Slopaganda und Showkampf: In seiner aktuellen Ausstellung »Attitude Era« spürt der Kunstraum den Verbindungen zwischen Populismus, Meme-Culture und Wrestling nach.

Ein Multimilliardär mit Kettensäge, der der Demokratie den KI-Krieg erklärt, Donald Trump, der am Strand von Gaza genüsslich Cocktails schlürft, islamistische Lego-Krieger, die zum Sturm auf den US-Imperialismus blasen – ein algorithmisches Bullshit-Spektakel untergräbt seit Jahren die Autorität von Fakten und Sinn. Warum es medial so erfolgreich ist, das untersucht derzeit eine Ausstellung im Kunstraum Niederoesterreich. »Attitude Era« lautet der Titel der von Frederike Sperling und Pia Wamsler kokuratierten Schau – eine Anspielung auf die gleichnamigen Boomjahre der US-Wrestling-Industrie um 2000.
Für die Publizistin Abraham Josephine Riesman steht diese Phase exemplarisch für einen fundamentalen Wandel in der Struktur von Öffentlichkeit, Entertainment und Politik. In ihrem Buch »Ringmaster« (2023) über den Wrestling-Tycoon (und Trump-Intimus) Vince MacMahon argumentiert Riesman, dass in den Showkämpfen der Jahrtausendwende der Grundstein für das gelegt wurde, was wir heute »post-truth« nennen. Wie im Wrestling gehe es in den Kampagnen von MAGA und Co nicht um Fakten, sondern um Effekte. Alle wissen, dass sie Teil einer großen Show sind, verhalten sich aber konsequent so, als wäre das Spektakel echt. Diese entgrenzte postfaktische Logik steht im Zentrum der Gruppenausstellung »Attitude Era«. Sieben künstlerische Positionen beleuchten darin das Verhältnis von Realität und Fiktion in Zeiten von Slopaganda, Deepfakes und Trumpismus.
Im Datendauerrausch
Was geschieht mit einer Gesellschaft, die zwischen Wahrheit und Lüge nicht länger unterscheidet? Für die Künstlerin Zuzanna Czebatul ist die Antwort klar: Sie dreht frei. Ihre Arbeit »Macromolecule Exploiting Some Biological Target IV (Reality/Embargo)« (2023) zeigt eine gigantische, aufblasbare Ecstasy-Pille, die stoisch um ihre eigene Achse kreist. Ecstasy, weiß man, kann das Bewusstsein erweitern, aber auch gefährlich vernebeln. Bei Czebatul wird die Droge zum Sinnbild für eine Gegenwart im Datendauerrausch, die sich immer mehr in ihren eigenen »alternativen Realitäten« verstrickt.

Dass Menschen der Macht von Trugbildern erliegen, ist nicht neu. Von jeher spielen Bilder eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung und Stabilisierung von Ideologien. Um diesen historischen Zusammenhang von Macht und Bild geht es in Andrea Ferreros ortsspezifischer Installation »It Portends Something Awful for Us« (2026). Als Vorlage für das Ensemble haben Ferrero drei Wasserspeier von der Fassade des Stephansdoms gedient. Mit viel Sorgfalt hat die Künstlerin das detailreiche Äußere der steinernen Ungeheuer rekonstruiert. Nur beim Material hat sie sich einen ironischen Twist erlaubt. Der süßlich-schwere Geruch, den die Figuren verströmen, liefert bereits einen Hinweis: Die sakralen Schreckbilder sind bei Ferrero nicht aus Stein, sondern aus Schokolade.
Ein paar Meter weiter wirft Alice Bucknell in der Videoinstallation »Zonomata« (2021) einen Blick in die Zukunft. Wir schreiben das Jahr 2036. Ein Meteoriteneinschlag hat die Erde fast völlig zerstört. Drei Star-Architekten präsentieren Vorschläge, wie man die verbliebenen bewohnbaren Zonen katastrophenfit machen kann. Ihre Vision: Privatstädte für Superreiche, smart, resilient und garantiert frei von Steuern und Demokratie. »Zonomata« ist im Dialog mit einem Chatbot entstanden. Bucknells Prompt: Kann Architektur uns vor der Apokalypse retten?
Realness in XXL
Keine Rettung, aber eine kurze (trügerische) Pause von den Zumutungen des Erwachsenendaseins versprechen die Plüschobjekte von Kiki Furlan. Mit flauschigen Eisenbahnschienen und einer schnaubenden Riesen-Spielzeuglok (»Railway Works« und »Choochoo«, beide 2024) versetzt uns Furlan in eine gespenstische Zone zwischen Kinderzimmer und Horror-Filmset. Drollige Monster aus Plüsch begegnen uns auch in der textilen Wandarbeit »Dobbergun« (2024) von Chun. Fragmente aus Meme-Culture, Gaming und Krieg hat der Künstler zu einem infernalischen Wimmelbild vernäht. Etwas abstrakter, aber nicht weniger absurd geht es in Ndayé Kouagous Video »A to Z« (2024) zu. Mit suggestiven, pseudo-smarten Fragen verwickelt uns Kouagou darin in eine wabernde Reflexion über das ABC.

Progressive Kräfte haben in den Meme-Schlachten der Gegenwart bislang das Nachsehen. Wie man das Spektakel erfolgreich hijacken kann, das zeigt die Karriere der Künstlerin – und Profi-Wrestlerin – Thekla Kaischauri alias Toxic Thekla. Im Rahmen von »Attitude Era« präsentiert der Kunstraum Theklas Malerei »The Ring« (2023) – eine rotzige Liebeserklärung an den Showkampfsport, gemalt von einer, die es wissen muss: Als Gewinnerin der »AAE Women World Championship 2026« steht die gebürtige Wienerin seit Anfang des Jahres an der Spitze der zweitgrößten Frauen-Wrestling-Liga der Welt. Wie viel »Realness« in ihrer Stage-Persona steckt? Theklas Antwort: »Das bin ich, in aufgetunter Version!«
Die Gruppenausstellung »Attitude Era«, kuratiert von Frederike Sperling und Pia Wamsler, ist bis 25. Juli 2026 im Kunstraum Niederoesterreich in Wien zu sehen.