Leben heißt Überleben

Inspirierend und durchdacht: der neue Testcard-Band „Überleben – Pop und Antipop in Zeiten des Weniger“.

Seit dem kurzen Boom der Cultural Studies und der elaborierten Poptheorie Mitte der Neunziger Jahre ist es im deutschen Sprachraum wieder merklich ruhiger geworden, was die avancierte Analyse von Produktionsmodi und Waren der Kulturindustrie betrifft. Lediglich der in Mainz beheimate Ventil Verlag mit dem zweimal jährlich erscheinenden Testcard hält die Fackel der kritischen Auseinandersetzung abseits sicherer und der aktuellen Entwicklung meist hinterherhinkender universitärer Pfade weiterhin hoch. Das ist dem unabhängigen Kleinverlag hoch anzurechnen, zumal sich der Rest des Popjournalismus mittlerweile zur Gänze dem affirmativen Anpreisen, dem Erlebnisbericht und dem Zwang zum Konkreten verschrieben hat.

Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Überleben als Musiker, Texter und Künstler im Popfeld des Jahres 2012. Lebte die klassische Popkultur vom Schneller, Höher, Weiter und dem steten Mehrkonsum, verwaltet der zeitgenössische Pop vor allem sein eigenes Schrumpfen. Das Thema Überleben ist klug gewählt, da sich in Zeiten von Filesharing und Gratis-Inhalten die Gewinnmargen und Verkaufszahlen vieler Musiker im freien Fall befinden. Nun könnte man keck anmerken, dass es gut und richtig ist, dass die absurden Einkünfte von Musikern sich mittlerweile dem Medianeinkommen des Durchschnittsangestellten annähern. Schließlich sind die Auswüchse des Starsystems der 1980er Jahre mit Bands wie Mötley Crüe und Metallica schlicht nicht anders als Dekadenzphänomene zu bezeichnen. Wenn Musiker und Künstler der Popkultur, die nichts anderes als die globalisierte Volkskultur des Spätkapitalismus darstellen, sich in ihrer Lebenswelt wieder vermehrt an den täglichen Überlebenskampf (Miete zahlen, Job finden) ihrer Hörer und Käufer annähern, kann das mittelfristig nur zu einer Selbstreinigung und Erdung der Kulturindustrie führen.

Zweites Argument für das Gesundschrumpfen der Kulturindustrie ist, dass durch die inflationäre und durch digitale Reproduktionstechniken billig gewordene Warenproduktion viele Bands Musik vor allem deshalb zu machen scheinen, weil sie ihren persönlichen Rock`n`Roll-Film abseits musikalischer Ideen leben wollen und ihre kleinbürgerlichen Mythen nachbasteln. Wir leben im Zeitalter der Kopie der Kopie der Kopie, was nicht nur zum Verlust der Aura führte, sondern auch den merkwürdigen Effekt für viele Hörerinnen und Hörer mit sich brachte, dass immer mehr neue Musik immer vorhersehbarer und langweiliger klingt. Wenn sinkende Verkaufszahlen ein Verschwinden von Karaokebands wie beispielsweise Bunny Lake, Tomte oder elektronischen Acts wie Wolfram beschleunigten, die nichts anderes als das Echo einer scheinbar besseren Vergangenheit lieblos drittverwerten und dabei Quellen und Kontexte auch noch falsch verknüpfen, wäre das ein Segen für die noch verbliebenen emanzipatorischen Kräfte des Pop, da die Hörer sich wieder auf das Wesentliche und Wichtige konzentrieren könnten. Bei diesen Produkten des Simulationspop wird kein musikalischer eigenständiger Anspruch mehr verfolgt außer das narzisstische Nachpausen und das selbstgefällige sich Suhlen in einem imaginierten Starsystem. Dringlichkeit, Relevanz, Begehren, Langeweile, Ekel, kurz: die Basisimpulse jedweder höhrenswerten Popmusik werden hier nicht mal mehr als Option gefühlt und gekannt. Wer die Beschränktheit, ja Retardiertheit solcher Acts im Auge hat, wird sich nicht länger wundern, dass über 70 Prozent der Tonträgerumsätze aus dem Backkatolog der 1950er bis 1980er Jahre entstammen. Der finanzielle Bankrott entbehrlicher Bands würde den Blick und die Hirne von Hörern, Journalisten und Plattenhändlern wieder frei für die Aufnahme notwendiger und wichtiger Musik machen.

Dass eine schöpferischere Zerstörung wie die Schrumpfung des Tonträgermarktes also immer auch notwendigerweise die Vernichtung des Sinnlosen mit sich bringt, ist der einzige positive Aspekt einer sterbenden Industrie, auf den der durch sein Buch „Retromania” gerade populäre Musikjournalist Simon Reynolds in seinem Beitrag eingeht. Er beschreibt schlüssig und nachvollziehbar, dass der Überfluss und die Allgegenwert von Musik die Krise mitbedingt haben. Auch ansonsten hält der Sammelband ein, was er verspricht: Er analysiert die ökonomischen Macht- und Feldverschiebungen sachlich und verzichtet auf das vor allem in den sogenannten Kreativindustrien zur Seuche gewordene Rumjammern.


Johannes Ullmaier geht in seinem Beitrag der Frage nach, warum es im Unterschied etwa zu Bäckern, Installateuren und Anwälten keine Statistiken und exakten Zahlen über die Einkünfte von Musikern gibt. Das einzige was zirkuliert , sind die in Medien zyklisch wiederkehrenden, vagen Gerüchte aus zweiter Hand über sinkende Tonträgerverkäufe und steigende Konzert- und Merchandisingerlöse sowie die bittere Realität des Hier und Jetzt, dass das Internet und die Sozialen Medien zwar theoretisch fantastische Öffentlichkeitspotenziale versprechen, realiter aber zur einer geringstmöglichen Lohnerwartung geführt haben. Ullmaier weist nach, dass das Sprechen über Gewinne und Verluste in der Popindustrie sich nicht auf Zahlen und Fakten, sondern auf Vorgehörtes beschränkt und bastelt daraus die These, dass es eine selbständige Pop-Ökonomie schlicht nicht mehr existiert, da diese einerseits in einer Medienkonzern-Großökonomie, andererseits in einer Freiwilligen und Prekariatatsökonomie aufgegangen ist.

Chuck Kleinhans konterkariert in seinem Essay das neoliberale Märchen der sogenannten Creative Industries mit den harten Fakten der weltweiten Rezession. Das ist insofern erhellend, als es ihm gelingt, irreale Wachstumsfantasien von Betriebswirtschaftslehre und Managementtheorien als Ideologie zu enttarnen und als Beschleuniger eines verschärften Kampfes zwischen Angestellten, Standorten und Nationen zu deuten. Der Sozialphilosoph Roger Behrens nähert sich dem Überlebenskampf der Musikindustrie in Form eines fiktiven Totengesprächs zwischen Amy Winehouse, Karl Marx, John Lennon, Hamilton und Kurt Cobain und kommt zum Schluss, dass auch Pop nur ein Tauschwert wie jeder andere sei. Alleine diese vier Beiträge würden den Kauf und die Lektüre des Bandes rechtfertigen, aber auch sonst finden sich im Heft lesenswerte und gut recherchierte Beiträge.

So besteht der bekannte Kulturwissenschafter Diedrich Diederichsen in einem Interview darauf, dass sein Zivilisationsschaden ihm allein gehört und von niemand anderem verursacht worden sei. Die Wiener Filmemacherin Katharina Weingartner beschreibt Verkaufsstrategien des Sportartikelherstellers Nike und zeichnet deren Wirkmächtigkeit auf verarmte Jugendliche in österreichischen, amerikanischen und afrikanischen Metropolen nach. Der Industrial-Vordenker Genesis P-Orrigde erzählt in einem Gespräch von seiner Beziehung mit der mittlerweile verstorbenen Lady Jay und dem dahinterstehenden Konzept der Pandrogynie. Die beiden romantisch Liebenden hatten über Jahre und mehrere chirurgische Eingriffe hinweg ihre Körper modifiziert und angeglichen. Wie immer runden ausgewählte Tonträger- und Buchbesprechungen den Band ab.

Fazit: Nach dem Überleben und Gesundschrumpfen der Kulturindustrie besteht die Chance, dass diese zu neuen kreativen Ufern aufbrechen wird. Postdystopische Musikstile wie Juke, UK Funky und Global Ghetto Bass beweisen, dass zeitgenössische dringliche Musik vor allem außerhalb der Kulturindustrie wächst und gedeiht. Mit der aktuellen Ausgabe läuft die Testcard nach einigen eher durchwachsenen Ausgaben wieder zur absoluten Höchstform auf.

Testcard. Beiträge zur Popgeschichte. #21: Überleben – Pop und Antipop in Zeiten des Weniger, Ventil Verlag, Mainz 2011, ISBN 978-3-931555-20-7, € 15

Ad Personam: Christian Sebastian Moser ist Geschäftsführer des Friedrich Funder Instituts und publiziert u.a. zu kulturwissenschaftlichen Themen.

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