Zu großen Teilen wird die Musik, die wir hören, ohne menschliches Zutun von undurchsichtigen Algorithmen für uns ausgewählt. Doch es formiert sich auch Widerstand gegen diesen Umstand. Wie kann menschliche Kuration im Zeitalter der KI-geleiteten Optimierung funktionieren?

Scheinbar alles wird heute durch Algorithmen für jeden Einzelnen von uns personalisiert, auch die Musik. Begibt man sich aktuell auf eine der großen Streamingplattformen, werden dort Playlists für jede Tages- und Nachtzeit, für jede Gelegenheit, jedes Genre angeboten. Früher hörte man lineare Programme im Radio, die von Menschen kuratiert wurden. Oder man kaufte sich einen physischen Tonträger, der von Freund*innen, von Kritiker*innen oder von Musikhändler*innen empfohlen wurde. In all diesen Fällen, wussten wir, woher diese Empfehlung kam, und vielleicht sogar, wieso genau diese Musik so hörenswert sei.
Heute ist diese Form der Selektion eher eine Seltenheit geworden. Die Playlisten der Streamingdienste, bei denen viele Menschen ihr musikalisches Grundbedürfnis stillen, werden automatisch auf Basis des Hörverhaltens der Nutzer*innen, generiert. »Streaming erzeugt keinen einheitlichen Geschmack, sondern verändert, wie sich dieser ausdrückt«, erklärt Marc Brooks, Dozent für Musikwissenschaft an der Universität Wien. »Immer mehr Aspekte des Hörverhaltens werden messbar gemacht und fließen in Empfehlungssysteme ein.« Die Algorithmen werten unsere Daten aus und liefern uns quasi nur unser Spiegelbild. So hat man das Gefühl, diese Playlists würden jeweils individuell erstellt, auch wenn sie im Grunde immer nur abwandeln, was Hörer*innen mit ähnlichem Geschmack gerne hören. An die Stelle des einzelnen Menschen tritt ein Mittelwert.
Angesichts dieser tiefgreifenden Veränderung stellt sich die Frage: Wie wichtig ist menschliche Kuration heute noch? Wie wirkt sich der Aufstieg der KI auf Booker*innen, Redakteur*innen und Playlistenersteller*innen aus? Und wie kann eine mögliche Gegenbewegung aussehen?
Kuration als Skill
Kuration ist nicht nur die Entscheidung, welche Songs gehört werden, sondern auch ein Skill. Um diesen zu beherrschen, muss man viele, viele Acts anhören, Augen wie Ohren offenhalten und manchmal auch etwas über die eigentliche Musik hinausblicken – obwohl diese natürlich weiterhin im Mittelpunkt stehen sollte. Giovanna Fartacek, Co-Festivalleiterin von Waves Vienna, meint dazu: »Für uns als Festival ist es wichtig, eine künstlerische Idee zu entwickeln und diese vermitteln zu können. Oft ist dabei nicht unbedingt interessant, was gerade gefragt ist, sondern wer eine eigene Handschrift hat.« Beim Booking lege sie deshalb besonderen Wert darauf, anhand der Bewerbung für einen Slot ein möglichst umfassendes Bild der Artists zu erhalten: »Wir wollen das Gefühl bekommen, dass die Acts aktiv an ihrer Karriere arbeiten und dass eine gewisse Dynamik in ihrer Entwicklung spürbar ist.«

Die Auswahl eines Festivals wie Waves Vienna ist das Resultat der Arbeit der Kurator*innen, die sich an musikalischer Innovation, den Details des Projekts, aber auch an Branchenstrukturen orientieren: »Natürlich hört man ganz viel Musik und recherchiert, um neue Acts zu entdecken, gleichzeitig muss man aber auch mit Labels, Managements, Agenturen, Künstler*innen und anderen Festivals im Austausch sein«, erläutert Fartacek. Kuration müsse dabei oft unabhängig vom persönlichen Geschmack funktionieren: »Mein Kollege Stefan Weinöhrl (mitverantwortlich fürs Booking bei Waves Vienna; Anm.) nutzt etwa sein Know-how als DJ und Musikkenner, um einzuschätzen, wie sich bestimmte Karrieren entwickeln könnten. Es geht also nicht nur um einen guten Geschmack, sondern darum, verschiedene Erfahrungen zusammenzubringen.« Auf diese Weise versucht Waves Vienna, dem Publikum eine breite Auswahl an vielversprechenden Acts zu liefern und gleichzeitig jenen Künstler*innen, die bereit dafür sind, ein Sprungbrett zu bieten.
Kunst und Profit
Wo ein Festival wie Waves Vienna noch voll auf händische Auswahl setzen kann, ist eine solche bei Streamingplattformen eher rar. Wenn in der Chefetage angenommen wird, dass ein automatisch arbeitendes Programm effizienter darin sei, Empfehlungen für die Hörer*innen zu generieren, dann scheint dessen Einsatz nur logisch. Selbst nischigere Unternehmen wie der französische Musikstreamingdienst Qobuz, der ursprünglich vor allem auf die audiophile Ecke spezialisiert war, setzen deshalb zunehmend auf Automatisierung. Mareile Heineke, bei Qobuz für den DACH-Raum zuständig, erklärt das so: »Wir hatten eigentlich immer nur menschliche Kuration und haben erst vor zwei Jahren zusätzlich Algorithmen eingebaut, sodass Nutzer*innen nun die Wahl haben.« Diese würden sich im Algorithmus einfach wohlfühlen, so Heineke. »Man kann morgens Musik anmachen und hört dann den ganzen Tag über, was einem wahrscheinlich gefällt.«
Doch wo sich Industriegiganten wie Spotify ganz der algorithmischen Optimierungsmaxime verschrieben haben, setzt Qobuz bewusst auch auf Ecken und Kanten: »Wir möchten, dass man von Musik auch irritiert wird«, so Heineke. »Man soll aufmerksam werden und sich fragen, was das ist. Es geht darum, aus der Komfortzone rauszugehen, um Neues zu entdecken.« Darin zeigt sich ein grundsätzlich anderes Musikverständnis im Vergleich zu Spotify und Co, eines, das nicht nur auf angepasste Hintergrundbeschallung ausgelegt ist.

Qobuz ist mit diesem Konzept seit einigen Jahren am aufsteigenden Ast. Das schlägt sich laut der Regionsverantwortlichen durchaus auch im Hörer*innenverhalten nieder, etwa mit unerwarteten Chartplatzierungen: »Da landen dann teilweise Alben von Artists, die wirklich keine großen Namen sind, bei uns auf Platz eins, nachdem sie zum Beispiel ›Album der Woche‹ waren. Es gibt auch eine Auszeichnung für Debütalben, die damit direkt in unsere Charts kommen.« Qobuz hebt hiermit explizit hörenswerte Kunst hervor, die sonst vielleicht überhaupt nicht wahrgenommen werden würde. So wird die Geschmackspalette erweitert und den Hörer*innen ein Gegenpol zu KI-beeinflussten Charts geboten.
Wer kuratiert?
Um für diese Empfehlungen im ewigen Sog der Releaseflut die Übersicht zu bewahren, nutzt man bei Qobuz ein großes Netzwerk an Musikkenner*innen, die für verschiedene Sparten Expertise liefern: »Wir haben Genrespezialist*innen aus verschiedenen Altersstufen, natürlich auch länderübergreifend. Unser Headquarter ist in Paris und dadurch sind wir im französischen Bereich am stärksten aufgestellt, aber wir haben zusätzlich in einzelnen Ländern und Regionen noch weitere interne sowie externe Journalist*innen, die dort für uns Trends ausfindig machen.«
Nicht nur für Streamingplattformen, sondern auch für Radiosender gilt es, konstant am Puls der Zeit zu bleiben. Aber auch Evergreens dürfen im Sendeplan nicht fehlen, die Brüche zwischen Themen und Genres sollten nicht zu extrem sein und zu guter Letzt muss in diesem Mix natürlich das jeweilige Senderkonzept erkennbar bleiben. Angesichts solch komplexer Vorgaben mag es schon mal verlockend sein, mithilfe der KI den scheinbar einfachen Weg zu suchen. Umso schöner, dass gerade in linearen Medien, menschliche Kuration meist noch großgeschrieben wird. Julian Zeh vom deutschen Sender Ego FM beschreibt den Grund dafür so: »Ich habe das Gefühl, dass Musik mehr Momentum generiert, wenn sie von Menschen ausgesucht worden ist. Wenn ein Song nicht von Statistiken und Mathematik, sondern von Personen empfohlen wird, kann eine bestimmte Stimmung besser eingefangen werden.« Auch für die Künstler*innen könne es in gewisser Weise eine Auszeichnung sein, bewusst von den Redakteur*innen entdeckt und hervorgehoben zu werden. Wahrscheinlich hinterlasse das ein anderes Gefühl bei ihnen, so Zeh.
Gatekeeper*innen
Radiostationen – aber natürlich auch Fernsehsender wie MTV – waren früher vielfach die Gatekeeper*innen, die entschieden, was gehört werden und was mitunter gar nicht bis zu den Konsument*innen durchdringen konnte. Heute haben wir nahezu unbegrenzten Zugang zu Musik, wir müssen uns deshalb aber auch durch einen schier unendlichen Strom kämpfen. Die breite Verfügbarkeit ist also Fluch und Segen zugleich. Statt einer zugänglichen Oberfläche und einem Untergrund zum Durchwühlen, haben wir heute eine Oberfläche, die uns als besonders tiefgründig verkauft wird, und der Untergrund bleibt für die meisten Hörer*innen unerreichbar. Überdies war es noch nie so einfach wie heute, eigene Musik zu veröffentlichen – und gleichzeitig noch nie so schwer. Auf Spotify werden laut einem Bericht des Branchenbeobachters Luminate über 100.000 Tracks pro Tag veröffentlicht. Die Plattform selbst gibt an, mittlerweile über hundert Millionen Tracks im Angebot zu haben. Doch fast neunzig Prozent davon würden im Verlauf eines Jahres nicht einmal tausend Aufrufe erreichen, heißt es seitens Luminate.

Algorithmen bieten nur einen trügerischen Weg, um Ordnung in diese unüberschaubare Masse zu bekommen. Wenn sie die Tore zur Musik bewachen, wird es immer schwerer, Einlass zu erhalten, denn Algorithmen sind Gewohnheitstiere. Sie folgen strikt ihren Programmierungen, werden mit etablierten Werten gefüttert und reproduzieren verlässlich die immer gleichen Ergebnisse. Ohne entsprechende Anweisung kann keine KI aus diesen vorgegebenen Mustern ausbrechen. Doch wie genau diese Muster aussehen, wissen höchstens die Plattformen selbst – sowohl für Künstler*innen als auch für Hörer*innen sind die Algorithmen eine Blackbox.
»Selektion ist unausweichlich. Es stellt sich eher die Frage, wer die Gatekeeper*innen sind, wie transparent und mit welchen Kriterien ausgewählt wird und welche Alternativen für Hörende existieren«, erläutert Musikwissenschaftler Marc Brooks. Deswegen vermutet er, dass Menschen zukünftig höchstwahrscheinlich weiter oben in der Auswahlnahrungskette stehen und einen direkteren Einfluss auf die Personalisierung der Algorithmen haben dürften.
Auch bei Waves Vienna macht man sich Gedanken über die eigene Funktion als Gatekeeper*innen. Giovanna Fartacek: »Wir verstehen uns nicht als ›Torwächter*innen‹, die entscheiden, was gut und was schlecht ist. Unser Anspruch ist vielmehr, verschiedene Stimmen abzubilden und unsere Rolle so zu nützen, dass Künstler*innen miteinander vernetzt werden. Deshalb überlegen wir sehr genau, was wir dem Publikum zeigen möchten.« Insofern steht beim Wiener Showcase-Festival nicht nur die Auswahl hörenswerter Acts im Mittelpunkt, sondern auch eine mittelfristige Perspektive, um diesen Acts die Erschließung eines neuen Publikums und eines größeren Netzwerks in der Musikbranche zu ermöglichen.
Hyperindividualismus
Ein Grundproblem bleibt allerdings ungelöst: Wer in den letzten Jahren irgendwann ein Gespräch mit Freund*innen über den neuen Lieblingssong führen wollte, den der Anbieter des Vertrauens ständig vorschlägt, wird vielleicht bemerkt haben, dass niemand sonst in der Runde vom fraglichen Titel gehört hat. Unsere For-You-Pages haben nämlich mit Ausnahme des Layouts oft wenig miteinander zu tun. Die digitale Welt ist hochindividualisiert, egal ob Werbung, Tiktok-Feed oder eben die Musik, die wir hören. Während früher durch gemeinsames Erleben eine Form kultureller Gemeinschaft geschaffen wurde, gibt es das heute nur mehr in deutlich kleineren Echokammern.
Mareile Heineke nimmt ebenfalls ein Schwinden des Gemeinschaftserlebnisses wahr: »Wir können uns nicht mehr über dieselben Sachen austauschen. Der Communitygedanke fällt weg.« Als Hörer*innen akzeptieren wir diese Entwicklung allzu oft unhinterfragt. Das beobachtet auch Marc Brooks: »Durch so eine Vorselektion muss weniger Energie in die eigene Auswahl gesteckt werden.« Das sei aber noch lange kein klares Bekenntnis der Nutzer*innen zu künstlicher Intelligenz, so der Dozent. »Es scheint sich vielmehr ein hybrider Auswahlprozess in Verbindung mit weitreichender Personalisierung durchzusetzen.«
Während auf den marktbeherrschenden Streamingplattformen Algorithmen und KI-Auswahl Standard sind, scheint es auch eine Gegenbewegung zu geben: Hörer*innen wie Künstler*innen sehnen sich nach von Menschen ausgewählter Kunst, sie wollen Empfehlungen von Liedern, die jemanden berührt haben, nicht nur von solchen, die gut in ein bestimmtes Hörprofil passen. Radioprogramme, explizit von Menschen erstellte Playlists oder auch Festival-Line-ups sorgen dafür, dass neue Musik nicht im Fleischwolf der Algorithmen verendet. Ähnlich der Theorie, dass ein einmal etabliertes Medium nie wieder völlig verschwindet, scheint auch die menschliche Kuration im Zeitalter der KI nicht gänzlich unterzugehen. Ein Teil der Musikliebhaber*innen sucht gerade jetzt nach handverlesenen Empfehlungen. Und solange es bei Musik um menschliche Emotionen geht, wird diese Nachfrage auch bestehen bleiben.
Im Rahmen der Waves Vienna Conference findet am 1. Oktober 2026 um 13 Uhr in der Albert Hall ein Panel zum Thema »Human Curation in the Age of Algorithms: Why Radio Still Matters« statt.