Musikalisch-literarische Asientour, Teil 7: Taipeh

Autor und Musiker Elias Hirschl begibt sich gemeinsam mit dem Musiker Jimmy Brainless auf eine literarische und musikalische Asientour. Was dort passiert, erzählen sie in ihrem Blog. Hier der siebte Eintrag: Über Konaktlinsen, Dirndln und Zensur bei Radio Taiwan.

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10. Mai Taipeh: Eine Aneinanderreihung

Wir steigen aus dem Bus und fahren direkt zum Europe Fair 2017 in Taipeh. May Jam liegt uns noch im Nacken, wir schlürfen zur Bühne und werden von einer Moderatorin mit superbunten Augen empfangen. Ich will’s auf den Schlafmangel schieben, Elias sieht es aber auch. Wir einigen uns auf Kontaktlinsen und haben ein wenig Angst vor dieser Frau. Obwohl sie fürsorglich ist und uns Süßigkeiten gibt.

Wir melden uns beim Stand der österreichischen Vertretung, im Zelt besteht die Möglichkeit, Dirndln anzuprobieren. Wir verzichten beide darauf. Während wir aber dort mit Angestellten plaudern, bemerke ich: Taiwanesische Frauen im Dirndl sind ganz schön hui. Endlich habe ich auch einen Nischenfetisch. Zählt das eh?

Frühmorgens an der SanChong Highschool. Wir stehen in einer Klasse und machen unser Programm. Ich kann mich nicht konzentrieren, die Augen der Hospitantin leuchten dämonisch und unglaubwürdig farbenfroh. Auf ihrer Kappe steht „sexual fantasies“. Ich fürchte mich ein wenig vor ihr und stelle sie mir im Dirndl vor. Hilft nichts. Elias meint danach, dass er recherchiert habe, diese Teile heißen Circle Lenses und seien ein „Asiatischer Kontaktlinsentrend für besondere Augenblicke“. Ein Mädchen namens Charlotte meint nach unserem Auftritt, dass sie sich nun sicher ist, dass sie Germanistik studieren will – yieppieh, mission accomplished. Die armen Eltern.

Bei Radio Taiwan International: Es ist Winter im Studio. Man stellt uns Fragen, wir antworten, fallen uns gegenseitig ins Wort, weil unartig erzogen und beide mit Aufmerksamkeitsdefizit. Am Ende der Show sagt uns die Moderatorin, dass sie Elias Beitrag zensieren muss. Vermutlich stecken zu viele Wahrheiten über Adam drinnen. Vermutlich muss Adams Knackarsch dran glauben und dass er es hart anal mag wahrscheinlich auch. Armer Adam. In China wurde er nicht zensiert. Just sayin‘.[1]

In der MRT sitzt ein älteres Ehepaar, beide wirken irrsinnig müde. Abwechselnd stützen sie ihren Kopf auf dem Griff eines auf der Zwinge stehenden Regenschirmes ab und nicken für wenige Stationen ein. Dann darf der/die andere wieder. Ein wenig berührt mich diese Situation. Dann versuche ich die zwei in Tracht zu stecken. Sie steigen aus bevor ich mit der Schnürung fertig bin.

Wir sitzen im Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft, neben uns eine ältere Dame mit einem Brief vor sich am Glastisch liegend. Sie schreit: „Du denkst, du hast gewonnen, dabei haben wir alle verloren, du Idiot!“ Sie beginnt mit ihrer Faust auf den Glastisch einzuschlagen.

Auf dem Weg zur Fu-Jen-Universität spricht mich ein Mann auf Englisch an: „Woher kommst du? Was machst du hier? Wie alt bist du? Bist du schwul?“

Kurze Pause.

„Ich dachte nur, weil du so reine Haut hast und gepflegt wirkst.“

„Oh.“

Weil man nie früh genug am Flughafen sein kann, gehen wir mehr als früh genug los. Zwei Minuten später bleiben wir im Lift stecken, irgendwo zwischen 10. und 19. Stock. Als wir schließlich im Bus sitzen, fährt er im Rückwärtsgang aus dem Busbahnhof, es tönt kurz eine bassige Hupe, die eigentlich viel mehr an den gewaltigen Sound eines Schiffshorns erinnert, dann fährt unser Bus auf einen Bus hinter sich auf. Erst will der Busfahrer diesen kleinen Unfall ignorieren und fährt zur nächsten Ampel, doch ein Passagier empört sich. Als die Ampel grün wird, steigt der Busfahrer dann doch aus und geht widerwillig zurück, um den verursachten Schaden zu begutachten – der empörte Passagier ist währenddessen auch ausgestiegen und raucht eine Zigarette. Er wirkt sehr, sehr glücklich.

Pünktlich am Flughafen. Alles verläuft reibungslos. Check-In ist innerhalb von 5 Minuten erledigt. Das Gepäck geht problemlos durch den X-Ray. Während Elias noch schnell auf Toilette ist, gebe ich dem Beamten bei der Passkontrolle ein paar hundert Taiwan Dollar, damit er den Europäer, der gleich kommen wird, mit Johnny Depp anspricht.

Elias und ich beschließen unsere gemeinsame Asientour mit wenigen Worten und einer kurzen Umarmung. Wir sind beide unglaublich müde. Als er zum Boarding-Bereich geht, kann ich es nicht unterdrücken mich noch einmal umzudrehen. Als ob er es geahnt hätte, sehe ich, wie Elias seine rechte Hand über den Kopf hebt und lässig einer unsichtbaren Menge hinter sich zuwinkt. Dann verschwindet er hinter der Sicherheitskontrolle. Eine Katze miaut erleichtert.

PS: Ich stehe vor dem Spiegel und suche nach Hautunreinheiten. Finde ausreichend. Uff. Kurz war ich verunsichert gewesen.

[1] Tatsächlich geht es darum, dass laut Sender-Auflagen alle Inhalte als jugendfrei durchgehen müssen. Ich bin gespannt, ob die ganzen homoerotischen Anspielungen verschwinden werden oder wirklich nur die „harten Wörter“.

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