Der Subkulturendrucker: Die Renaissance des Risographen

Der gutmütige „Krisendrucker“ für Kunst- und Technikfreaks.

© Nina Prader

Zwei Blatt pro Sekunde kann der Riso Drucker rausballern. Aus hellgrauem Plastik und mit smartiefarbenen Knöpfen besetzt, war die japanische Printmaschine – benannt nach ihrem Hersteller Riso Kagaku – anfangs der 1980er-Jahre in fast jeder Firma, sogar in Kirchen, anzutreffen und ist auch immer noch in Staatshäusern und Schulen zu Hause. Sowohl bei Künstlern als auch bei Technikern gewinnt der Risograph (ähnlich wie der Kassettenrekorder) massiv an Kultstatus und gilt als userfreundlichster Drucker. Der Mikroverlag, Soybot, ein Druckerkollektiv in Wien, das schon während Kunststudi-Zeiten seinen ersten Riso gekauft hat, erklärt sich die Beliebtheit des Riso durch die Schnelligkeit, die Intensität der Farbe und die Einfachheit der Maschine.

Mit einem Knopfdruck ist es möglich, Leuchtfarben wie Neon, Gold oder Acid-Grün aufs Papier zu bringen. Die Farbe ist auf Sojabasis, also fast vegan, (trotzdem nicht essen!) und daher nachhaltig und kosteneffizient im Verhältnis zu anderen Druckmethoden wie Digitaldruck oder Offset. Die Riso Deutschland mit Niederlassung in Hamburg meint: ,,Risographen erscheinen zwar immer so ein bisschen wie die Dinos unter den digitalen Drucksystemen, weil es sie schon seit über 40 Jahren gibt und sich an ihrer Siebdrucktechnik wenig verändert hat. Bis heute überzeugen sie allerdings und werden von ihren Besitzern heiß und innig geliebt.“ ,,Dieser Drucker wird auch besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten interessant“, erklärt der kleine Berliner Pegasus Verlag, der sich hauptsächlich dieser Druckmethode hingegeben hat. Liebevoll spricht der Verlag vom ,,Krisendrucker“, der ,,Sparkassen-Rot“ neben Lila und Schwarz im Sortiment hat. ,,Gutmütig und belastbar“ sind weitere Adjektive, mit denen der Apparat gelobt wird. In der Druckerwelt haben manche Risos 16 Millionen Seiten produziert.

Die Innereien des Risographen © Institute for Research Art & Technology (RIAT)

Szenedrucker

Was den Riso aber wirklich besonders macht, sind die Gemeinschaften und die Kultur, die sich rund um ihn bilden. Das Schlagwort ist „Zugänglichkeit“; Verwendung findet der Drucker bei Künstlern und Technophilen in Do-it-yourself-Subkulturen. Da die Technologie eine ältere ist, wird das Know-how hauptsächlich per Online-Forum und mündlich geteilt, die teuren Farbtrommeln werden unter den einzelnen Kollektiven getauscht. Dadurch bilden sich Netzwerke oder im besten Fall Freundschaften, hinter denen Anarcho-Geist sowie Open-Source-Ethik steckt. Die Parole: wild drucken, einfach bedienen und Wissen teilen. Da die Zine-Kultur auf Wissensteilung und Nachhaltigkeit baut, ist die Schnelligkeit des Riso bei gleichzeitiger Umweltfreundlichkeit besonders interessant. Auch in politischen Kontexten wird der Riso für Poster oder Flugblätter angewandt und im Kunstbetrieb taucht er als ein beliebtes Werkzeug auf. Die Technologie erlebt eine Art Renaissance.

Playstation-Mutant

Wie bei einem Kopierer tippt man die Anzahl der Kopien auf den bunten Tasten ein. Der digitale Duplikator ist ein Hybrid, operiert wie ein Scanner- und ein Siebdrucker-Mutant, ist aber so einfach zu bedienen wie eine alte Playstation. Weil die Maschine nur auf die wesentlichen Komponenten des Druckens reduziert ist. Gerade in der Einschränkung liegt die Freiheit: monochrome Farben, raue Papiere, simples Interface. Um mehrfarbig zu drucken, muss man jedes Mal die Farbtrommel auswechseln. Ein Motiv wird auf die Scan-Fläche der Maschine gelegt. So wird das Motiv direkt auf ein Transparent, das auf der monochromen Farbtrommel liegt, kopiert. Das nennt sich Master. Normalerweise geht in einer Kopiermaschine das Papier durch die Maschine, macht eine Kurve, und die Gefahr besteht, dass das Papier stecken bleibt. Beim Riso wandert das Papier gerade durch die Maschine. Die Farbtrommel macht eine Bewegung auf dem Papier. Die Tinte wird direkt vom Papier aufgesaugt. Ein Adrenalinkick, blitzschnell vervielfacht: Bild auf Papier.

Der Riso ist auch ein Spielplatz für Nerds. Wer ein Riso-Handbuch hat, ist zwar gut bedient, aber es gibt Tricks zu lernen, um die Hardware zu modifizieren. Am 21. Mai fand in Wien die aller erste Riso-Tagung im Rahmen des Coded Cultures Festival 2016 und dem Open Hardware Europe Summit statt, veranlasst vom Research Institute for Arts and Technology (RIAT). Hier stand ein offener Umgang mit technologischen Ressourcen am Tagesplan. Internationale Kollektive und Verlage wie Page 5, Look Back, aber auch Soybot und das Open Publishing Lab aus Wien versammelten sich zum Austausch und zur Diskussion über Hacks. Außerdem wurde der Risograph medizinisch seziert und auseinander gebaut. „Die Gedärme“, die Verkabelungen der Maschine, funkelten einem entgegen. Die TeilnehmerInnen beugten sich über die Maschine, deuteten auf Schwachstellen und wühlten in den Innereien mit Werkzeug. „Wenn man weiß wie etwas geht, muss man keine Angst davor haben“, meint eine Vorsitzende vom RIAT.

Jeder Druck ein Unikat

Der Risograph bleibt ein Klassiker, jeder Druck ein Unikat. In Zukunft wird sich wenig an der Oldschool-Technologie verändern, die Druckqualität soll sich aber verbessern. So soll die schwarze Tinte der Risographen nicht mehr nur auf Sojaölbasis, sondern auf Reiskleie basieren. ,,Der Vorteil dieser Tinte ist, dass sie länger hält und die Ausdrucke nicht so schnell vergilben. Ein weiterer Vorteil: Reiskleie ist ein Abfallprodukt, das bei der Reisproduktion anfällt – also ein extrem ressourcenschonender Rohstoff. Und weil unser japanischer Mutterkonzern Riso Kagaku die Reiskleie direkt vor Ort bezieht, fallen auch lange Transportwege für die Anlieferung der Inhaltsstoffe aus. Das hilft, CO2 zu reduzieren“, so Riso Deutschland.

Gleichzeitig mysteriös und total zugänglich – der Bonbon-Farben speihende Riso bleibt der netteste Drucker aller Zeiten. Ökonomisch, ökologisch, und kulturell nachhaltig.

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