Purpurnes Prekariat als Normalzustand

Houston Rap ist wie Wienpop – nur mit flamboyanteren Bildern, weniger verbrämendem Geschichtsretro und viel Gegenwart in einem komplexen sozialen Mikrokosmos.

Drei junge Herren rollen tiefenentspannt durch die Houstoner Southside und erläutern seelenruhig ihren auf 84’s Felgen hin und her federnden Lebenswandel zwischen verschreibungspflichtigem Hustensaft und erotischen Schelmereien mit Konkubinen, die "ritterlichen Schutz gewähren". Es ist 2005 und der eigentlich schon 2002 aufgenommene Song "Still Tippin‘" von Mike Jones und seinen Kompagnons Slim Thug und Paul Wall geht USA-weit durch die Decke. Wieder einmal genießt H-Towns Musikszene landesweite Aufmerksamkeit.

Wieder einmal. Die Liste ähnlicher Erfolge ist lang: Von den Ghet(t)o Boys (Anmerkung: zuerst Ghetto Boys, später Geto Boys) und UGK in der Vorreiterrolle Anfang und der Erfindung des entschleunigten Chopped and Screwed-Styles durch DJ Screw Mitte der 90er, über Lil Wayne in der kurzen codeinbeinflussten Periode, als er der wohl kompletteste Rapper der Welt war und Jay Z der irgendwann das Tempo aus seinen Versen nahm, und sich damit dezidiert auf den Süden bezog, bis hin zu aktuellen Tumblr-Kids-Begeisterern wie Asap Rocky mit "Purple Swag", Shlohmo, der Chopped-and-Screwed-2pac-Edits im Boiler Room droppt und selbst Miley Cyrus die selbstbewusst "I’m in the club high off purp with some shades on" trällert.

Houston ist überall

Es ist evident – Hoston ist überall. Und trotzdem: Die übrige US-Raplandschaft schielt oft nur verächtlich auf die langsamen Kollegen aus Texas. "Weißt du wie die uns im Fernsehen aussehen lassen? Als würden wir den ganzen Tag Wassermelonen essend auf der Veranda fläzen und die Fliegen nur so um unsere fetten Wampen kreisen! Doch so sind wir nicht. Wir sind schlau, unser Leben ist einfach nur verlangsamt – so dass wir nichts verpassen", stellt Koryphäe und Geto Boys-MC Scarface einmal sichtbar erregt in einem Brief ans Ozone Magazine klar.

Eine verschmähte, doch gleichzeitig äußerst lebendige Musikszene? Grund genug für Fotograf Peter Beste und Journalist Lance Scott Walker ein Zeitdokument zu fertigen. Anfangs ging es um die lokale Musikszene, doch es wurde viel mehr daraus.

In der Community

Bei derartigen Dokumentationen besteht stets die Gefahr, dass die dargestellte Subkultur ausgebeutet und -geschlachtet wird. So äußert auch UGK-Don Bun B im Vorwort seine anfänglichen Bedenken, die sich im Laufe der Entstehung jedoch als unbegründet erwiesen. Die Autoren hätten das Werk in weitaus kürzerer Zeit schreiben können, die teils wirklich fantastischen Fotos teuer verkaufen können – doch das taten sie nicht. Ihnen ging es um die realistische, möglichst überzeugende Darstellung einer geschlossenen Community. Da die Protagonisten keine im ehemaligen Jugendzimmer auf Postern hängende Jugendvorbilder der Autoren waren, konnte den Charakteren so unvoreingenommen wie möglich begegnet und die Fanperspektive partout vermieden werden.

Auf eklektizistische Weise finden so in sich –im positiven Sinne – oft nicht stimmige, sich widersprechende Interviewcollagen zusammen und malen ein differenziertes Bild der "Third Coast". Die Anekdoten sind im texanischen Idiom gehalten, es wird geflucht und "ge-nah mean’t".

Vier neighborhoods der weitläufigen NASA-Stadt, Fifth Ward, Third Ward, South Park und Southside, werden anhand lokaler Rapkarrieren porträtiert, die oft auf das Verkaufen der eigenen Tapes aus dem Auto heraus und immer auf "Street Money" aufbau(t)en.

Purple

Der traurigste Aspekt, der während der Lektüre immer deutlicher wird, ist die äußerst prekäre Situation inmitten von Drogenmissbrauch und -handel in den Houstoner Vororten. Dem codein- und promethazinhaltigem Sprite-Mischgetränk lean, auch purple drank oder sizzurp genannt und dessen addiktiver Wirkung ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Abhängig ist nahezu jeder – ab der High School. Schon in der Elterngeneration, in den 70ern und 80ern, war die Beruhigungsdroge fester Bestandteil des örtlichen Lebens. Doch erst 1996 stellt die Texas Commission on Alcohol and Drug Abuse erstmals den Trend zum Sizzurp Sippin‘ fest. Später nannte die selbe Behörde Houston den Ground Zero für diese in den USA um sich greifende Epidemie.

Lean ist gleichermaßen Todes- und Lebenselixier der dortigen Musikszene. Obwohl die Droge für den Tod etlicher Rapper wie Pimp C und Big Moe verantwortlich ist – übermäßiger Konsum greift das zentrale Nervensystem an und führt zu Lähmungen der Herz- und Atemmuskulatur – ist sie gleichzeitig Charakteristikum für Dirty South und wird in Videos ständig in die Kamera gestreckt und gefeiert. Als DJ Screw die Idee hat, auf beiden Plattentellern denselben Track zu legen, diesen auf 60 – 75 BPM zu verlangsamen und gelegentlich zu "choppen", soll er angeblich auf Purp gewesen sein. Knappe 10 Jahre später, 2000, titeln die texanischen Lokalblätter: LOCAL RAPPER DIES FROM NEW HOUSTON EPIDEMIC. DJ Screw war im Alter von 29 Jahren, aufgrund von Herzkomplikationen – Ergebnis einer Mixtur aus Schlaftabletten und lean – verendet.

In der Hood erzählt man sich, als DJ Screw starb, weinten selbst die Gangsta.

Die gebundene Version von "Houston Rap" von Peter Beste und Lance Scott Walker ist am 30. November bei Sinecure Books erschienen, die Taschenbuchausgabe kommt am 28. Februar.

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