaltestelle ist bald heimelig eingerichtet. Gemeinsam wird ein Zuhause geschaffen, eine Collage mit Möbeln aus allen Zimmern des Dorfes (Ausstattung: Milena Czernovsky und Caroline Haberl). Der ehemalige Transitort wird durch Kri zu einem Ort des Bleibens, Verweilens und Einfach-Daseins. Die Gelassenheit der Hauptfigur wohnt der gesamten Inszenierung unter der Regie von Manfred Weissensteiner inne. Dabei steht diese beeindruckende Ruhe nicht im Widerspruch zum Spannungsaufbau, denn: Ob Kri bleiben kann, ist noch nicht entschieden.

»Kri« (Bild: Lex Karelly)

Die Kunst des Alleinseins

Woher Kri kommt, zu wem sie »dazugehört«, diese Fragen beantwortet sie nicht. Sie verweigert es, solche Geschichten über sich selbst zu erzählen. Sie ist jetzt hier und das ist alles, was zählt. Dabei zeigt sie etwas, das vielen schwer fällt: Sie ist sich selbst genug, ihr wird nicht langweilig und sie ist nicht einsam. In »Kri« lässt sich der Wandel einer Dorfgemeinschaft beobachten, der nicht anhand von großen, paukenschlagartigen Ereignisse erzählt wird, sondern sich leise und langsam durch behutsame Begegnungen entfaltet.

»Kri« ist das Sieger*innenstück des Retzhofer Dramapreises in der Kategorie »Für junges Publikum«. Die Koproduktion von Tao! Theater am Ortweinplatz und Next Liberty in Kooperation mit dem Hessischen Landestheater Marburg wurde am 2. und 3. März als Gastspiel am Dschungel Wien gezeigt.

Dieser Text ist im Rahmen eines Schreibstipendiums in Kooperation mit dem Dschungel Wien entstanden.

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