Rotes Wien reloaded

Das Thema Gemeindebau steht im Mittelpunkt zweier Kunstprojekte. Nicht zuletzt, weil es höchst brisant ist.

Als Bürgermeister Michael Häupl im Wahljahr 2015 ankündigte, dass die Stadt wieder Gemeindebauten errichten will, war dies die zentrale Botschaft der SPÖ zum Thema Wohnungspolitik. Leistbarer Wohnraum wird in Wien knapper, der geförderte Wohnbau über Genossenschaften ist zwar rege, aber eben auch nicht für alle erschwinglich. Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums wird die Sache eng.

Historisch gesehen ist der Gemeindebau das zentrale Projekt des Roten Wien. In den 20er Jahren durch eine eigene Wohnbausteuer („Breitner-Steuer“) finanziert, gilt er international als Paradebeispiel für eine ebenso ambitionierte wie gelungene Maßnahme angesichts der katastrophalen Wohnverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Massenwohnbau in der Form, wie er gebaut wurde, stieß damals allerdings nicht nur auf Gegenliebe. Der österreichische Architekt Josef Frank verurteilte die Monumentalität der „Volkspaläste“ und sprach sich vehement für Reihenhaussiedlungen aus, für die u.a. auch Adolf Loos eintrat. Frank beteiligte sich dennoch an Gemeindebauentwürfen, seine spezifischen gestalterischen Zugänge kann man anhand von Plänen und Fotos in der aktuellen Frank-Ausstellung im MAK nachvollziehen.

Gemeindebauschrift

Dass das Erbe des Roten Wien nicht nur von der SPÖ immer wieder beschworen wird, sondern auch künstlerische Auseinandersetzungen herausfordert, liegt auf der Hand. Ein spannendes Projekt präsentierte soeben die Kunstuni Linz in Wien, und zwar in der Galerie West 46. Studierende der Abteilung Visuelle Kommunikation beschäftigten sich mit den Beschriftungen auf Gemeindebauten (deren Gestalter meist unbekannt sind) und entwarfen darauf basierend eigene Schriften, die nun unter einer Creative Commons Lizenz frei zum Download zur Verfügung stehen. Der Projekttitel „Gemeindeschau“ verweist darauf, dass es sich nicht aus typografischen Gründen lohnt, Gemeindebauten näher unter die Lupe zu nehmen.

Gemeinde Bau Kunst

Ebenfalls im Rahmen des von Gerin Trautenberger initiierten Gemeindebaufestivals ist ab sofort die Ausstellung „Gemeinde Bau Kunst“ im West 46 zu sehen (bis 28. Jänner), eine Kooperation zwischen IgersAustria und dem Verein Creative City. Kuratiert wird die Ausstellung (gemeinsam mit Trautenberger) von der Soziologin und Fotografin Cornelia Dlabaja. Ihre Bilder von Gemeindebauten und weitere Fotos, die im Rahmen eines Instagram-Wettbewerbes entstanden, sind im ersten Teil der Ausstellung zu sehen. Ergänzt werden diese visuellen Bestandsaufnahmen in einem zweiten Teil von Visionen der Künstlergruppe „IRGA-IRGA Crew“.

Denn Kunst am Bau ist wesentlicher Bestandteil der Geschichte von Gemeindebauten. Und dass etwa Street Art und Graffiti eine passende Weiterentwicklung davon sein könnten, ist schon an einigen Stellen in der Stadt zu sehen. Wer sich die historischen Vorgänger ansehen will, kann dies in einer weiteren Ausstellung tun: Das Wien Museum zeigt ab 28. Jänner die Werke von Otto Rudolf Schatz und Carry Hauser, zweier Künstler der Zwischenkriegszeit, die nach 1945 vom damaligen kommunistischen Kulturstadtrat Viktor Matejka mit Aufträgen für Kunst am Bau versorgt wurden.

Im Rahmen der „Gemeinde Kunst Bau“-Ausstellung finden übrigens zwei Diskussionen statt, die sich mit der Zukunft von Kunst am Bau sowie mit den Visionen für den sozialen Wohnbau von morgen beschäftigen. Wer eine Vision hat, soll zum Arzt gehen – das hat Helmut Schmidt mal gesagt, später wurde es oft wiederholt, u.a. von Franz Vranitzky. Doch ohne Visionen hätte es das Rote Wien nie gegeben. Und ohne Visionen wird man wohl auch die aktuellen Probleme nicht lösen können.

Das Gemeinde Bau Festival eröffnet am 20. Jänner in der West46 in 1070 Wien und läuft bis 28. Jänner 2016.

typo.gbfestival.at/index.html

instagram.gbfestival.at/ausstellung

Bild(er) © Cornalia Dlabaja, freshmax, Gemeindeschau/Uni Linz
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