Wachstumsschmerz

Zugegeben – ich bin nicht Zielgruppe. Aber ich denke, die Zielgruppe kann sich auch ohne dieses Buch langweilen.

So, jetzt hat jeder Lebensabschnitt ganz offiziell seine Krise. Die Quarterlife-Krise ist mit Sarah Kuttners „Wachstumsschmerz“ wohl endgültig nicht mehr wegzubekommen. Und jetzt ebenfalls offiziell: Junge Europäer haben nichts zu erzählen – weil sie nichts erleben. Und was sie erleben, spüren sie nicht, jedenfalls nicht die scheintote Protagonistin Luise – Herrenschneiderin und Nicht-Schauspielerin.

Die Handlung: Ein junges Paar sucht sich eine Wohnung, findet sie und wird nicht so richtig glücklich. Fesselnd.

Man hat schon alle Hände voll zu tun, damit das eigene Leben nicht fad ist, aber das standardisierte Jungmenschendasein mit seinen standardisierten Emotiönchen und Kriselchen, die nur eine Spur von Relevanz haben, weil es eben die eigenen sind, ist – wie es die FAZ schreibt: „Unendlich normal, unendlich öde.“

Die besseren Abschnitte sind die Memos, in denen der Trennungsschmerz zwar etwas stereotyp, aber durchaus mitfühlbar abgearbeitet wird. Und manchmal, so zwischendurch, schimmert sogar so etwas wie eine schöne Liebesgeschichte durch, die gegen Ende hin besser und handwerklich gut gestaltet wird – zumindest für Menschen, die mit Kitsch leben können.

Die selbst noch unter der niedrigen Latte der Resthandlung liegenden Abschnitte sind jene, in der alte Herren altklugen Mist erzählen oder die Psychologie studierenden Schwester der … äh … Heldin, Psychoklischees drischt. Während der Rest nur dahinödet, tut das richtig weh.

Oder haben wir es hier mit einer literarisch fein gearbeiteten Situationsanalyse der aktuellen Leichtigkeit des Seins zu tun? Eine Abrechnung mit einer Generation, die es verpasst, das eigene Leben mit Gefühlen auszustatten? Natürlich nicht, das anzunehmen wäre viel zu großspurig, dennoch scheint Luises Geständnis, appetitlos zu sein, keinen Hunger auf irgendetwas zu haben, einen ehrlicher Moment darzustellen. Nur wer so appetitlos ist, wird so ein Buch schreiben. Oder lesen. Luise im Originalton nach einer Kletterstunde: „Öde. Kaffee?“ Ja, gerne. Und meinen Kaffee wird die Frage begleiten, wie viele Menschen in diesem Alter echt so kein Leben haben.

Zugegeben – ich bin nicht Zielgruppe. Aber ich denke, die Zielgruppe kann sich auch ohne dieses Buch langweilen.

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