Für dich erstellt – Musikkuration zwischen Mensch und Maschine

Zu großen Teilen wird die Musik, die wir hören, ohne menschliches Zutun von un­durch­sichtigen Algorithmen für uns ausgewählt. Doch es formiert sich auch Widerstand gegen diesen Umstand. Wie kann menschliche Kuration im Zeitalter der KI-geleiteten Optimierung funktionieren?

© Adobe Stock × Bernhard Frena

Scheinbar alles wird heute durch Algorithmen für jeden Einzelnen von uns personalisiert, auch die Musik. Begibt man sich aktuell auf eine der großen Streaming­plattformen, werden dort Playlists für jede Tages- und Nachtzeit, für jede Gelegenheit, jedes Genre angeboten. Früher hörte man lineare Programme im Radio, die von Menschen kuratiert wurden. Oder man kaufte sich einen physischen Tonträger, der von Freund*innen, von Kritiker*innen oder von Musik­händler*innen empfohlen wurde. In all diesen Fällen, wussten wir, woher diese Empfehlung kam, und viel­leicht sogar, wieso genau diese Musik so hörens­wert sei.

Heute ist diese Form der Selektion eher eine Seltenheit geworden. Die Play­listen der Streaming­dienste, bei denen viele Menschen ihr musikalisches Grundbedürfnis stillen, werden auto­matisch auf Basis des Hörverhaltens der Nutzer*innen, generiert. »Streaming erzeugt keinen einheitlichen Geschmack, sondern verändert, wie sich dieser ausdrückt«, erklärt Marc Brooks, Dozent für Musik­wissenschaft an der Uni­versität Wien. »Immer mehr Aspekte des Hör­verhaltens werden messbar gemacht und fließen in Empfehlungs­systeme ein.« Die Algo­rithmen werten unsere Daten aus und liefern uns quasi nur unser Spiegelbild. So hat man das Gefühl, diese Play­lists würden jeweils individuell erstellt, auch wenn sie im Grunde immer nur abwandeln, was Hörer*innen mit ähnlichem Geschmack gerne hören. An die Stelle des einzelnen Menschen tritt ein Mittelwert.

Angesichts dieser tiefgreifenden Veränderung stellt sich die Frage: Wie wichtig ist menschliche Kuration heute noch? Wie wirkt sich der Aufstieg der KI auf Booker*innen, Redakteur*innen und Playlisten­ersteller*innen aus? Und wie kann eine mögliche Gegen­bewegung aussehen?

Kuration als Skill

Kuration ist nicht nur die Entscheidung, welche Songs gehört werden, sondern auch ein Skill. Um diesen zu beherrschen, muss man viele, viele Acts anhören, Augen wie Ohren offenhalten und manchmal auch etwas über die eigentliche Musik hinaus­blicken – obwohl diese natürlich weiterhin im Mittel­punkt stehen sollte. Giovanna Fartacek, Co-Festivalleiterin von Waves Vienna, meint dazu: »Für uns als Festival ist es wichtig, eine künst­lerische Idee zu entwickeln und diese vermitteln zu können. Oft ist dabei nicht unbedingt interessant, was gerade gefragt ist, sondern wer eine eigene Hand­schrift hat.« Beim Booking lege sie deshalb besonderen Wert darauf, anhand der Bewerbung für einen Slot ein möglichst umfassendes Bild der Artists zu erhalten: »Wir wollen das Gefühl bekommen, dass die Acts aktiv an ihrer Karriere arbeiten und dass eine gewisse Dynamik in ihrer Entwicklung spür­bar ist.«

Giovanna Fartacek, Waves Vienna (Bild: Paul Vincenth Schütz)

Die Auswahl eines Festivals wie Waves Vienna ist das Resultat der Arbeit der Kurator*innen, die sich an musikalischer Innovation, den Details des Projekts, aber auch an Branchen­strukturen orientieren: »Natürlich hört man ganz viel Musik und recherchiert, um neue Acts zu entdecken, gleichzeitig muss man aber auch mit Labels, Managements, Agenturen, Künstler*innen und anderen Festivals im Aus­tausch sein«, erläutert Fartacek. Kuration müsse dabei oft unabhängig vom persönlichen Geschmack funktionieren: »Mein Kollege Stefan Weinöhrl (mit­verant­wort­lich fürs Booking bei Waves Vienna; Anm.) nutzt etwa sein Know-how als DJ und Musikkenner, um einzuschätzen, wie sich bestimmte Karrieren entwickeln könnten. Es geht also nicht nur um einen guten Geschmack, sondern darum, verschiedene Erfahrungen zusammen­zubringen.« Auf diese Weise versucht Waves Vienna, dem Publikum eine breite Auswahl an viel­versprechenden Acts zu liefern und gleich­zeitig jenen Künstler*innen, die bereit dafür sind, ein Sprungbrett zu bieten.

Kunst und Profit

Wo ein Festival wie Waves Vienna noch voll auf händische Auswahl setzen kann, ist eine solche bei Streaming­plattformen eher rar. Wenn in der Chefetage angenommen wird, dass ein automatisch arbeitendes Programm effizienter darin sei, Empfehlungen für die Hörer*innen zu generieren, dann scheint dessen Einsatz nur logisch. Selbst nischigere Unter­nehmen wie der französische Musik­streaming­dienst Qobuz, der ur­sprünglich vor allem auf die audiophile Ecke spezia­lisiert war, setzen deshalb zunehmend auf Auto­matisierung. Mareile Heineke, bei Qobuz für den DACH-Raum zuständig, erklärt das so: »Wir hatten eigentlich immer nur menschliche Kuration und haben erst vor zwei Jahren zusätzlich Algorithmen eingebaut, sodass Nutzer*innen nun die Wahl haben.« Diese würden sich im Algorithmus einfach wohlfühlen, so Heineke. »Man kann morgens Musik anmachen und hört dann den ganzen Tag über, was einem wahrscheinlich gefällt.«

Doch wo sich Industriegiganten wie Spotify ganz der algo­rithmischen Optimierungs­maxime verschrieben haben, setzt Qobuz bewusst auch auf Ecken und Kanten: »Wir möchten, dass man von Musik auch irritiert wird«, so Heineke. »Man soll aufmerksam werden und sich fragen, was das ist. Es geht darum, aus der Komfortzone raus­zugehen, um Neues zu entdecken.« Darin zeigt sich ein grundsätzlich anderes Musik­verständnis im Vergleich zu Spotify und Co, eines, das nicht nur auf angepasste Hinter­grund­beschallung aus­ge­legt ist.

Mareile Heineke, Qobuz (Bild: Olympe Studio)

Qobuz ist mit diesem Konzept seit einigen Jahren am auf­steigenden Ast. Das schlägt sich laut der Regions­verantwortlichen durchaus auch im Hörer*innen­verhalten nieder, etwa mit unerwarteten Chart­platzierungen: »Da landen dann teilweise Alben von Artists, die wirk­lich keine großen Namen sind, bei uns auf Platz eins, nachdem sie zum Beispiel ›Album der Woche‹ waren. Es gibt auch eine Auszeichnung für Debütalben, die damit direkt in unsere Charts kommen.« Qobuz hebt hiermit explizit hörens­werte Kunst hervor, die sonst vielleicht überhaupt nicht wahr­genommen werden würde. So wird die Geschmacks­palette erweitert und den Hörer*innen ein Gegenpol zu KI-beeinflussten Charts geboten.

Wer kuratiert?

Um für diese Empfehlungen im ewigen Sog der Release­flut die Übersicht zu bewahren, nutzt man bei Qobuz ein großes Netzwerk an Musik­kenner*innen, die für verschiedene Sparten Expertise liefern: »Wir haben Genre­spezialist*innen aus ver­schiedenen Alters­stufen, natürlich auch länder­über­greifend. Unser Head­quarter ist in Paris und dadurch sind wir im französischen Bereich am stärksten aufgestellt, aber wir haben zusätzlich in einzelnen Ländern und Regionen noch weitere interne sowie externe Journalist*innen, die dort für uns Trends aus­findig machen.«

Nicht nur für Streaming­plattformen, sondern auch für Radio­sender gilt es, konstant am Puls der Zeit zu bleiben. Aber auch Evergreens dürfen im Sendeplan nicht fehlen, die Brüche zwischen Themen und Genres sollten nicht zu extrem sein und zu guter Letzt muss in diesem Mix natürlich das jeweilige Sender­konzept erkennbar bleiben. Angesichts solch komplexer Vorgaben mag es schon mal verlockend sein, mithilfe der KI den scheinbar einfachen Weg zu suchen. Umso schöner, dass gerade in linearen Medien, menschliche Kuration meist noch groß­geschrieben wird. Julian Zeh vom deutschen Sender Ego FM beschreibt den Grund dafür so: »Ich habe das Gefühl, dass Musik mehr Momentum generiert, wenn sie von Menschen ausgesucht worden ist. Wenn ein Song nicht von Statistiken und Mathematik, sondern von Personen empfohlen wird, kann eine bestimmte Stimmung besser eingefangen werden.« Auch für die Künstler*innen könne es in gewisser Weise eine Auszeichnung sein, bewusst von den Redakteur*innen entdeckt und hervor­gehoben zu werden. Wahrscheinlich hinterlasse das ein anderes Gefühl bei ihnen, so Zeh.

Gatekeeper*innen

Radiostationen – aber natürlich auch Fernseh­sender wie MTV – waren früher vielfach die Gate­keeper*innen, die ent­schieden, was ge­hört werden und was mitunter gar nicht bis zu den Konsument*innen durch­dringen konnte. Heute haben wir nahezu unbegrenzten Zugang zu Musik, wir müssen uns deshalb aber auch durch einen schier unendlichen Strom kämpfen. Die breite Verfügbar­keit ist also Fluch und Segen zugleich. Statt einer zugänglichen Oberfläche und einem Untergrund zum Durchwühlen, haben wir heute eine Oberfläche, die uns als besonders tiefgründig verkauft wird, und der Untergrund bleibt für die meisten Hörer*innen unerreichbar. Überdies war es noch nie so einfach wie heute, eigene Musik zu veröffentlichen – und gleich­zeitig noch nie so schwer. Auf Spotify werden laut einem Bericht des Branchen­beobachters Luminate über 100.000 Tracks pro Tag veröffentlicht. Die Plattform selbst gibt an, mittler­weile über hundert Millionen Tracks im Angebot zu haben. Doch fast neunzig Prozent davon würden im Verlauf eines Jahres nicht einmal tausend Aufrufe erreichen, heißt es seitens Luminate.

Julian Zeh, Ego FM (Bild: Marlen Piazza)

Algorithmen bieten nur einen trügerischen Weg, um Ordnung in diese unüber­schau­bare Masse zu bekommen. Wenn sie die Tore zur Musik bewachen, wird es immer schwerer, Einlass zu erhalten, denn Algorithmen sind Gewohn­heitstiere. Sie folgen strikt ihren Programmierungen, werden mit etablierten Werten gefüttert und reproduzieren verlässlich die immer gleichen Ergebnisse. Ohne ent­sprechende Anweisung kann keine KI aus diesen vorgegebenen Mustern ausbrechen. Doch wie genau diese Muster aussehen, wissen höchstens die Plattformen selbst – sowohl für Künstler*innen als auch für Hörer*innen sind die Algorithmen eine Blackbox.

»Selektion ist unausweichlich. Es stellt sich eher die Frage, wer die Gatekeeper*innen sind, wie trans­parent und mit welchen Kriterien ausgewählt wird und welche Alternativen für Hörende existieren«, erläutert Musik­wissen­schaftler Marc Brooks. Deswegen vermutet er, dass Menschen zukünftig höchst­wahrscheinlich weiter oben in der Auswahl­nahrungs­kette stehen und einen direkteren Einfluss auf die Personalisierung der Algorithmen haben dürften.

Auch bei Waves Vienna macht man sich Gedanken über die eigene Funktion als Gate­keeper*innen. Giovanna Fartacek: »Wir ver­stehen uns nicht als ›Tor­wächter*innen‹, die entscheiden, was gut und was schlecht ist. Unser An­spruch ist vielmehr, verschiedene Stimmen abzubilden und unsere Rolle so zu nützen, dass Künst­ler*innen miteinander vernetzt werden. Deshalb überlegen wir sehr genau, was wir dem Publikum zeigen möchten.« Insofern steht beim Wiener Showcase-Festival nicht nur die Auswahl hörenswerter Acts im Mittelpunkt, sondern auch eine mittel­fristige Perspektive, um diesen Acts die Erschließung eines neuen Publikums und eines größeren Netzwerks in der Musikbranche zu ermöglichen.

Hyperindividualismus

Ein Grundproblem bleibt allerdings ungelöst: Wer in den letzten Jahren irgendwann ein Gespräch mit Freund*innen über den neuen Lieblings­song führen wollte, den der Anbieter des Vertrauens ständig vorschlägt, wird viel­leicht bemerkt haben, dass nie­mand sonst in der Runde vom fraglichen Titel ge­hört hat. Unsere For-You-Pages haben nämlich mit Ausnahme des Layouts oft wenig miteinander zu tun. Die digi­tale Welt ist hoch­individualisiert, egal ob Werbung, Tiktok-Feed oder eben die Musik, die wir hören. Während früher durch gemeinsames Erleben eine Form kultureller Gemeinschaft geschaffen wurde, gibt es das heute nur mehr in deutlich kleineren Echokammern.

Mareile Heineke nimmt ebenfalls ein Schwinden des Gemeinschafts­erlebnisses wahr: »Wir können uns nicht mehr über dieselben Sachen austauschen. Der Community­gedanke fällt weg.« Als Hörer*innen akzeptieren wir diese Entwicklung allzu oft unhinterfragt. Das beob­achtet auch Marc Brooks: »Durch so eine Vor­selektion muss weniger Energie in die eigene Auswahl gesteckt werden.« Das sei aber noch lange kein klares Bekenntnis der Nutzer*innen zu künstlicher Intelligenz, so der Dozent. »Es scheint sich vielmehr ein hybrider Auswahl­prozess in Verbindung mit weit­reichender Personalisierung durchzusetzen.«

Während auf den marktbeherrschenden Streaming­plattformen Algorithmen und KI-Auswahl Standard sind, scheint es auch eine Gegen­bewegung zu geben: Hörer*innen wie Künstler*innen sehnen sich nach von Menschen ausgewählter Kunst, sie wollen Empfehlungen von Liedern, die je­manden berührt haben, nicht nur von solchen, die gut in ein bestimmtes Hörprofil passen. Radioprogramme, explizit von Menschen erstellte Playlists oder auch Festival-Line-ups sorgen dafür, dass neue Musik nicht im Fleischwolf der Algorithmen verendet. Ähnlich der Theorie, dass ein einmal etabliertes Medium nie wieder völlig verschwindet, scheint auch die menschliche Kuration im Zeitalter der KI nicht gänzlich unterzugehen. Ein Teil der Musik­liebhaber*innen sucht gerade jetzt nach hand­verlesenen Empfehlungen. Und so­lange es bei Musik um menschliche Emotionen geht, wird diese Nachfrage auch be­stehen bleiben.  

Im Rahmen der Waves Vienna Conference findet am 1. Oktober 2026 um 13 Uhr in der Albert Hall ein Panel zum Thema »Human Curation in the Age of Algorithms: Why Radio Still Matters« statt.

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