Sleaford Mods im Wiener Flex: Die Wut muss raus

Das britische Duo Sleaford Mods brachte gestern Abend die Wut ins ausverkaufte Wiener Flex.

© Nikolaus Ostermann

Sleaford ist eine Stadt in der englischen Grafschaft Lincolnshire, in der, so heißt es, Jason Williamson erstmals in Kontakt mit der Mod-Kultur gekommen ist. Jahre später sollte aus dieser Begegnung die Band Sleaford Mods entstehen, die seit 2007 neun Alben und zahlreiche EPs veröffentlicht hat – und die eigentlich aus Nottingham kommt und mit dem typischen Mod-Sound recht wenig am Hut hat. Auf ihrem neusten Album „English Tapas“ setzen sich Williamson und sein Partner Andrew Fearn, wie sollte es auch anders sein, mit dem Zustand Großbritanniens auseinander – prollig und voller Protest. Gestern brachten die beiden einen Teil der Aggression, die sie in sich tragen, mit ins ausverkaufte Flex.

Eröffnet wurde der Abend von der rotzigsten Band, die die deutschsprachige Punkszene momentan zu bieten hat: Pisse. Im Internet machen sie sich rar – keine Facebook-Seite, kein Spotify, die Songs gibt es nur auf Bandcamp und Vinyl. Auf der Bühne zünden sie an ihren Mikrofonständern festgeklebte Pyrotechnik an. Pisse schreiben Zeilen wie „Ich bin der schönste Mann in der Nervenheilanstalt“ und „Ich zieh ’ne Line Crystal Meth aus dem Arschloch von meinem Chef“. Schade nur, dass es Letztere, sie stammt aus dem Song „Work/Life Balance“ von ihrem 2015 veröffentlichten Album „Mit Schinken durch die Menopause“, im Flex leider nicht zu hören gab.

Nach Pisse folgte der Auftritt von Mark Wynn, einem Typen mit Laptop, einem Stuhl und zwei Mikrofonen. Eine gute halbe Stunde dauerte seine Performance, bei der er zu eigenen und fremden Liedern, die er am Laptop abspielte, tanzte, sang und sich auszog. Zwischendrin erzählte er davon, dass die Leute nicht glauben könnten, dass er für diese Kunst bezahlt werde, um sich schließlich mit den Worten „Thanks for not throwing things at me“ zu verabschieden.

Sich über den Zustand des Jetzt auskotzen

Und schließlich der Haupt-Act. Sleaford Mods live, das bedeutet: Der eine, Williamson, schreit sich in seinem East-Midlands-Dialekt die Seele aus dem Leib, während der andere, Fearn, vor dem Laptop steht, mit dem Kopf nickt, die Playtaste drückt und Dosenbier trinkt. Die Musik, meist nur aus Drumbeat und Bassline bestehend, befeuert Sänger Willamson in seiner Wut, wenn er sich über den Zustand des Jetzt auskotzt – am stärksten in „B.H.S“, „TCR“ und „Moptop“.

Die Stimmung blieb während des gesamten Konzerts gleich: rau, aufgeladen und bereit, die Welt zu zerstören. Nur, wie beendet man eigentlich ein derart wütendes Konzert? Natürlich mit einem Mic Drop.

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