Getanzte Transformationen

Die [Trans] Asia Portraits beleuchten in verschiedenen Projekten Umbruchsmomente in asiatischen Gesellschaften.

Die Gulabi Gang kämpft mit ihrer Pink Sari Revolution für Frauenrechte und Gleichberechtigung. Sie ist ein winziger Splitter einer breiten Genderbewegung in Indien. Seit 2014 werden in dem konservativen Land die Hijra, die weiblichen Seelen in männlichen Körpern, als drittes Geschlecht anerkannt. Die chinesische Gesellschaft kämpft vierzig Jahre nach der Kulturrevolution immer noch mit Maos Geistern, als Wirtschaftsmacht hat die Volksrepublik jedoch bereits 2014 die USA überholt – Das sind nur zwei Beispiele einer Liste von Transformationsprozessen, die sich ewig fortführen ließe.

Asiatische Gesellschaften wandeln sich rasant und geraten damit oft in ein Ungleichgewicht. Mit diesem Wandel beschäftigen sich die Trans [Asia] Portraits, ein Schwerpunkt des Impulstanz Specials 2016. Die Portraits arbeiten mit Installationen, Performances, Filmen und natürlich: mit Tanz. Michael Stolhofer, ehemaliger Intendant der Szene Salzburg, kuratiert das Programm. Dass so ein Thema eigentlich viel zu komplex ist, die einzelnen asiatischen Länder sich zu stark unterscheiden, bestätigt er im Gespräch. Die Absicht sei daher, brisante künstlerische Statements zusammenzutragen.

Laub als Minimalist

"Es ist beispielsweise ein Glück, dass Michael Laub gerade eine Arbeit in Kambodscha fertig gemacht hat, die dann erstmals in Europa zu sehen ist.", so Stolhofer. Der belgische Regisseur Michael Laub gilt als Vorläufer des postdramatischen Theaters. Dieses verhandelt oft soziale Themen und hat eine Tendenz zum Dokumentarischen. Seit 2002 hatte Laub mit seinen "Bühnenportraits" an vielen Häusern, unter anderem am Burgtheater, für Furore gesorgt. Er wollte Schauspieler durch authentische Personen und reale Lebensgeschichten ersetzen. Dazu holte er jene auf die Bühne, die sonst in der Kantine arbeiten oder die Gänge schrubben. In seiner neuen Arbeit "Dance Portraits – Cambodia" wird er seinem Ruf als Minimalisten gerecht und arbeitet mit reduzierten Bewegungen und tänzerischen Gesten. Dabei bindet er sowohl den klassischen kambodschanischen Tanz, als auch HipHop und Clubelemente ein.

Auch Choy Ka Fai, der bereits bei Impulstanz 2015 dabei war, ist mit einer weiteren Episode seines Projekts "Soft Machine" wieder mit von der Partie. Diesmal geht es um eine tänzerische Reflektion der sozialen und politischen Situation Chinas: vor der Revolution, währenddessen und heute. Die Choreographin Preethi Athreya überführt den klassischen indischen Kathaktanz ins Heute, indem sie ihn dekonstruiert. Zusätzlich wird es ein Filmprogramm geben, welches sich mit Fragen der Transsexualität und Transgenderbewegungen auseinandersetzt.

21er Haus und Weltmuseum

Auch die formalen, äußeren Umstände spielten bei der Zusammenstellung des Programms eine Rolle. "Die Räumlichkeit hat es ermöglicht installativ zu arbeiten. Außerdem verfügt das 21er Haus über ein wunderschönes Kino", so Stolhofer. Wichtig sei außerdem die Verbindung zum Weltmuseum, die seit einigen Jahren besteht. "Daraus haben sich gewisse Schwerpunkte, die sich mit asiatischem Tanz beschäftigen, ergeben." Das Archiv des Museums mache dies möglich und interessant.

Stolhofer hofft, dass die Summe der einzelnen Beiträge nochmal ein Bild ergibt. Auch wenn es sich dabei nur um Ansätze handeln kann. "Wenn man so ein komplexes Thema wie Transformationsprozesse in Indien mit einem Film und einer Performance beleuchtet, dann ist das vielleicht ein interessanter Ansatz, aber sicher keine erschöpfende Betrachtung." Eigentlich sei das ja immer so bei künstlerischen Arbeiten. Letztendlich können sie nur eine Perspektive abdecken und einen Anreiz zur Vertiefung schaffen. Das Programm kann als eine Fortführung des Events im Sommer über zeitgenössischen Tanz in Asien gelesen werden. Damals bespielten im Rahmen des Impulstanz Festivals zwölf Tanzschaffende aus Asien und Österreich die leerstehenden Räume des Weltmuseums. "Auch da war der Ansatz, eine Vielfalt zu zeigen", so Stolhofer. "In Asien gibt es mindestens genauso einen Pluralismus im zeitgenössischen Tanz wie in Europa."

Zwischen Stereotypen und Tradition

Es gebe gewisse Stereotype, die in Bezug auf Tanz schnell bedient werden. „Wenn man beim Beispiel Indien bleibt, dann hat man sehr schnell eine Idee von Folklore, man denkt an Rituale und vom Hinduismus geprägte Elemente." Diese Interpretation dränge sich dem Unwissenden eben schnell auf. "Dem kann man im Detail allerdings gut entgegentreten, wenn man sich mit verschiedenen Formen ein bisschen auseinandersetzt."

Andererseits wird in den Arbeiten auch viel mit traditionellen Bezügen gearbeitet. Im Weltmuseum werden zum Beispiel die indischen Göttinnen Kali und Durga als Tonfiguren ausgestellt. Traditionell werden sie bei religiösen Festen durch die Straßen der Stadt getragen und schließlich im Ganges versenkt. Die Auflösung und Zerstörung der Tonfiguren sind eine Metapher für die nie endende Transformation. "Diese traditionellen Bezüge sind vielleicht etwas, wo man eine Gemeinsamkeit sehen kann" meint Stolhofer. "Im Tanz und in der Musik ist es schon so, dass sich asiatische Länder durch diese sprunghafte Entwicklung noch mehr auf Religionen beziehen als hierzulande." Auch Künstler hätten dort oft eine klassische Ausbildung und beschäftigen sich beispielsweise zuerst mit traditionellen Formen des Tanzes und versuchen dann eine zeitgenössische Sprache zu finden. "Auch gesellschaftlich spielen Traditionen eine große Rolle, deshalb war es wichtig sie in das Projekt mit einzubeziehen."

Für Stolhofer ist Tanz eine sehr vielfältig verständliche Ausdrucksform. Wenn man sich darauf einlasse, dann gebe es viel Raum für Identifikation. "Wenn man von Europa nach Asien schaut, dann ist der Tanz sicher auch eine einfachere Form der Darstellung als zum Beispiel Theater. Zum einen aus sprachlichen Gründen, aber auch weil der Tanz Globalisierung in größerem Maße erfahren hat." Damit meint er, dass er sich als Kunst auch stärker weiterentwickelt hat. Tanz lasse sich bis hin zur physischen Übung leichter auf sich selbst beziehen. "Dass man diese Rückbeziehung auf die eigene Wirklichkeit erfährt" ist ein Wunsch, den Stolhofer für das Publikum hat, einen individuellen roten Faden zu finden.

Die Impulstanz-Reihe [Trans] Asia Portraits findet vom 6.-14. Februar im 21er Haus statt.

Bild(er) © 1: Toshio Matsumoto, 2,3: Weltmusuem Wien, 4,5: Law Kian Yen, 6: Bodo Gottschalk, 7: Pravin Kaufmann, 8: Sridhar Rangayan
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