Sex and the Lugner City: Performative Männer, lol

Josef Jöchl artikuliert in seiner Kolumne ziemlich viele Feels. Dieses Mal fragt er sich wie authentisch cishet Dudes beim Croptop-Tragen sein können.

© Ari Yehudit Richter

Es gibt viele Gründe, warum ich froh bin, nicht heterosexuell zu sein. Mit Partnern mühelos Klamotten zu tauschen, ist nur einer davon. Diesen Sommer zog sich meine Erleichterung sogar über mehrere Wochen, als gerade die performative males durchs digitale Dorf getrieben wurden. Damit sind die cis-männlichen Versionen von pick me girls gemeint: hetero Typen, die öffentlich ihre Männlichkeit aufweichen, indem sie Croptops tragen, in der U-Bahn feministische Literatur spazieren fahren und ihre lackierten Fingernägel am Rand ihres Matchabechers hervorlugen lassen.

Manche Leser*innen mögen sich nun fragen, was eigentlich so schlimm daran ist. Sollen die Buben doch ein Labubu am Rucksack tragen, wenn sie das möchten! Ist es 2025 überhaupt möglich, sich dem Zauber von Clairo zu entziehen? Ein gemütlicher Cardigan im Schrank hat noch niemandem geschadet! Doch die Kritik an den performative males entzündete sich an ihrem berechnenden Verhalten. Es ginge ihnen vor allem darum, die romantische Aufmerksamkeit junger FLINTA* auf sich zu ziehen. Puh, noch mal Glück gehabt, dachte ich mir, als ich online die letzte Volte des Diskurses nachvollzog, während ich mir mein frisch gecropptes Top zurechtzupfte.

It’s Fashion

Auch ich habe erst heuer den Mut aufgebracht, öffentlich ein zwar boxy fittendes, aber doch deutlich gecropptes Top zu tragen, was für einen elder Millennial außerhalb einer Tally-Weijl-Filiale noch immer ein bisschen daring ist. Vor Kurzem brachte ich ein paar Kleidungsstücke, die ihre besten Zeiten bereits überlebt hatten, in die Änderungsschneiderei meines Vertrauens. Der ältere türkische Herr, der sie betreibt, begutachtete die T-Shirts, die ich an den zu croppenden Stellen mit Isolierband abgeklebt hatte. Dann blickte er über den Rand seiner Lesebrille und zerschmetterte in drei Wörtern meine neu erworbene Fotzigkeit. Er fragte: »Warum so kurz?«

Sollte ich ihm erklären, dass auch Männer, wie man so schön sagt, ihre oats fühlen und gleichzeitig ihre Körperform affirmieren wollen? Ich entschied mich, keine kostenlose Aufklärungsarbeit zu leisten und es bei einem wohlmeinenden »It’s fashion!« zu belassen. Seither komme ich jedoch nicht umhin, mich zu fragen, wie viele Croptop-Träger wohl ähnliche Erfahrungen machen müssen. Welche T-Shirt-Länge gilt denn eigentlich als performativ? Verunglimpft man die progressiv anmutenden Males nicht zu Unrecht? Wie kann man als cis Mann ein Feminist sein, ohne dass es aufgesetzt wirkt? Die Antwort: Unangenehm wird es dann, wenn man(n) mit seinem Feminismus hausieren geht.

Jede Story hat mehr als eine Slide

Mir ist natürlich bewusst, dass auch ich von der patriarchalen Dividende profitiere, wenngleich bedeutend weniger als ein cishet Dude. Dennoch möchte ich hier öffentlich und ferndiagnostisch eine gefühlte Wahrheit umkreisen: Wenn du eine etwas nervige Person bist, bleibst du nervig, selbst wenn du vorgibst, angenehme Dinge zu tun. Es gibt diese Sorte Männer, die sich gerne auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt und dafür gratismutig posiert, vermutlich um das eigene schlechte Gewissen zu entlasten und/oder sich anderen überlegen zu zeigen.

Wie authentisch dieses Verhalten ist, lässt sich von außen natürlich nicht beurteilen – wie fast immer bei (Anti-)Social Media. Öffentliche Moralbezeugungen sind niemals nicht theaterhaft. Die richtigen Slides in die Story zu geben, kann so schon mal mit feministischer Praxis verwechselt werden. Aber wer bin ich überhaupt, um darüber zu urteilen? Auch meine Identität ist gelayert aus Performances, die ich in dieser Kombination vielleicht nur einmal trage und schneller wegwerfe, als Sascha Lobo »Ich bin ein Differenzfeminist« in ein Podcastmikro sagen kann. Jede Geste ausgehöhlt, die Ästhetik komplett durchkommodifiziert. »Pretty Girl« von Clairo habe ich zum Beispiel in einem Urban Outfitters shazamt.

Nicht Charli XCX’ Tante

In den Siebzigern galtst du vermutlich schon als waschechter Softboi, wenn du nach dem Brunzen die Klobrille wieder runtergeklappt hast. Das reicht heutzutage nicht mehr. Wer sich als Ally in feministischen Kämpfen versteht, sollte zuhören, sich informieren, sich engagieren und reflektieren, hin und wieder auch mal das Maul halten. Wer hingegen nur post, läuft Gefahr, selbst mit schlecht aufgetragenem Nagellack und nackter Taille ein bisschen wie Charli XCX’ Tante rüberzukommen. Es ist so viel von männlicher Einsamkeit die Rede und dass sie epidemische Ausmaße angenommen habe. Viele progressive cishet Männer suchen vielleicht nach einem Gemeinschaftsgefühl jenseits der altbekannten Männerbünde. Was in dieser ganzen Sache mit den performative males nämlich auch immer miterzählt wird, ist, wie einschränkend die gängigen Ausdrucksformen von Cis-Männlichkeit noch immer sind. Vielleicht sollten cis Heten ihre Clairo-Croptops anfangs nur in Umkleiden oder in Fußballstadien tragen und sich dann gegenseitig fragen, ob sie mehr als drei Clairo-Songs kennen. Es könnte ein Anfang sein. 

Josef Jöchl ist Comedian. Sein aktuelles Programm heißt »Erinnerungen haben keine Häuser«. Termine und weitere Details unter www.knosef.at. Per E-Mail ist Josef unter joechl@thegap.at zu erreichen, auf X (vormals Twitter) unter @knosef4lyfe.

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