Mein Sohn der M.

Ich versteh die ganze Aufregung zum Kristallkind-Artikel aus der Presse nicht. Ich bin da noch viel konsequenter in meiner Methode.

M., unser Bübchen, ist dreieinhalb Jahre alt. Er ist ein munteres, fröhliches Kerlchen. Er klettert und rennt und schwimmt und spielt schon virtuos Blockflöte und Klavier. Er füttert gerne Wildschweine im Lainzer Tiergarten und zielt mit Brotstücken auf ihre Rüssel. Wenn er trifft, schimpfe ich ihn aus. Wenn er vorbeizielt, lachen wir. Im Zahlenraum bis 5000 kennt er sich aus wie in seiner Westentasche. Mit dem Schach haben wir auch schon angefangen. Und lesen, ja lesen tut er auch sehr gerne und flüssig, der kleine Wicht. Schon seit er drei ist. Darauf haben wir ihn nämlich ein bisschen hingetrimmt. Mit kleinen Worten, die er schnell erkennt und die wichtig sind für ihn und sein kleines, junges Leben. Cola, McDonalds, Raiffesien, Volvo, Sau. Wir werden ihn jedenfalls bald einschulen. Im Gymnasium natürlich und die private Volksschule wird einfach übersprungen. Englisch kann er nämlich auch schon, weil wir ihm DVDs (Kinderserien) immer nur im Original vorspielen. Das tut auch mir gut und gibt mir die Möglichkeit in der fremden Sprache drinnen zu bleiben. Und ja, die Mirna, unsere Hausperle, redet mit ihm auch nur in ihrer Muttersprache. Irgendwas Slawisches. Es ist ein Pfingstwunder, das sich bei uns zu Hause abspielt. Feuerzungen des Spracherwerbs regnet es täglich auf uns herab. M. ist unser Augenstern, unser Sonnenschein, der – wenn er Räume betritt mit seinem gewinnbringenden Wesen – einer Epiphanie gleich, alles für sich einnimmt. Fremde aller Schichten wollen ihn – werden sie seiner ansichtig – ständig berühren. Pensionisten, Punks, erschöpfte Hackler, das ganze U-Bahn Gesocks will M. küssen, streicheln, liebkosen an ihm, an seinem Wesen, gesunden. Er überschreitet die Grenzen zur Heiligkeit. Er ist wie Jesus, wie Gott!

M. spricht viel und fragt ständig irgendwelche Sachen. Meistens schlaue Dinge. Manchmal auch Blödsinn. "Darf ich ein Eis?", zum Beispiel. Da stellt es mir fürchterlich die Haare auf. Weil: kein ganzer Satz. Modalverbkonstruktionen immer Nennform. Freilich gibt es auch hier grammatikalische Ausnahmen, aber alles muss ein bald Vierjähriger wirklich noch nicht wissen. Wo bleibt denn da die Überraschung für später? Ich insistiere dann immer mit erhobenen Zeigefinger und oberlehrerhaft, allerdings auch mit ein bisschen Augenzwinkerei: "Wie heißt das richtig?". Meistens versteht er sofort, worauf ich hinauswill, er hat ja trotz seiner vier Lenze jetzt schon unheimlich viel Humor und versteht Ironie. Das unterscheidet ihn von unserem Labrador Rocco. "Darf ich bitte ein Eis haben?", fragt er dann höflich und fordernd. Ich sag dann immer "Nein" und bleib‘ dabei. Ein Umfaller und Knieer bin ich nicht, ich bin konsequent, konsequent, konsequent noch mal. Sprachliche Prinzipien und perfekte Grammatik sind uns in der Erziehung von M. sehr wichtig. Wir sind nämlich ein etwas bildungsferner Haushalt. Meine Frau, hat nur einen Magistertitel und ich hab zwar zwei, aber eben kein Doktorat. Trotzdem will ich nicht, dass die eigene Lendenfrucht mit einem lächerlichem Satzbau daher kommt und stehe dazu, dass man den kleinen Scheißern zeigen muss, wie und was beim Babo läuft.

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