Im Zentrum von Twitter, Politik und Medien

Armin Wolf wird derzeit von 44.667 Menschen auf Twitter beobachtet. Im Interview erzählt er aus dem Zentrum der digitalen Elite, von Macht und Ohnmacht des Mediums und was auch ein Leserbrief bewirken kann.

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Auf Twitter registriert hat sich @ArminWolf Anfang 2009, im unmittelbaren Eindruck von Obamas Wahlkampagne. Mittlerweile ist der Kurznachrichtendienst zur wichtigsten Informationsquelle des ORF-Journalisten geworden. Dass er es dabei selbst zum österreichischen Twitter-Star gebracht hat, liege daran, dass »es in diesem Land keine Celebrities gibt«.

Ein Gespräch über Macht, Politik und eine digitale Elite, die sich nicht fürs Pensionssystem interessiert.

Wie konkret kann man sich den Nutzen von Twitter im Alltag eines journalistisch tätigen Nachrichtensprechers vorstellen?

Ich habe Twitter eigentlich gar nicht für den journalistischen Nutzen begonnen, sondern ursprünglich als Marketinginstrument. Die Idee war Leute zu erreichen, die nicht jeden Abend um 22 Uhr rituell vor dem Fernseher sitzen. Auf Facebook gab es damals noch keine Fanpages. 2008 war ich dann bei der Präsidentschaftswahl in Amerika und habe dort Twitter gesehen, fand das lustig und habe damit begonnen. Die journalistischen Möglichkeiten habe ich dann relativ schnell entdeckt: Es ist eine geniale, personalisierte Nachrichtenagentur, wenn man es entsprechend verwendet. Mittlerweile ist es für mich meine wichtigste Informationsquelle, wichtiger als Tageszeitungen, Magazine, selbst wichtiger als die Nachrichtenagenturen. Ich erfahre fast alles zuerst über Twitter.

Weil die Informationen an Sie herangetragen werden oder weil man sie in der Timeline liest?

Weil ich mitlese. Ich folge sehr selektiv cirka 200 Leuten, von denen ich alles lese und bekomme so einen ziemlich guten Überblick.

Sind das Medienleute?

Quer durch. Das sind relativ viele Journalisten aus Österreich, internationale Journalisten, ein paar Medien. So bin ich auch wenn ich unterwegs bin nicht mehr auf die Nachrichtenagenturen und nicht auf meinen Agenturcomputer angewiesen. Dadurch, dass ich mich viel mit Social Media beschäftige, sind es auch viele Leute aus dem Social Media-Bereich, Wissenschaftler. Es ist also ein breites Spektrum mit einem klaren Schwerpunkt auf den USA und Österreich.

Das heißt, es hat sich vom Marketinginstrument zu einem Recherchekanal entwickelt?

Es erfüllt mittlerweile drei bis vier Funktionen. Als Marketing funktioniert es sehr gut, obwohl Twitter in Österreich nach wie vor ein Elitephänomen ist. Die Nachrichtenagentur habe ich erst entdeckt. Als Rechercheinstrument funktioniert es noch am wenigsten, weil man schlecht öffentlich recherchieren kann. Aber so was wie Crowdsourcing funktioniert, zum Beispiel vor Interviews. Unlängst war Marcel Koller im Studio. Ich habe keine Ahnung von Fußball und habe praktisch das ganze Interview mit Twitter-Fragen bestritten. Und der vierte Aspekt ist der Dialog mit dem Publikum. Die Leute haben das Gefühl, sie können mich leicht erreichen und ich versuche auch wirklich allen zurückzuschreiben, wenn es sinnvoll ist. Darauf bekomme ich auch sehr gutes Feedback. Nicht alles braucht eine Antwort. Aber früher war jemand, der in einer großen Institution arbeitet, schwer zugänglich, man musste den Kundendienst anrufen und wusste nicht, ob der Betroffene es jemals erfährt.

Im Untersuchungszeitraum der „Twitterpolitik“-Studie wurde ausgewertet, dass Armin Wolf in vier Wochen allein fast 5.000 Mal „gementioned“, also direkt erwähnt wurde. Gibt es auch Situationen, in denen Twitter nervt?

Das erste Mal vor ein paar Tagen bei dieser Kony 2012-Nummer. Mit dem Video bin ich wirklich zugespamt worden und habe Leuten teilweise nicht mehr zurückgeschrieben. Aber ansonsten eigentlich nicht. Ich würde es nicht machen, wenn die Nachteile überwiegen würden. Nachteil gibt es eigentlich nur einen: Es ist extrem zeitaufwendig. Ich verbringe am Tag sicher ein bis eineinhalb Stunden damit. Ich fange den Tag tatsächlich damit an, es ist das erste was ich in der Früh und das letzte, was ich vor dem Schlafengehen lese.

Auf Kosten welches Mediums geht diese Stunde netto?

Magazine in erster Linie. Ich habe immer wahnsinnig viele Magazine gelesen und auch über 20 abonniert. Ich merke, ich komme immer weniger dazu. Das hat allerdings auch mit dem iPad zu tun, wo ich Magazine wie den Spiegel, Profil etc. runterlade und merke, dass ich sie dort immer selektiver lese.

Nach welchen Kriterien wählt man aus, wem man antwortet?

Im Prinzip versuche ich alle Fragen, die an mich gerichtet und ernst gemeint sind, zu beantworten. Und ich beantworte auch viele Fragen, die nicht ernst gemeint sind, oder wenn ich merke, jemand will mich provozieren oder beleidigen, wenn mir gerade etwas Passendes einfällt. Viel spielt sich auch zwischen anderen Leuten ab, aufgrund eines Tweets, den ich ausgeschickt habe. Da komme ich darin vor, muss das aber nicht kommentieren. Und ich wähle das total intuitiv aus. Genau so, wie ich das auch mit E-Mails mache. Ich beantworte jede konkrete Frage an mich, auch konkrete Kritik und oft sogar Beschimpfungen, aber nicht alles, was quasi eine Art allgemeiner Leserbrief an die ZIB-Redaktion ist mit Vorschlägen zur Weltverbesserung.

Seit einiger Zeit gibt es auf Facebook auch eine Fanpage.

Die Armin Wolf-Seite ist die Fanpage. Es gab davor eine Fanpage, die von irgendjemandem erstellt wurde, mit der ich aber nichts zu tun hatte.

Wie anders lässt sich denn Facebook im Vergleich zu Twitter nutzen? Ist es nur Marketing?

Es ist vollkommen anders. Ich hätte nicht gedacht, dass der Unterschied so groß ist, weil ich Facebook nicht kannte. Ich bin privat nicht auf Facebook. Zum einen aus Zeitgründen, zum anderen, weil ich nicht weiß, wie ich mit Freundschaftsanfragen umgehen soll. Als Mensch mit einem Job in der Öffentlichkeit kriegst du 3.000 Freundschaftsanfragen, weil man auch mit unglaublich vielen Leuten beruflich zu tun hat. Wen nimmt man und wen nimmt man dann nicht?

Eine reine Fanpage habe ich zunächst aus Zeitgründen nicht gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass Twitter ohnehin genügend Zeit verschlingt. Vor ein paar Wochen hat mich jemand auf einer Diskussionsveranstaltung auf der Uni danach gefragt und meinte, es wäre mühsam, immer extra auf Twitter einzusteigen. Dann habe ich lang mit den Studenten diskutiert, ob es denn sinnvoll wäre, wenn ich nur meine Tweets quasi auf Facebook „durchschieße“, weil mir die Zeit für die Interaktion auf Facebook fehlt. Und die Mehrheit meinte, sie fände es trotzdem gut. Worauf ich es probiert habe.

Mittlerweile gefällt mir ganz gut, dass man auf Facebook auch mal mehr als 140 Zeichen schreiben kann. Auch für Bilder und Videos eignet sich Facebook besser. Und das Publikum ist viel breiter, während Twitter nach wie vor ein totales Elite-Medium in Österreich ist, ein Stammtisch des Politisch-Medialen-Plus-Social-Media-Komplexes. Twitter ist sehr politisch, da gibt es zum Teil sehr lustige, sehr „insiderische“ Debatten, wie die Failmann-Geschichte.

Viele Sachen würden dagegen auf Facebook nicht funktionieren. Dafür kommen dort viel mehr Kommentare. Warum, weiß ich nicht, da ich auf Facebook ja derzeit noch weniger Fans habe als auf Twitter. Und ich antworte auf Facebook kaum, versuche aber, alle Kommentare zu lesen. Bisher scheint es zu funktionieren, es kommen pro Woche etwa 3.000 bis 4.000 neue Fans hinzu. Der Hauptgrund doch anzufangen war, dass mittlerweile an die 2,8 Millionen Leute in Österreich auf Facebook sind. Die jüngste Zahl für Twitter war etwa 75.000, wir reden hier also von einem Verhältnis 1:40.


War Twitter und Facebook private bzw. persönliche Motivation?

Es ist schon ein persönliches Ding, aber in meinem Job. Private Motivation nicht, ich dachte auch, ich schreibe nichts Privates. Da wurde ich allerdings eines Besseren belehrt. Eine Kollegin von Ö1, Barbara Kaufmann, hat ein „Radiokolleg“ über Twitter gemacht. Dort hat sie mir vorgelesen, was ich schon an Privatem getwittert habe und was sie daher über mich weiß. Das war sehr erschreckend, weil ich an sich sehr restriktiv bin, was mein Privatleben angeht. Im Normalfall bekommt das auch niemand mit, aber sie hat eben über eineinhalb Jahre all meine Tweets dokumentiert. Ich würde das niemals in einem Interview erzählen, was ich in der Zeit auf Twitter preisgegeben habe.

Wenn man Twitter ernsthaft nutzt, muss man das mehrmals am Tag tun. Wie verändert Twitter die Wahrnehmung? Engt es sie ein?

Ja, auch. Ich bekomme zum Beispiel viele Ideen über Twitter, die ich dann in der Redaktionssitzung vorschlage. Insofern ist es sehr nützlich, aber man muss sehr aufpassen, dass man nicht das, was die österreichische Twitter-Community für relevant hält, für das Gleiche hält, das die ZIB-Zuseher interessiert. Dazu ist es viel zu elitär. Das ist eher das Falter-Publikum, extrem interessiert, hochgebildet und sehr gut informiert. Vieles geht aber in der ZIB nur schwer. Zum Beispiel ACTA, ein gigantisches Thema auf Twitter, aber in den Redaktionssitzungen hatte ich wochenlang Probleme, das durchzusetzen.

Ist Twitter ein Seismograph?

Ja, total. Ich komme auf viele Sachen, weil ich den richtigen Leuten folge, die interessante Sachen lesen, verlinken und Medien konsumieren, die ich aus Zeitgründe nie schaffen würde. Einer meiner Lieblings-Twitterati ist Amir Kassaei von DDB. Der schickt zumindest dreimal pro Woche hochinteressante Sachen, auf die ich sonst niemals kommen würde.

Gibt es auch Themen, die für die ZIB sehr wichtig sind, die aber auf Twitter kaum vorkommen?

Ja, natürlich. Alles, was mit Pensionen zu tun hat, zum Beispiel. Also die komplette Pensionsdebatte, Gesundheitsdebatte, Themen, die wirklich viele Menschen betreffen. Twitter ist in Österreich ein Bobo-Phänomen, ein Bobo-Medium. Das hat damit zu tun, dass es in diesem Land keine Celebrities gibt. Twitter hat weltweit 500 Millionen User, Facebook 850 Millionen, also ein Verhältnis von nicht einmal 1:2. In Österreich ist das Verhältnis 1:40. Die 250 bis 300 Millionen Twitter-User in Amerika kommen ja daher, dass Lady Gaga, Ashton Kutcher und Frau Moore auf Twitter sind und ihnen sozusagen US-amerikanische Bravo-Leser folgen. In Österreich gibt es keine Filmindustrie, es gibt keine Musikindustrie und die Skifahrer und Fußballer twittern nicht.

Warum gibt es beim ORF außer Armin Wolf keine Twitter- und Facebook-Stars?

Stimmt gar nicht, Ingrid Thurnher hat über 10.000 Follower, obwohl sie dort wenig macht. Ganz weit vorne ist auch Dieter Bornemann, sehr aktiv sind auch Martin Blumenau und seit Kurzem Roman Rafreider, der das exzellent macht.

Aber da ist kein Star-Faktor dabei?

Aber bei wem gibt es einen Star-Faktor? Ich hatte das Glück, dass ich zu einem Zeitpunkt bei Twitter eingestiegen bin, als das relativ unbekannt war. Im Februar 2009 kannten Twitter in Österreich nur Nerds, Freaks und Menschen, die beruflich mit Social Media zu tun haben. Ich war der erste in dieser Szene, der ein bisschen bekannter war und bin in diesen heimischen Twitter-Miniboom hineingefallen. Hätte Niki Lauda statt mir vor drei Jahren begonnen, hätte er jetzt 40.000, 50.000 Follower, oder Hermann Maier hätte 300.000. Bei mir war es das Glück des richtigen Zeitpunktes. Martin Thür von ATV zum Beispiel finde ich exzellent und er würde locker verdienen, ebenso viele Follower zu haben wie ich, aber wegen der Reichweite seiner Nachrichtensendung passiert das nicht. Aber wenn Michael Niavarani anfangen würde zu twittern, hätte er morgen auch 40.000 Follower, mindestens.

Wie sehr wächst denn mit der Anzahl der Tweets und der Follower auch das Ego?

Ich habe gut 40.000 Follower, und das erst seit Kurzem, während die Fernsehsendung jeden Abend 600.000 Zuseher hat. Allerdings gibt es von denen eher wenig Reaktion. Und es hat mir selbst genützt, hat meinen Marktwert gesteigert. Zum Beispiel halte ich mittlerweile gar nicht so wenige Vorträge über Social Media. Etwa in 90 Prozent der Vorträge, die ich halte, geht es um soziale Medien. Ich bin sogar „Onliner des Jahres“ geworden – als Fernsehjournalist, großartig! Ich habe auch in der Debatte über die Unabhängigkeit des ORF bemerkt, dass die Politik durchaus beeindruckt ist. Es ist ein potenzieller Machtfaktor, wenn man was schreiben kann und es kriegen sofort bis zu 40.000 Leute mit.


Harald Katzmair von FAS Research hat einmal gesagt „Macht ist die Matrix an Möglichkeiten“. Machen viele Follower auf Twitter mächtiger?

Ich bin nicht sicher, ob ich die Definition von Herrn Katzmair teile, ich bin eher ein Anhänger Max Webers, der sagte „Macht ist eine Fähigkeit, seine Wünsche auch gegen Widerstand durchzusetzen“. Twitter ist ein Lautsprecher und Verstärker. Und damit kann man sich in öffentlichen Auseinandersetzungen auch Gehör verschaffen. In der Pelinka-Causa haben die Nationalratsabgeordneten begonnen, vom Rednerpult meine Tweets vorzulesen, die ich live während der Debatte geschrieben habe. Das war schon irgendwie skurril und hat die Diskussion ein wenig beeinflusst. Aber ich werde weder die Fremdengesetze noch das Sparpaket mit meinen Tweets verändern können, somit ist das Machtpotenzial relativ beschränkt.

Vergleicht man Ihre Rede bei der Verleihung des Hochner-Preises, als es noch kein Twitter gab, mit der Pelinka-Affäre, gibt es Unterschiede oder auch Parallelen?

Wie man gesehen hat, war die Hochner-Rede auch nicht ohne Konsequenzen, das hat mit den klassischen Medien funktioniert. Ich glaube das Potenzial von Social Media liegt auch darin, Aufmerksamkeit wieder auf traditionelle Medien zu lenken. Die Pelinka-Affäre wurde ja nur so groß, weil sie sich auch in den klassischen Medien abgespielt hat, von dort ging der politische Druck aus.

Aber kann man über Twitter nicht leichter Themen setzen, sodass sie danach von den traditionellen Medien aufgegriffen werden?

Ja, aber ich könnte auch der APA ein Interview geben. Ich habe viele Follower, weil ich einen Job habe, durch den ich bekannt bin. Dadurch kann ich, wenn ich etwas kritisieren will, einen Journalisten anrufen und ein bekomme wahrscheinlich die Chance auf ein Interview. Menschen, die also nicht die Möglichkeit haben, Interviews zu geben, haben in der Regel auch über Twitter nicht allzu viel Macht. Es geht, aber sie müssen schon etwas sehr Brillantes schreiben, um es derart verbreiten zu können. Was sie dann aber auch über eine Presseaussendung tun könnten. Ich denke, wenn etwas so großartig ist, dass es sich über Twitter viral verbreiten lässt, würde es auch über klassische Medien funktionieren.

Bei der Pelinka-Causa haben Sie ein Profil-Interview gegeben.

Hätte ich meinen polemischen Tweet nicht geschrieben, wäre die Debatte spätestens mit unserer Resolution losgegangen, die der ORF-Redaktionsrat zwei Stunden später der APA geschickt hätte. Und dann war es ein Zusammenspiel aus Social Media und klassischen Medien. Wir haben versucht, eine mediale Kampagne aufzusetzen. Vor zehn Jahren hätte man das nur über traditionelle Medien gemacht, ohne Youtube. So wie ja auch die Hochner-Preis-Rede damals gut überlegt war. Das ging, weil ich eben die Gelegenheit dazu hatte und dort wahnsinnig viele Journalisten waren.

Wird durch Twitter also die Latenzzeit von solchen Informationen verringert?

Ja, wahrscheinlich. Jedenfalls bei Leuten, die die Möglichkeit haben, auch Journalisten für ihre Themen zu interessieren.

Man sagt ja auch, dass durch Social Media tendenziell klassische Gatekeeper-Funktionen wegfallen?

Das ist aber kein Phänomen von Twitter, sondern hat mit E-Mails begonnen.

Aber Twitter hat eine andere Unmittelbarkeit?

Das schon, aber jemand, der wirklich ein Anliegen hat und die Gatekeeper tatsächlich überwinden will, konnte das auch schon vorher, eben seit es E-Mail gibt. Seitdem konnte man Journalisten direkt, ohne Umwege über die Pressestelle oder Agentur erreichen. Und wenn ein Tweet nicht interessant genug ist, von einem Twitterer mit richtig vielen Followern retweetet zu werden, hilft es auch nix. Also braucht man die Multiplikatoren auch hier. Was ich aber interessant finde ist, dass es Leuten aus der zweiten und dritten Reihe schneller gelingt, Bekanntheit zu erlangen, wenn man das geschickt macht. Martin Thür zum Beispiel kannte ich nur über Twitter und finde es großartig, was er dort macht. Auch wie Stefan Petzner das Medium nutzt, finde ich nicht uninteressant. Er sammelt dort Fans und Leute, die ihm recht offen gegenüberstehen, zu denen er sonst mit den herkömmlichen Mitteln eines BZÖ-Abgeordneten keinen Zugang hätte. Bemerkenswert ist der Strache-Facebook-Auftritt. Wenn er da auf Asylwerber schimpft, hat er gleich 15.000 Likes.


Verändert die Unmittelbarkeit durch Twitter auch die Distanz zwischen Politikern und der zweiten Reihe?

Wahrscheinlich, kann ich aber nicht sagen, weil ich keinen Politikern folge außer Christoph Chorherr, der nur sehr sachlich seine Blog-Einträge verschickt und Peter Pilz, damit ich nicht dauernd auf seinen Blog schauen muss. Aber eine Verringerung der Distanz kann ich mir schon vorstellen, es hat ja durchaus etwas Stammtisch-ähnliches. Wie zum Beispiel bei CSI-Failmann, wo sich die Leute dann ja auch physisch getroffen haben. Wäre da ein Politiker dabei gewesen, wäre es schon schwieriger gewesen, die Distanz zu wahren. Andererseits hatte man als Journalist diese Versuchung immer schon, wenn man Leute in einem außerberuflichen Zusammenhang kennenlernt und aufpassen muss, dass die berufliche Distanz bestehen bleibt.

Sind die Tweets, die Sie erreichen bzw. die Sie ausschicken, oft Thema mit anderen Kollegen?

Nicht wirklich, weil auch im ORF nach wie vor nicht zu viele auf Twitter sind, was mich total erstaunt. Ich finde ja, dass langsam der Zeitpunkt gekommen ist, wo als Journalist keinen Twitter-Account zu haben ahnlich ist, wie kein Handy zu haben. Es spielt sich dort so viel ab und ist so nützlich. So, als hätte ich die Chance auf einen APA-Anschluss, aber nutze ihn nicht.

Welche Tweets blieben Ihnen in Erinnerung bzw. gibt es welche, die Sie im Nachhinein bereut haben?

Seit mir Barbara Kaufmann vorgelesen hat, was ich Privates schreibe, passe ich auf. Aber es war nichts Konkretes dabei, was mir nachher peinlich war. Auch hier gilt ja die goldene Regel „engage brain before typing“. Mir ist schon klar, dass das, was ich hier sage, die nächsten hundert Jahre im Netz steht. Aber ich bin erwachsen. Und ein Punkt, den ich an diesen Medien so spannend finde ist, dass sie wie persönliche Kommunikation funktionieren. Wenn ich in persönlicher Kommunikation einen Fehler mache, kann ich mich entschuldigen. Das kann ich auch auf Twitter.

Der Altersdurchschnitt bei der ZIB liegt ja irgendwo zwischen 55 und 60 Jahren. Können öffentlich-rechtliche Nachrichten jüngere Menschen ohne Social Media überhaupt noch erreichen?

Ja, wenn ein Tsunami, die Nationalratswahl oder 9/11 passiert. An einem normalen Tag kaum, das ist aber auf der ganzen Welt so. Es ist jetzt auch nicht so, dass nur weil ich auf Twitter aktiv bin, das Durchschnittsalter der ZIB-Zuseher dramatisch sinkt. Ich kriege zwar schon viel positives Feedback von Schülern und jungen Menschen, aber das ist nichts, was man bei 600.000 Menschen signifikant messen könnte. Es könnte mehr verändern, wenn das ORF-Gesetz nicht so viel verbieten würde. Die ZIB-Facebook-Seite gibt es zwar, aber die dreht uns die Medienbehörde möglicherweise ab. Ist aber eh nicht so spannend. Spannender wäre, die Sachen, die wir machen besser zu verbreiten. Das dürfen wir allerdings nicht. Zum Beispiel dürfen wir in der TV-Thek keinen Like-Button anbringen. Dass man von den Österreichern 560 Millionen ORF-Gebühren einfordert und dafür dürfen fast drei Millionen Leute auf Facebook die Sendungen nicht sehen, ist verrückt. Das haben wir dem Zeitungsherausgeberverband zu verdanken. Hier wäre Veränderung wichtig und dafür brauchen wir Social Media.

Stehen durch das ORF-Gesetz ganz konkret Ihre Accounts auf Facebook oder Twitter zur Debatte?

Nein, das sind ja meine privaten Accounts. Die hat weder der ORF eingerichtet, noch betreibt er sie. Da würde ich auch bis zum Verfassungsgerichtshof gehen.

Glauben Sie, die Nachrichtenformate des ORF-Fernsehens würden die Zielgruppe der Digitalen Individualisten ohne Armin Wolf weit weniger erreichen?

Generell hat das Fernsehen Schwierigkeiten, diese Leute zu erreichen. Wobei es zum Teil wieder besser wird, weil über Social Media Fernsehen zum gemeinsamen sozialen Phänomen wird. „Club 2“ oder „Im Zentrum“ verfolge ich im Wesentlichen auf Twitter. Leute fangen an, auf Twitter gemeinsam fernzusehen, was sehr lustig ist – gehen Sie mal auf Twitter, während der Tatort läuft. Großartig! Und das wird mit den internetfähigen Fernsehern noch zunehmen. Heute verbringen die Leute viel Zeit auf Facebook und wollen auch über irgendwas reden, da bietet sich eben das Fernsehen an. Ich bin schon auf die Fußball-EM gespannt. Nachrichtensendungen tun sich da tendenziell etwas schwerer.

Ist dann nicht Facebook der zentralere Zugang zu den Jungen, weil diese nicht so zahlreich auf Twitter sind?

Ich glaube, es sind immer mehr Junge auf Twitter. Ich bin schon sehr neugierig auf die nächste Twitter-Statistik, weil ich glaube, dass sich in den letzten zwei Monaten viel getan hat und Twitter in Österreich irgendwie einen Schub bekommen hat. Ich merke das an meinen User-Zahlen, die in den letzten Wochen viel stärker zugenommen haben als davor. Ich glaube auch, dass Twitter mittlerweile das „jüngere“ Medium ist, weil auf Facebook mittlerweile auch viele Eltern und Großeltern vertreten sind. Aber würde der ORF jetzt eine Facebook-Redaktion einrichten, wo zehn Leute sitzen und für den ORF facebooken – so was funktioniert nicht. Ich habe nach sechs Wochen schon dreimal so viele Fans wie die ZIB-Seite, die es seit zwei Jahren gibt. Ich bin nach sechs Wochen nach Strache und Niavarani der erfolgreichste Einzelmensch auf Facebook in Österreich. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das sehr persönliche Medien sind und Institutionen sich da schwer tun.

Glauben Sie, Twitter wird in Österreich noch zum Massenmedium?

Kommt darauf an, wer sich noch einen Account anlegt. Würden innerhalb eines Jahres die erwähnten Hermann Maier, Lauda, Robert Kratky, Mirijam Weichselbraun und drei Fußballer anfangen zu twittern, würde das explodieren. Es wird nicht die Facebook-Dimension erreichen, weil Facebook von den Fotos lebt. Facebook ist so groß geworden, als das mit den Fotos begonnen hat. Das funktioniert auf Twitter so nicht.

In der „Twitterpolitik“-Studie geht es unter anderem darum, inwieweit dieses Medium die Themensetzungsmöglichkeiten in der politischen Debatte verändert hat. Inwieweit werden Positionen direkter aufgegriffen?

Die meisten Politiker tun das eben nicht, weil es wie gesagt sehr zeitaufwendig ist. Spannend wird es erst dann, wenn Politiker antworten. Darum macht es zum Beispiel Petzner gut. Aber ich folge weder Herrn Swoboda noch dem Herrn Barroso, weil ich ohnehin den ganzen Tag Presseaussendungen kriege. In Deutschland gibt es Altmaier von der CDU, der der denkbar uncoolste Politiker war, der aber durch Twitter bei einer Klientel ankommt, die ansonsten für ihn unzugänglich wäre.

Für Experten kann es sich jedenfalls lohnen. Hubert Sickinger, der bis vor einem Jahr nur ein paar sehr spezialisierten Journalisten ein Begriff war, ist mittlerweile ein Starpolitologe geworden und kommt mit Themen nun leichter durch. Gerhard Mangott schreibt schon ewig einen exzellenten Russland-Blog, den früher 80 bis 100 Leute gelesen haben. Seit er twittert hat sich das vervielfacht. Hans-Peter Lehofer, Medienjurist vom Verwaltungsgerichtshof, schreibt einen brillanten Medienblog und ist plötzlich einflussreicher, seit er seine Blog-Einträge twittert und damit viele Journalisten erreicht. Unlängst wurde sein Blog-Beitrag zur Debatte um die STPO-Änderung auch im Standard abgedruckt, das wäre ohne Twitter vielleicht nicht passiert.

Auch die ACTA-Debatte hätte es nicht gegeben, wenn es nicht die ganze Zeit in den Social Networks thematisiert worden wäre. Und der Punkt, der die Pelinka-Geschichte zum Kippen gebracht hat, war dieses Youtube-Video. Wir haben von ORF-Redakteuren 1.300 Unterschriften gesammelt. Es war die mit Abstand größte Unterschriftenaktion ever und mehr als 80 Prozent aller Programmmitarbeiter haben unterschrieben. In den Tageszeitungen wurde das ziemlich klein gespielt. Erst das Video ist hochgegangen wie ein Atompilz. Dieser Unterschied war schon interessant. Das Video hat großen Druck produziert, auch hier im Haus. Es steckt also sehr großes Potenzial darin, aber es ist auch schwer steuerbar.

Hat Twitter so etwas wie eine demokratische Tendenz?

Ja und Nein. Auf jeden Fall mehr als jedes „alte“ Medium, weil jeder ein potenzieller Sender ist. Dieser berühmte Satz, „die Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten ihre Meinung zu drucken“ stimmt hier also nicht mehr. Pressefreiheit ist heute die Freiheit, einen Blog aufzusetzen oder einen Twitter-Account aufzumachen. Nur die Reichweite ist noch so extrem schwankend. Also wenn ich etwas schreibe, lesen das eben viele Leute. Aber wer 20 Follower hat, hat theoretisch auch das Potenzial, wenn er etwas schreibt, das wirklich witzig, genial formuliert oder am Punkt ist, von jemandem mit 30.000 Followern retweetet zu werden oder in Amerika drei Millionen zu erreichen. Früher gab es nur Leserbriefe, und darunter wirklich wenige, die größere Debatten ausgelöst haben. Der vorher zitierte Satz stammt übrigens aus einem berühmt gewordenen Leserbrief, den der Publizist Paul Sethe an den Spiegel geschrieben hat – 1965.

Danke an Anna Hoffer für die Transkribtion des Interviews.

Fotos Armin Wolf by Michael Winkelmann, Repro by Rotfilter, Papierschnabel by Filius De Lacroix

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