Mit Spaß zu Verständnis – Die EU spielerisch erleben

Wenn selbst in der Schule Demokratiebildung höchstens als Nebenthema abgehandelt wird, ist es kein Wunder, dass das Verständnis für komplexe demokratische Prozesse sinkt. Um jungen Menschen die Funktionsweise der Europäische Union näherzubringen, setzen einige Initiativen deshalb auf spielerische Ansätze.

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Die Würfel fallen. Acht Schritte weiter und die Spielfigur kommt auf der Kärntner Straße zum Stehen. Macht 300 Euro Miete. So viel hast du nicht? Dann heißt es wohl Geld ausborgen und auf den rettenden Wurf hoffen. Mit etwas Glück erfüllt sich für dich doch noch der goldene Traum. »Monopoly« ist wohl die zugänglichste Erklärung für die Mechanismen des Kapitalismus und eine erste Vorbereitung auf das ernste Spiel mit dem echten Geld. Gamification ist nicht nur ein Lieblingswort der 2010er-Jahre, sondern hat sich auch in unserem Alltag etabliert. In Österreich gibt es beispielsweise mit »KHG – Korrupte haben Geld« ein Brettspiel, das Fälle wie den Hypo-Alpe-Adria-Skandal spielerisch auf den Tisch bringt. Vertrauensverlust in die Mitspieler*innen inklusive. Mit diesem augenzwinkernden Ansatz lassen sich trockene Themen leichter vermitteln.

Trocken, das beschreibt auch die EU recht gut: Wenige demokratische Institutionen sind so komplex und von einer so undurchschaubaren Gemengelage geprägt – schon wegen der zahlreichen Mitgliedsstaaten. In vielen Köpfen entsteht so das Bild, dass Entscheidungen in Brüssel ohne Einbeziehung der europäischen Bevölkerung getroffen würden. Rechte Parteien sind schon lange auf diesen Zug aufgesprungen und stellen die Europäische Union nur allzu oft als Inbegriff des Bösen dar. In den letzten Jahren ist diese EU-Skepsis markant gestiegen. Laut Zahlen der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik sind mittlerweile rund 30 Prozent der Österreicher*innen für einen Austritt. 2019 waren es noch acht Prozent.

Demokratische Bildung

Doch gerade junge Europäer*innen sehen das anders. Keine Altersgruppe sonst zeigt sich so offen und positiv gestimmt gegenüber einem geeinten Europa. Obwohl die jungen EU-Fans vermehrt an die Urne gehen und von ihrem EU-Wahlrecht Gebrauch machen, tun auch sie sich schwer, den Demokratiedschungel zu durchblicken. Wer ist für was zuständig und wer verfolgt welche Interessen? Zumindest hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr vor Kurzem angekündigt, ab 2027 ein eigenes Fach zu Demokratiebildung in der Sekundarstufe I einzuführen.

Selina Schweng, EYP-Austria (Bild: privat)

Das EU-Parlament selbst setzt unter anderem auch auf niederschwelligere Zugänge, etwa mit Rollenspielen. Damit ist keine Variante von »Dungeons & Dragons« oder »World of Warcraft« gemeint, vielmehr finden in der interaktiven Dauerausstellung »Erlebnis Europa« in Wien seit 2023 täglich Demokratierollenspiele statt, die »Politik raus aus trockenen Vorträgen und rein ins echte Erleben holen« sollen, erklärt Arthur Gucci, Leiter dieser Wiener Zweigstelle des europaweiten Projekts. Das Europäische Parlament vergleicht er mit einem Stammtisch. Seine Aufgabe sieht er nicht nur darin, diesen der EU-Bevölkerung schmackhaft zu machen, sondern auch ein Gefühl zu vermitteln, wie Demokratieprozesse funktionieren. Wer bei so einem Rollenspiel mitmacht, erarbeitet als »Abgeordnete*r« Positionen zu fiktiven EU-Richtlinien. Das Planspiel sowie der Besuch im »Erlebnis Europa« sind gratis.

Spaß und Spiel

Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch die Mitglieder des Europäischen Jugendparlaments (European Youth Parliament; EYP), einer Organisation der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa. In Österreich gibt es seit 25 Jahren einen Ableger, der Jugendliche hierzulande für die EU begeistern wolle, erzählt Selina Schweng. Sie ist EYP-Austria-Vizepräsidentin und zuständig für die nationale Koordination. Die Organisation wird von EU-enthusiastischen Jugendlichen ehrenamtlich geführt und vermittelt in sogenannten Sessions ein Verständnis für parlamentarische Arbeit. Dort bilden die Teilnehmer*innen verschiedene Komitees, die sich an den unterschiedlichen Ausschüssen des Europäischen Parlaments orientieren. Das ITRE-Komitee setzt sich zum Beispiel mit dem Aspekt Industrie, Forschung und Energie auseinander. In den Komitees übernehmen die Jugendlichen die Rolle von Parlamentarier*innen und erarbeiten entsprechende inhaltliche Standpunkte. Dabei dürfen sie aber weiterhin ihre eigene Meinung vertreten. Am Ende kommen dann alle zusammen, um gemeinsam über die finalen Vorschläge zu diskutieren.

Ian E. Traussnig, MEU Vienna (Bild: Severin Weh)

Diese spielerischen Demokratiesimulationen können für Neulinge durchaus fordernd sein. Sessions sind offen für alle EYP-Mitglieder aus den 36 verschiedenen Teilorganisationen in, aber auch außerhalb der EU. Statt sich jedoch ausschließlich auf Gesetzestexte zu stürzen, liegt das Hauptaugenmerk auf Teambuilding und dem gegenseitigen Kennenlernen. Isabelle ist sechzehn Jahre alt und war schon bei dreizehn verschiedenen Sessions. Sie habe dadurch internationale Freund*innen gefunden, mit denen sie auch heute noch in Kontakt sei. Sie fühle sich, seit sie beim EYP ist, vor allem als Europäerin – und erst danach als Österreicherin.

Viele der jungen Leute beim EYP engagieren sich im Laufe ihrer Mitgliedschaft auch als Organisator*innen weiterer Sitzungen. Und das nicht nur national, sondern in ganz Europa. Für alle stehe der Spaß im Vordergrund, das Lernen passiere so nebenbei, meint Selina Schweng. Es werde zwar über politische Forderungen abgestimmt, wichtiger sei aber das kritische Hinterfragen ebendieser. Um selbst kritisch zu bleiben: Die Teilnahme an internationalen Sitzungen schreit nach der Privilegienfrage. Auf mehrtägige Sitzungen ins Ausland zu fahren, ist keine billige Angelegenheit, auch wenn die Organisation versucht, bei Bedarf finanziell unter die Arme zu greifen. In Österreich gibt es als Alternative auch Minisessions. Diese laufen meist im schulischen Rahmen ab – unkomplizierter und nicht so teuer, aber mit dem gleichen Spaßfaktor.

Die Spielregeln der EU

Für junge Erwachsene hört der Spielspaß nicht auf, aber die Regeln werden komplizierter. Die Model European Union (MEU) ist für so manche die Vorstufe zur echten EU-Politik. Letztes Jahr fand seit Längerem wieder eine MEU-Veranstaltung im Wiener Rathaus statt. Ian E. Traussnig, Politikwissenschaftsstudent, war einer der Organisator*innen und hat selbst auch schon an mehreren MEUs teilgenommen. Er ist überzeugt von der Rollenspielmethode: »Ich habe in diesen fünf Tagen bei meiner ersten Konferenz mehr über die EU gelernt als in zwei Semestern EU-Studies.«

Die Teilnehmenden übernehmen die Rollen von Parlament, Rat der Europäischen Union und Medien, die Organisation jene der Kommission. Außerdem gibt sie rechtliche Beratung, denn die Beteiligten arbeiten bei ihren Sitzungen mit echten Gesetzestexten. Traussnig lacht, als er erzählt, dass gerade bei Beschlüssen die Feinheiten der EU-Lingo zum Vorschein kämen. Zwischen »should« und »shall« würden etwa Welten liegen. Generell sei die EU voll von unausgesprochenen Regeln. Viele der Verhandlungen würden nicht auf offener Plenumsbühne passieren, sondern beim Kaffeeautomaten oder in der Mittagspause.

Am Ende der MEU wird über die diskutierten Gesetzestexte abgestimmt. Dabei sollen die Teilnehmer*innen aber nicht ihre eigenen Positionen beziehen, sondern die jener Rolle, die ihnen zugeordnet wurde. Die Finanzierung der Veranstaltungen bleibe eine Herausforderung, erzählt Traussnig. Gleichzeitig wolle man die Teilnahmegebühr nicht zu hoch ansetzen, denn schon jetzt sei eine gewisse Klientel in der Mehrheit – ähnlich wie beim EYP. Das liege aber nicht nur an Ressourcen, sondern auch am Interesse. Es gebe zwar Versuche, bildungsfernere Schichten anzusprechen, am Ende bliebe die MEU dennoch eine akademische Veranstaltung.

Ist Demokratie also nur ein privilegiertes Spiel, eine performative Machtbalance? Weltpolitisch steht die EU heute unter gewaltigem Druck und die alten Spielregeln werden von autoritären Machthaber*innen ausgehebelt. Diese Änderungen bahnen sich ausgehend vom Silicon Valley vermehrt auch virtuell an.

Bernhard Zeilinger, FH des BFI Wien (Bild: Peter Wolfgang Roesler)

EU Goes VR

Zumindest vorerst haben jedoch in den digitalen Räumen auch der EU positiv gesinnte Projekte Platz. Eines davon hat Bernhard Zeilinger entwickelt. Die essenziellen Bausteine der EU werden in seinem Planspiel als virtuelle Büroräume in einer 3D-Ansicht dargestellt. Zeilinger ist Professor an der FH des BFI Wien und verwendet die Software schon seit Jahren, um seinen Studierenden die EU näherzubringen. Das Wort Spiel hört er dabei allerdings ungern. Er will es mehr als Simulation verstanden wissen und der Realität möglichst nahekommen. Insofern hält er es auch für vermessen, das Ganze in nur wenigen Stunden durchführen zu wollen. Das Planspiel wird bei ihm meist am Ende einer intensiven Vorbereitung durchgeführt, in der die Studierenden sich zuvor mit den Grundprinzipien der EU auseinandergesetzt haben.

Zeilinger gehe es vor allem darum, spürbar zu machen, dass die EU keine »Blackbox« sei. Jedes Land sei in EU-Entscheidungen eingebunden und werde gehört. Deshalb auch die hohe Komplexität der Entscheidungsfindungsprozesse. Als Teil des Erasmus+-Programms kommt sein Tool europaweit zum Einsatz. Eine Adaptierung für Schüler*innen sei ebenfalls geplant. Im Gegensatz zu den Offline-Pendants bleibt jedoch fraglich, inwieweit die virtuelle Simulation Spaß und Freund*innenschaften generiert. Ob physisch oder digital: Im Spiel werden die komplexen Regeln der Europäischen Union verständlicher. Dabei bleibt aber zu bedenken, dass auch eine noch so realistische Simulation eine gelebte Demokratie niemals vollkommen wiedergeben kann. Denn statt Sieg oder Niederlage sollte dort immer der Kompromiss zählen. Und am Ende muss bei allem Spaß klar sein: Die Würfel fallen nicht im (simulierten) Brüssel, sondern in der Wahlkabine.

Weitere Informationen sowie eine Möglichkeit zum Beitritt zum Europäischen Jugendparlament gibt es hier. »Erlebnis Europa« in der Rotenturmstraße 19 im ersten Wiener Gemeindebezirk hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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