Kontraste Krems: Kuratorin im Interview

Ein Jahr Pause hat sich das Kontraste Festival in Krems gegönnt um sich neu aufzustellen. Wir haben die Co-Kuratorin Annette Wolfsberger erstmals zum Mail-Interview in Sachen Konstraste gebeten.

Sie sind auch Kuratorin des Sonic Acts Festivals, das jährlich in Amsterdam stattfindet. Sie möchten sicher vermeiden, dass Kontraste eine Österreichische Version des Sonic Acts wird?

Sonic Acts und Kontraste kuratieren wir zu sechst: Arie Altena, Nicky Assmann, Martijn van Boven, Gideon Kiers, Lucas van der Velden und ich selbst. Außer mir und Arie sind alle Kuratoren auch Künstler, Arie ist auch Autor und Forscher, ich Produzentin.

Gemeinsam kuratieren bedeutet, dass die unterschiedliche Expertise der sechs Kuratoren zusammengebracht wird, und dass viele Diskussionen innerhalb der Gruppe stattfinden, bevor wir zu einem endgültigen Programm kommen.

Kontraste will eigensinnige, außergewöhnliche und besondere Werke aus dem Grenzgebiet zwischen Musik, Film und bildender Kunst präsentieren, und ein thematisches und Disziplinen-überschreitendes Programm bieten, das zeitgenössische Entwicklungen auch in einen historischen Kontext setzt.

Kontraste wird nicht Sonic Acts werden. Ein Festival programmiert man nicht in einen leeren Raum, es ist kontextgebunden – Krems ist nicht Amsterdam, und Österreich nicht die Niederlande. Krems hat auch mit dem Donaufestival und dem Klangraum Krems Minoritenkirche in vielen Jahren einen eigenen Kontext geschaffen.

Natürlich gibt es Verbindungen zu Sonic Acts – wir sind schlussendlich dieselben Kuratoren, und es gibt Inhalte und Themen die uns längerfristig interessieren. Das hat aber nichts zu tun mit einem Copy-/ Paste-Programm.

Uns ist aufgefallen, dass sich viele Künstler der beiden Festivals, bei denen Sie Kuratorin sind überschneiden (Daniel Teruggi, Gert-Jan Prins, Gilles Aubry, Greg Pope, HC Gilje, Yutaka Makino). Wieso und was wird es für Ähnlichkeiten oder Unterschiede geben?

Wir finden, dass die Arbeit von vielen Künstlern, die wir interessant finden, viel öfters präsentiert werden sollten. Und wenn wir mit Künstlern zusammenarbeiten, dann ist das – auch innerhalb von Sonic Acts – meist nicht einmalig, oder nur an ein Festival gebunden, sondern längerfristiger. Wir denken da selten short term: eine gute Zusammenarbeit wächst und bedeutet bzw. braucht Vertrauen von beiden Seiten. Die oben genannten Künstler haben tatsächlich schon bei Sonic Acts aufgetreten, aber die Arbeiten, die sie bei Kontraste zeigen, sind oft Weiterentwicklungen bestehender Werke (z.B. "Conflux extended", das bei "Sonic Acts 2010 – The Poetics of Space" in einer Testversion im Melkweg Mediaroom zu sehen war, aber jetzt raumfüllend in der Minoritenkirche zu erleben sein wird).

Und damit komme ich auch zu einem Aspekt, der Kontraste sehr deutlich von Sonic Acts unterscheidet: wir präsentieren in Krems zahlreiche Auftragsarbeiten – dieses Jahr neben den bereits genannten Künstlern HC Gilje oder Gilles Aubry auch von KTL, Keith Fullerton Whitman oder Circumstance.

Man könnte auch sagen, wir pflücken für Kontraste die Kirschen von der Sonic Acts Torte: In Amsterdam geht es vor allem um die Präsentation von Künstlern und Arbeiten, die Möglichkeit für Auftragsarbeiten sind da eher beschränkt. Kontraste bietet uns die Möglichkeit, Künstler einzuladen um (orts-)spezifische Auftragsarbeiten zu entwickeln.

Gerade diese Art von Arbeit bedeutet auch, dass Künstler einen Dialog mit der Umgebung und der Bevölkerung angehen können.

Was bedeutet es für Sie, in Ihrer Geburtsstadt diese Veranstaltung zu organisieren?

Es ist spannend wieder in Krems zu arbeiten! Ich fühle mich auch oft als Nabelschnur zwischen den Teams in Krems und Amsterdam. Ich habe vor meiner Übersiedlung nach Amsterdam auch für verschiedene Festivals in Krems gearbeitet, das heißt ich kenne Krems sowohl als Wohn- als auch Arbeitsumgebung – allerdings ist das schon mehr als 10 Jahre her. Und gerade weil ich hier aufgewachsen bin, finde ich es wichtig, dass es in Krems ein spannendes Kulturangebot gibt.

Es steht Ihnen vom Klangraum Krems Minoritenkirche bis hin zum Kino und Galerien verschiedenste Veranstaltungsorte zu Verfügung. Was für Anforderungen, Vor- oder Nachteile hat eine Kirche gegenüber einem Kino oder dem öffentlichen Raum als Veranstaltungsort?

Wir betrachten das gesamte Programm als eine Komposition an sich, in dem das Verhältnis der unterschiedlichen Programmteile zueinander sehr wichtig ist. Das gilt auch für die Veranstaltungsorte.

Der Klangraum Krems Minoritenkirche ist ein gewaltiger Veranstaltungsort – gewaltig in allen Dimensionen, klanglich, räumlich und visuell. Jeder Ort hat seine eigenen Qualitäten, das Symposium und das Filmprogramm sind im Kino im Kesselhaus am besten aufgehoben, und es war uns ein großes Anliegen, auch über die Kirche hinaus zu programmieren, und die Stadt als Bühne miteinzubeziehen. Daher starten wir das Festival zum Beispiel auch mit der "Laser Sound Projection" von Edwin van der Heide im Kremser Stadtpark. Kontraste wird so auch für die Kremser hör-, sicht- und spürbarer. Die Programmierung im öffentlichen Raum wollen wir auch in den kommenden Jahren fortsetzen und damit den Festivalrahmen noch weiter ausdehnen.

Wir programmieren unsere Festivals immer interdisziplinär und ausgehend von einem bestimmten Thema; bei Kontraste 2011 ist das Imaginary Landscapes. Durch eine thematische Herangehensweise können wir, ausgehend von einer genau definierten Perspektive, ein Gebiet untersuchen, und stets andere Aspekte zeitgenössischer Musik, Klangkunst & zeitgenössischer Kunst in den Vordergrund stellen.

Das diszipline-überschreitenden Programm beruht auf unserer Überzeugung, dass die alten, traditionellen Grenzen zwischen den Disziplinen für viele Künstler nicht mehr relevant sind: weder in ihrer eigen Arbeit, im Bezug auf Werke die sie interessant finden oder auf die Inhalte die sie interessieren und inspirieren.

Wieso fand Kontraste im vergangenen Jahr nicht statt bzw. wieso kam es zu einem Intendanz-Wechsel? Eine nahtlose Übergabe wäre ja machbar gewesen bzw nicht ungewöhnlich …

Da die Kuratorensuche/-bestellung länger gedauert hat als ursprünglich geplant, haben wir den Veranstalter NÖ Festival-GesmbH. ersucht, das Festival 2010 auszusetzen, damit genügend Vorlaufzeit für eine ordnungsgemäße Vorbereitung der Neuauflage von Kontraste in 2011 gegeben ist. Diesem unseren Wunsch hat der Veranstalter entsprochen.

Wird Kontraste heuer stärker vom Land Niederösterreich unterstützt? Konnten Sie neue Sponsoren dazu gewinnen?

Das Projektbudget Kontraste 2009 und 2011 ist vom Gesamtumfang gleich geblieben. Das Land/Abt. Kultur und Wissenschaft leistet auch den gleichen Beitrag wie bisher. Weiters sind an der öffentlichen Finanzierung des Programms 2011 beteiligt: Stadt Krems, BMUKK, PNEK (Production Network for Electronic Art, Norway) und Wachau Weltkulturerbe.

Ist es ein Ziel das Festival international zu positionieren? Wenn ja, was sind ähnlich geartete Festivals und wie versucht das Konstraste-Team eine Trennschärfe zu erreichen?

Natürlich wünschen wir Kontraste ein internationales Profil, allerdings sehen wir auch das als Bestandteil eines längerfristigen Prozesses. Wir werden Kontraste in den kommenden drei Jahre programmieren, und die Beziehung zum lokalen, nationalen und internationalen Publikum ist dynamisch, und muss wachsen. Wir gehen davon aus, dass qualitativ hochwertige Kunst ein Publikum hat – das kann klein beginnen. Ich erwarte mir dieses Jahr keine ausverkaufte Minoritenkirche, aber wir hoffen auf ein neugieriges Publikum, und diesem Publikum wollen wir einmalige Erfahrungen bieten.

Wir programmieren nicht mit Headlinern und mit dazupassenden Begleitacts, sondern kuratieren ausgehend von einem inhaltlichen Interesse. Das setzt auch voraus, dass man sich als Besucher mit dem Programm auseinandersetzt oder sich darauf einlässt, einiges an Unbekanntem und Überraschendem zu erleben.

Festivals wie den unsrigen wird oft vorgeworfen, dass sie sich in einer Nische bewegen.

Ich glaube, dass das oft auch mit der Vermittlung von Programm und Inhalten zu tun hat. Das hat nicht mit Popularisierung zu tun, aber vielleicht damit, das wir ein Programm bieten, dass ein Publikum mitnehmen will auf eine Reise – im heurigen Fall durch imaginäre Landschaft, und um Erfahrungen, Gefühle, Erlebnis. Und dass das Programm nicht ‚schwierig’ ist, oder es darum geht ,wie viele der präsentierten Arbeiten und Künstler man kennt.

Festivals denen wir uns verwandt fühlen, sind z.B. Elektra Festival in Montreal (CA), AV Festival in Newcastle (UK) oder arte.mov in Brasilien. Aber alle unterscheiden sich voneinander. Weiters arbeiten wir gerne auch mit anderen Festivals und Organisationen zusammen, denen wir vielleicht nicht ähneln, aber mit denen wir inhaltliche Anknüpfungspunkte finden – mit dem Donaufestival etwa werden wir gerne gemeinsam etwas bedenken für kommendes Jahr!

Krems ist keine übertrieben urbane Gegend. Ist es nicht ein Risiko trotzdem so avantgardistische Kunst zu präsentieren? Wen möchten Sie ansprechen, Leute aus der Region, Wiener oder gar ein internationales Publikum aus Festivaltouristen?

Ich würde die Umgebung von Krems selbst eher als rural als urban umschreiben. Allerdings ist Avantgarde und urban auch nicht unbedingt etwas, das wir selbstredend gleichsetzen würden. Erneuerung, Veränderung und Avantgarde können gerade auch aus der Region kommen und finden nicht nur in Metropolen statt.

Kultur spielt sich auch nicht ausschließlich in urbanen Ballungszentren ab, sondern sucht oft auch eine rurale Umgebung – wir denken da zum Beispiel an "The Lightening Field" von Walter de Maria in Western New Mexico, an "Celestial Vault" von James Turrell außerhalb von Den Haag oder Festivals wie "Burning Man" in der Wüste von Nevada. Nur eine Auswahl von Arbeiten und Veranstaltungen, die sich gerade im ländlichen Raum situieren und sich mit einer ruralen Umgebung und Situation auseinandersetzen.

Von den oben genannten Publikumsgruppen wollen wir alle erreichen, zu verschiedenen Graden, und wir sind uns davon bewusst, dass ein wachsendes Publikum auch etwas ist woran wir arbeiten müssen. Diese Festivaledition ist ein Neubeginn, und selbst wenn Leute unser Programm interessant finden, ist es oft ein langer Weg bis zum endgültigen Ticketkauf. Dazu braucht es Kontinuität und Vertrauen – wir sehen da auch eine Verbindungen zwischen den zukünftigen Festivaleditionen, damit diese Beziehung, und das Vertrauen, wachsen kann.

Besonders interessant lesen sich im Programm die Vicinity Songs und der Electrical Walk an. Was genau wird bei diesen beiden interaktiven Veranstaltungen geboten? Und auf welchen Programmpunkt sind sie heuer besonders stolz?

"Vicinity Songs" ist eine Auftragsarbeit die speziell von Circumstance (bestehend aus Sarah Anderson (UK), Emilie Grenier (CA) & Duncan Speakman (UK/BE) für Krems und die Wachau entwickelt wird. "Vicinity Songs" lädt Besucher ein, Teil eines reisenden Films zu werden – Zugfenster fungieren dabei als Filmleinwand, und mobile Lautsprecher werden die Straßen von Duernstein mit einer flüchtigen Symphonie beschallen.

"Electrical Walk Krems" ist eine Audiotour van Christina Kubisch, die es durch Spezielle Kopfhörer ermöglichen unsichtbare und überraschende elektromagnetische Felder zu hoeren die z.B. von Geldautomaten und Sicherheitssystemen ausgehen. Ausgangspunkt für die Audiotour ist das Kremser Stadtcafe Ulrich: einfach während des Festivals vom 14. bis 16.Oktober untertags vorbeikommen und Lautsprecher ausborgen!

Stolz sind wir alle auf eine hoffentlich gelungene Gesamtkomposition vom Kontraste-Programm. Aber auch, dass wir zahlreiche fantastische Künstler für Auftragsarbeiten gewinnen konnten, und dass die beinahe 80-jährige Eliane Radigue aus Paris kommt um ihr Werk "L’Ile Re-sonante" am Acounsmonium selbst aufzuführen.

Das Kontraste Festival findet von 14. bis 16. Oktober in diversen Locations in Krems statt.

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