Jetzt mal Klartext

Elisabeth Oberndorfer kennt Medien aus jeder möglichen Perspektive – und jammert nicht über deren Zukunft.

Auf der Fillmore-Website schreibst du, ein neues Magazin zu gründen bedeute vor allem auch mit neuen Vermarktungsstrategien zu experimentieren. Erzähl mal, welche Modelle funktionieren für andere?

Was ich hier gelernt habe ist, dass es nicht nur einen Weg gibt, sondern integrativ gedacht werden muss. Ich kenne hier Subscription Only-Modelle, die super funktionieren und bei denen Journalisten anständig bezahlt werden (http://the-magazine.org).

Paid Content kann in der richtigen Zielgruppe super funktionieren. Hier in San Francisco hat eine Journalistin ein Bezahlportal gelauncht, dass investigative Berichte aus der Tech-Branche liefert. Der Zielgruppe – VCs und C-Level, tun die 399 US-Dollar im Jahr sicher nicht weh.

Andere haben Events als große Einnahmequelle.

Medien in Österreich werden immer sehr danach gebaut, wie sie sich die Werbewirtschaft wünscht: Hier muss ein Content Ad reinpassen, dort kommt eine Sidebar hin. Ich glaube aber, dass Medien viel stärker in die Markenbildung investieren sollten. Als Werbetreibender würde ich mich mehr darüber freuen, mich in ein cooles Medium zu integrieren, als dass sich das Medium total werbewirtschaftlich ausrichtet und null Charme hat. Sieh’ dir die Medien an, die in der Österreichischen Web Analyse (ÖWA) gelistet sind, dann weißt du was ich meine.

Neben Vermarktung sehe ich auch noch in der Organisation großes Potenzial. Die großen österreichischen Verlage sind ja schon Riesenapparate, in denen wahnsinnig hohe Altlasten mitgeschleppt werden. Klar, dass die jetzt zusammenbrechen, wenn die fetten Jahre vorbei sind. Ein schlank aufgestelltes Team kann sich aber auch in einer "Krise" erhalten. Wir haben eine neue Arbeitswelt, und dem sollten wir alle uns anpassen. Das Team von Upworthy zum Beispiel arbeitet vollkommen "remote", also es gibt kein offizielles Headquarter, alle arbeiten von zu Hause aus. Es scheint ihnen damit sehr gut zu gehen.

Plattformen wie Upworthy und Buzzfeed sind die Gewinner, Upworthy wurde als „schnellst-wachsenden Medienseite aller Zeiten“ betitelt, hat nach nur einem Jahr 30 Millionen Unique Visitors. Ist es Schwarzmalerei darin das Ende des Qualitätsjournalismus zu erkennen?

Keine Sorge, Qualitätsjournalismus wird’s noch weiterhin geben. Neben den ganzen Viral-Portalen sind ja in den vergangenen Monaten auch qualitative Medien an den Start gegangen. Werden die jemals die Reichweite haben? Wahrscheinlich nicht. Aber das Verhältnis im Vergleich von Boulevard und Qualität haben wir ja schon immer gehabt.

Sind mehrseitige Text-Reportagen noch machbar oder müssen auch die von Listen-, Daten- oder Bilder-Journalismus lernen?

Ich war erst kürzlich bei einer Publishing-Konferenz, wo Redakteurinnen von Upworthy und Quartz über genau dieses Thema gesprochen haben. "Broccoli Journalism" nennt man in den USA News, die der Bürger braucht, aber nicht unbedingt sexy sind. Was Journalisten von den neuen Portalen lernen können ist, wie sie diese News dem Leser vermitteln. Textreportagen haben sicher noch nicht ausgedient, aber es schadet nicht, die Geschichte schön zu verpacken. Ein Tipp zum Beispiel: Beim Thema Klimawandel nicht das Wort Klimawandel in der Headline verwenden, sonst klickt niemand darauf.

Welche Entwicklungen nimmst du im Silicon Valley jetzt schon wahr, wie Menschen Nachrichten konsumieren, die dann bald in Mitteleuropa ankommen werden?

Apps wie Flipboard und Facebook Paper sind meines Empfindens nach hier schon viel beliebter. Es wird wohl immer schwieriger, den Leser dazu zu bringen, jeden Morgen die gleiche Nachrichtenseiten aufzurufen. Vielmehr muss der Content dort zugänglich sein, wo auch der User sich herumtreibt. Services wie die eben genannten bieten "Curated Content", also Stories zu Themen und nach Interessen am Silbertablett serviert. Der Leser will letztendlich Inhalte, nicht deine hübsch designte Website mit kreativen Bannern.

Hast du Tipps, für ambitionierte Journalisten, die sich einem schwierigen Arbeitsmarkt ausgeliefert fühlen?

Lernt Video – auch wenn’s nur ein Crashkurs ist, aber die Basics sind wichtig und eine Eigenschaft mehr, die euch abhebt. Lernt HTML Basics, Web Analytics und Online-Redaktionssysteme kennen. Verabschiedet euch von traditionellen Angestelltenverhältnissen und vergesst den heiligen Gral der österreichen Journalisten – der Kollektivvertrag. Freundet euch mit neuen Arbeitsbedingungen an – die sowieso viel mehr Chancen bringen. Und lernt auch das alte Handwerk: Beim Magazinmachen oder in der TV- und Radio-Produktion lernt man viel, das auch digital wichtig ist.

Und falls ihr Medienunternehmer werden wollt: Bleibt nicht nur auf der redaktionellen Seite sitzen. Was mir in meiner bisherigen Karriere am meisten gebracht hat ist, dass ich mich aktiv für alle Aspekte und Geschäftsfelder eines Mediums interessiert habe und Erfahrungen dort gesammelt habe.

i>Fillmore – Magazin für Wirtschaft, Innovation und Lifestyle ist ab sofort online und liefert Innovatives über die Tech-Branche, Gründerszene und Medien. Das Magazin möchte die inhaltliche Leere, die die Inexistenz von Magazinen wie Fast Company oder Entrepreneur in der österreichischen Medienlandschaft hinterlassen, füllen und mit neuen Vermarktungsformen experimentieren.

Freie Autoren, die zum Thema beitragen möchten, können sich gerne bei Elisabeth Oberndorfer melden.

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