The kids are all Krisenprofis? Die Ausstellung »All the feels!« im Kunstraum Niederoesterreich wirft einen Blick in die Gefühlswelten der Jugend

Sind Jugendliche Expert*innen in Sachen Veränderung und Resilienz? Ausgehend von dieser Frage begibt sich die Gruppenausstellung »All the feels!« im Kunstraum Niederoesterreich auf einen Trip durch die Gefühlswelten der Jugendjahre.

© Anna Witt mit dem Jugendforum Gröpelingen »BOND« (2023); mit freundlicher Genehmigung der Künstler*innen und der Galerie Tanja Wagner

In Krisenzeiten suchen Menschen nach Hoffnungsträger*innen, nach starken Einzelpersonen oder sozialen Gruppen, die Wandel und Zukunft versprechen. Eine klassische Projektionsfläche für diese Sehnsucht stellt bis heute die Jugend dar. Die Jugendzeit ist eine Zeit des Übergangs und der Krisen. Sind Jugendliche aber deshalb Expert*innen in Sachen Veränderung und Resilienz?  

Ausgehend von dieser Frage begibt sich die Ausstellung »All the feels!« im Kunstraum Niederoesterreich auf einen Trip durch die Gefühlswelten der Teenager*innen- und frühen Erwachsenenjahre. Zusammen mit den Künstler*innen Oska Gutheil, Stine Marie Jacobsen, Hannah Neckel, Maruša Sagadin, Molly Soda und Anna Witt untersucht die Ausstellung, welche Lehren die intimen Krisenerfahrungen der Jugend für die multiplen Krisen unserer Gegenwart bereithalten, – mit viel Empathie, Neugier und Humor.

Mehr als ein Lebensabschnitt

Wenn Erwachsene über das Thema Jugend(liche) sinnieren, dann hält sich der Erkenntnisgewinn in der Regel in Grenzen. Manchmal ist es süß, meistens aber eher peinlich. Dass »All the feels!« weder das eine noch das andere ist, hat einen einfachen Grund: Gastkuratorin Nora Mayr hat sich bei der Arbeit an dem Projekt konsequent an Künstler*innen gehalten, die wissen, wovon sie sprechen – weil Jugend für sie mehr ist als ein vorübergehender Lebensabschnitt.

Oska Gutheil »Body Check« (2022); mit freundlicher Genehmigung von Dong Tangrong – DTR Collection

Jugend steht in »All the feels!« nicht nur für die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenendasein, sondern auch und vor allem für die Fähigkeit und Lust, über Gegebenes hinauszudenken. Dass das nicht immer eine Frage des Alters sein muss, zeigen die Malereien Oska Gutheils unweit vom Eingangsbereich des Kunstraums. Besonders eindringlich: die Arbeit »Body Check«. Zu sehen ist eine Figur, die neugierig die jüngsten Fortschritte ihres Transitioning-Prozesses – einer Masektomie – im Badezimmerspiegel begutachtet. Jugendlich ist der Spirit dieser Bilder, nicht weil sie von der Lebensrealität 13- bis 24-Jähriger handeln, sondern weil sie ein Gefühl davon vermitteln, was es heißt, sich zu verändern und unbekanntes Terrain zu betreten.

Selbstfindung und Wandel

Um den Zusammenhang von Jugendlichkeit und (queerer) Identitätssuche geht es auch in den Installationen von Hannah Neckel und Molly Soda. Hier ist es nicht das private Badezimmer, sondern der weitläufige Raum des Digitalen, der als Schauplatz für die jugendliche Selbstfindung dient. Eine ganz andere Facette des Themas nimmt die Videoarbeit »BOND« von Anna Witt in den Blick. Sie fragt nach dem Verhältnis von Jugend und sozialem Wandel. Zusammen mit einer Gruppe Teenager*innen hat sich Witt auf die Suche nach Spuren migrantischer Solidarität in der Stadtgeschichte Bremens begeben. Anhand von Archivdokumenten setzen sich die Jugendlichen spekulativ mit der Vergangenheit ihres Bezirks auseinander, um davon ausgehend eigene Bilder und Geschichten solidarischen Miteinanders zu entwickeln.

Hannah Neckel »I only want it if it feels like this« (2024, Videostill); mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Sechs Positionen versammelt Nora Mayr in »All the feels!«: Die einen widmen sich dem Thema aus einer autobiografischen Perspektive, die anderen partizipativ-dokumentarisch (etwa Stine Marie Jacobsen mit dem Projekt »Group-Think/Inner Map«) oder in poetisch-abstrakter Form (sehr elegant: die Assemblagen Maruša Sagadins). Eine erschöpfende, systematische »Bestandsaufnahme« ist das nicht – diesen Anspruch erhebt die Ausstellung aber auch gar nicht. Vielmehr geht es darum, einige Schlaglichter auf das verwirrende emotionale Ineinander aus Neugier, Experimentierfreude, Hoffnung, Zweifel, Genervtheit und auch Angst zu werfen, das für die Jugend (als Lebensgefühl und -phase) so charakteristisch ist. Eine eindeutige Antwort auf seine Ausgangsfrage bleibt »All the feels!« dabei – klugerweise – schuldig. Statt die Jugend zum rettenden Change Agent zu stilisieren, lädt die Show dazu ein, denjenigen zuzuhören, die etwas von der Sache verstehen: Jugendlichen und jugendlich Gebliebenen.

Die Ausstellung »All the feels!« ist von 7. Juni bis 27. Juli im Kunstraum Niederoesterreich in Wien zu sehen.

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