Marsi macht Immobil

Das grüne Männchen vom roten Planeten lädt ein zur Raumfahrt im Dampfschiff.

Als Marsimoto vor zwei Monaten die erste Single aus „Ring der Nebelungen“ veröffentlichte, blieb einigen Rauchern die Luft weg. „Illegalize It“ kam mit wilden Trap-Beats und einem aggressiv rappendem Marsianer daher, wie soll man sich dazu bitte gemütlich einrauchen? Doch die aufgescheuchten Grashüpfer können getrost etwas Dampf ablassen und runterkommen. „Ring der Nebelungen“ ist Kiffermukke der reinsten Sorte. Und auch nüchtern ist bei diesem Album nicht nur die Quietschestimme des MCs auf hohem Niveau.

Dass sich unter der Maske des grünen Power Rangers der Rapper Marten Laciny a.k.a. Marteria verbirgt, war noch nie ein gut gehütetes Geheimnis. Spätestens seit „Zum Glück in die Zukunft II“ hat sich der Mann seinen wohlverdienten Platz im Mainstream gesichert. Dass er sein erstes Album als Marsimoto veröffentlichte und das Alter Ego lange Zeit bekannter war als das Original, ist weniger bekannt. „Hallohziehnation“ erschien 2006 und versenkte die Ärsche des Volkes ganz, ganz tief im Sofa, „Base Ventura“, unmaksiert, kam ein Jahr darauf. Seitdem hat sich der Produktionszyklus bei 18 Monaten pro Album eingependelt. Mal Maske, mal Mr. Ma. Jetzt ist wieder das kiffende Marsmännchen am Zug.

Grüne Wolken

Und es ist ein tiefer, sauberer Lungenzug. Die große Stärke eines Alter Egos wie Marsimoto ist die künstlerische Freiheit. Wer über bewusstseinserweiternde Drogen rappt, kann aus Prinzip sagen was er will. Hinter der Maske darf Marteria seiner ungefilterten Kreativität freien Lauf lassen. Niemand verlangt von einem Stoner, dass er was Sinnvolles von sich gibt, solange es Spaß macht, ihm dabei zuzuhören. Und diese Stärke spielt „Ring der Nebelungen“ optimal aus. Quasi zusammenhanglos erzählt Marsi von der Suche nach dem Maja-Thron, von amphetamingepushten Paramilitärs unter Tomahawk-Beschuss, und von Kajaktouren durch Lavaquellen.

Sogar die thematisch kohärenten Tracks sind ordentlich abgedreht. „Zecken Raus“ ist eine klassische Tierparabel, in denen ein Insekt aus dem Nazi-Dasein aussteigt. Auf „Illegalize It“ erklärt Marsi, dass nur seine Fans kiffen dürfen und alle anderen dafür weggesperrt gehören. Die meisten anderen Lieder wirken aber nur wie Ausreden für den MC, sich komplett in seinen Gedanken zu verlieren. Und es macht eine Höllenfreude, ihm auf diesem Trip zu folgen.

Grüner Mars

Das hat auch mit feiner Technik zu tun. Marsis komplexe Reime rollen mit butterweichem Flow über die basslastigen Beats. Da wippt der Kopf ganz von selbst mit, alles wird plötzlich ein bisschen langsamer, die Augenlider werden angenehm schwer. Contact High. Klar, an die hochgepitchte Stimme muss man sich gewöhnen, sollte man Marsi nicht kennen. Vor allem, wenn man Marterias sonst so raues Sprachorgan gewöhnt ist. Zusammen mit dem psychedelischen Sound und den wirren Lyrics ergibt sich so aber ein wunderbar weltfremdes Gesamtwerk, dem man die Herkunft vom Mars fast abkauft.

Grünes Alles

An diesem Sound schraubte eine breite Riege an Produzenten. Kid Simius, The Krauts, BrenDMA, Dead Rabbit und Nobodys Face, sie alle hatten ihre Hände im Spiel. Ins Ergebnis kann man sich großteils gemütlich reinlegen und abchillen. Der dicke Bass lädt ein zum Abdriften. Bei zwei, drei Tracks breitet sich das Kopfnicken schon mal auf sämtliche Gliedmaßen aus, die Drums von „Green Pangea“ oder der kreischende Trap bei „Illegalize It“ werden Bewegung in die Live-Crowds bringen. Aber davon mal abgesehen herrscht Entspannung vor. Die vielen Samples sind geschickt eingefädelt, J Dilla, die Gravediggaz, Flying Lotus und sein singender Yoga-Lehrer Gonjasufi erweitern die Geräuschkulisse und fügen sich harmonisch ein.

Wer Marsimoto schon vorher mochte, wird „Ring der Nebelungen“ vergöttern. Der Marsianer hat alle seine Assets einfach verdreifacht. Das Album ist mehr vom Alten, aber weil Marsmimoto so einzigartig im deutschen Game ist, wirkt das Alte immer noch halbwegs frisch. Wer sich bislang noch nicht auf das grüne Männchen eingelassen hat, sollte das jetzt mal versuchen. Doch Vorsicht – „Ring der Nebelungen“ hat Potenzial zur Einstiegsdroge.

"Ring der Nebelungen" von Marsimoto erscheint am 12. 6. 2015 bei Four Music. Am 1.12. kommt er in die Arena Wien.

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